Wirtschaft : Deutsche Wirtschaftspolitik: Interview: "Die Politik spaziert, die Wirtschaft rennt"

Herr Heckman[die Konjunktur in Deutschland schw&a]

James Heckman (57), Professor an der Universität Chicago, bekam im vergangenen Jahr den Wirtschaftsnobelpreis.

Herr Heckman, die Konjunktur in Deutschland schwächelt, die Arbeitslosigkeit und die Lohnnebenkosten steigen. Kann die Regierung kurzfristig etwas gegen die Krise tun?

Es ist schwer, nun auf die Schnelle die Konjunktur anzukurbeln. Steuer- oder Lohnsenkungen verbessern die Wettbewerbsfähigkeit natürlich immer. Deutschland hat aber in erster Linie strukturelle Probleme. Hinzu kommen die Lasten der Wiedervereinigung.

Was muss denn geschehen, um die strukturelle Arbeitslosigkeit zu senken?

Die Deutschen müssen massiv in das Ausbildungssystem investieren. Vom Hochschulsystem hängt ab, wie wettbewerbsfähig ein Land in der Zukunft ist. Die Qualifikation der Hochschulabsolventen muss stärker den Anforderungen des Arbeitsmarktes entsprechen - besser ausgebildete Menschen werden auch seltener arbeitslos. Zugleich braucht es mehr Wettbewerb im Hochschulbereich um die besten Köpfe. Und die starren Regulierungen auf dem Arbeitsmarkt müssen gelockert werden.

Die Bundesregierung versucht stattdessen, mit aktiver Arbeitsmarktpolitik die Beschäftigung zu steigern. Ist das der richtige Weg?

Die Idee, junge Menschen weiterzubilden, ist gut, wenngleich man von Arbeitsmarktpolitik keine Wunder erwarten sollte. Bei Älteren, besonders im Osten, ist Beschäftigungspolitik keine sinnvolle Investition. Die Kosten für den Staat sind unter dem Strich weitaus höher als die Lohnsteigerung beim Arbeitslosen, die am Ende herauskommt. Ohnehin führen viele Maßnahmen nicht zu besseren Einstellungschancen.

Ältere Arbeitnehmer sind also überflüssiger Ballast auf dem Arbeitsmarkt?

Nein. Man sollte sie mit Lohnsubventionen integrieren und ihnen eine würdevolle Beschäftigung geben. Die Weiterbildung in puncto High-Tech sollte man aber auf Junge konzentrieren.

Keine besonders gerechte Lösung.

Stimmt, darauf legen die Deutschen immer besonderen Wert. Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit behindert aber den Aufbau von Beschäftigung.

Ist soziale Gerechtigkeit etwas Schlechtes?

Nein, aber es zerstört Anreize und Wachstumschancen. Durch die geringen Lohndifferenzen sinkt der Anreiz, etwas zu lernen. Erst größere Lohnunterschiede machen Leistung interessant. Deshalb bremsen zentral ausgehandelte Tariflöhne auch die Innovationskraft eines Landes.

Die geringere Ungleicheit sichert aber den sozialen Frieden.

Für den Preis der Ausgrenzung eines nicht unwesentlichen Teils der Bevölkerung, der Arbeitslosen. Es geht aber darum, ständig die Chancen auf Arbeit für alle zu verbessern, nicht darum, im Sinne der vermeintlichen Gerechtigkeit eine einmal erbrachte Wirtschaftsleistung zu verteilen. Ungleichheit führt zu mehr Wachstum, davon profitieren nicht nur die Begüterten, sondern auch die unteren Einkommensgruppen. Problematisch wird Ungleichheit nur, wenn einige Gruppen profitieren, andere aber nicht.

Wie beurteilen Sie die bisherigen Reformen der Bundesregierung?

Deutschland ist zwar heute weniger reguliert als vor 15 Jahren. Die Wirtschaft reagiert aber schneller auf Entwicklungen als die Politik. Die Politiker spazieren, und die Weltwirtschaft rennt. Durch den Welthandel und den technischen Fortschritt ist der Bedarf an qualifizierten Arbeitnehmern sprunghaft angestiegen. Deutschland versucht, mit Gesetzen und Regeln, die vor 30 oder 40 Jahren funktioniert haben, darauf zu reagieren. Das funktioniert nicht.

Damals galten die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft, die heute bei Politikern wieder in Mode sind. Passen sie also nicht zur Ökonomie des 21. Jahrhunderts?

Doch. Die Soziale Marktwirtschaft stand auch für die Flexibilität, sich den Anforderungen der Zeit anzupassen, auch in der Sozialpolitik. Damals war besonders der deutsche Arbeitsmarkt sehr flexibel. Das ist er heute nicht mehr, weil sich die Zeiten geändert haben.

Was passiert, wenn die Deutschen so weitermachen wie bisher?

Es wird immer teurer für die Deutschen, sich ein so hohes Maß von sozialer Absicherung zu leisten. Deutschland wird ein sterbender Stern sein, wenn es versäumt, sich an die Weltwirtschaftsordnung anzupassen. Die nächste Generation wird dann ein weitaus weniger wettbewerbsfähiges Land vorfinden. Nach dem Krieg waren die Deutschen viel dynamischer, risikofreudiger. Warum sollten sie das nicht wieder werden?

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