Wirtschaft : Deutsche wollen britische Mobilfunkanbieter Orange für 48 Milliarden Mark kaufen

dri/tik

Die Mannesmann AG, Düsseldorf, befindet sich in Übernahmeverhandlungen mit dem britischen Mobilfunkanbieter Orange plc. In einer aus einem Satz bestehenden Pressemitteilung bestätigte die Mannesmann AG am Dienstag, sich in Gesprächen zu befinden, "die zu einem Angebot von Mannesmann für Orange plc. führen könnten".

Londoner Branchenfachleute wunderten sich über diese Gespräche. Im europäischen Rahmen hatten sie bislang Mannesmann klar an der Seite von Vodafone-Airtouch gesehen. Das US-britische Mobilfunkunternehmen besitzt einen Minderheitsanteil an Mannesmann Mobilfunk. Vodafone würde auf dem europäischen Mobilfunkmarkt durch einen Zusammenschluss von Orange und Mannesmann an den Rand gedrängt, hieß es. "Es ist eine Friss-oder-stirb-Situation für Vodafone, was ich jetzt empfehle, ist schleunigst ein Gegenangebot für Mannesmann vorzulegen", sagte ein Analyst.

Die Frankfurter Börse quittierte die Meldungen mit einem deutlichen Kursverlust für die Mannesmann-Aktie. Analysten äußerten die Sorge, Mannesmann könnte sich übernehmen. Die Orange-Aktie, die bereits in den vergangenen Tagen um zehn Prozent geklettert war, verzeichnete am Dienstag hingegen zeitweise einen Kursgewinn von bis zu zehn Prozent. Per Saldo betrug das Plus 3,7 Prozent. Eine Sprecherin von Orange bestätigte, dass Mannesmann sich für das Unternehmen insgesamt interessiere und nicht nur für den vom Hongkonger Mischkonzern Hutchison Whampoa, gehaltenen 44,8 Prozent-Anteil. Hutchison hatte im Februar seinen Anteil um 4,2 Prozent reduziert und damit Übernahmespekulationen um Orange angefacht.

Finanzexperten in der Londoner City rechnen mit einer Barofferte von Mannesmann, die durch eine Aktienplatzierung finanziert wird. Den richtigen Zeitpunkt für einen günstigen Preis hätten die Deutschen allerdings verpasst: Auf den einzelnen Kunden umgelegt liege der Preis von Orange durch den jüngsten Kursanstieg bereits bei 5 800 Dollar. Im Vergleich sei die Deutsche Telekom bei One-2-One mit einem Preis von 5 000 Dollar günstiger weggekommen.

Mit einem Erwerb des drittgrößten Mobilfunknetzbetreibers bekäme Mannesmann das bereits seit längerem gewünschte Standbein in Großbritannien. Wie es heißt, führt Mannesmann die Verhandlungen mit Orange-Großaktionär Hutchison Whampoa, Hongkong. Fünf Prozent hält noch British Aerospace, der Rest wird an der Börse gehandelt und befindet sich zu größten Teilen in Händen von Fondsgesellschaften.

Orange bedient 3,5 Millionen Kunden und wird an der Börse mit 16 Milliarden Pfund (umgerechnet 48 Milliarden Mark) bewertet. Allein im dritten Quartal dieses Jahres gewann das Unternehmen eine halbe Million Kunden hinzu. Orange hat in Großbritannien 6 000 Mitarbeiter. Die Aufsichtsbehörde Oftel stufte Orange vor kurzem als den besten unter den vier Anbietern auf dem britischen Markt ein.

Neben dem Marktzutritt in Großbritannien würde Mannesmann außerdem die Chance auf eine Beteiligung in der Schweiz erwerben. Allerdings müsste Vorstandschef Klaus Esser dann zunächst mit dem Viag-Telekommunikationsvorstand Maximilian Ardelt verhandeln, denn Orange und Viag sind zu gleichen Teilen an der Schweizer Orange beteiligt.

Die möglichen Pläne Essers stießen an der Frankfurter Börse auf große Skepsis. Neben dem hohen Kaufpreis wird vor allem darüber gerätselt, wie Mannesmann eine Übernahme finanzieren will. "Mit dem Verkauf von Beteiligungen könnte die Summe nur teilweise aufgebracht werden. Nach dem Kauf von Omnitel halte ich eine Fremdfinanzierung eher für unwahrscheinlich", sagte Telekom- Analyst Ralf Hallmann von der Bankgesellschaft Berlin mit Blick auf die jüngsten Zukäufe des Konzerns in Italien. Dort hatte Esser für 14,9 Milliarden Mark die zuvor gemeinsam mit Olivetti geführten Telefongesellschaften übernommen, als Olivetti Telecom Italia kaufte.

Mannesmann, so Hallmann, komme deshalb wohl nicht an einer Kapitalerhöhung vorbei. "Die müssten sie aber schon gut begründen können, denn zumindest auf den ersten Blick scheint der Preis für Orange doch sehr hoch zu sein", sagte Hallmann weiter. In London trieb die Nachricht den Kurs der Orange-Aktie zeitweilig um 10% nach oben. Deshalb befürchteten Mannesmann-Analysten, dass der Preis für Orange noch um einige Milliarden Euro steigen könnte.

Gestern erschien es allerdings einigen Marktbeobachtern noch unklar, ob Hutchison Whampoa tatsächlich sein Mobilfunk-Standbein in Europa aufgeben will. Noch im Bietergefecht um E-Plus wollte Orange als Käufer auftreten, scheiterte aber an dem weitaus höheren Gebot von France Télécom. Die hohen Preise für Mobilfunkgesellschaften könnten allerdings genau der Auslöser bei Hutchison gewesen sein, das Telekommunikationsengagement zu überdenken. Denn das Kerngeschäft der Hongkonger, denen die Häfen Rotterdam und Schanghai sowie eine große Containerschiffflotte gehören, liegt im Transport- und Finanzmarktgeschäft.

Erst am Montag hatte France Télécom bekannt gegeben, den Mehrheitsanteil von Veba und RWE an E-Plus zu kaufen. Dabei war E-Plus, die mit 3,2 Millionen Kunden ähnlich groß ist wie Orange, mit 30 Mrd. DM bewertet worden. Vor einigen Wochen hatte die Deutsche Telekom AG den viertgrößten britischen Mobilfunknetzbetreiber One-2-One für 20 Mrd. DM gekauft. Vor dem Hintergrund, dass sich überall in Europa die Mobilfunkallianzen zugunsten klarer Machtverhältnisse auflösen, geriet der drittgrößte französische Betreiber Bouygues Télécom ins Blickfeld der Auguren. Bei Großaktionär Bouygues sollen die Kaufinteressenten Schlange stehen. Allen voran die Deutsche Telekom: Nach dem Ende der Allianz mit France Télécom böte sich hier die Möglichkeit zum Einstieg in Frankreich. Aber auch der Übernahmekandidatin Orange wird Interesse an dem französischen Anbieter nachgesagt.

Die Mannesmann AG hat Kaufinteresse am drittgrößten Mobilfunkanbieter Großbritanniens, Orange plc., bekundet. Es würden Gespräche geführt, "die zu einem Angebot von Mannesmann für Orange führen könnten", bestätigte das Düsseldorfer Unternehmen am Dienstag einen Bericht des "Wall Street Journal Europe" vom selben Tag. Die Wirtschaftszeitung meldete unter Berufung auf unternehmensnahe Kreise, Mannesmann wolle rund 48 Milliarden Mark für Orange bieten. Es liefen bereits Verhandlungen mit dem Orange-Hauptaktionär Hutchison Whampoa in Hongkong, der eine 44-prozentige Beteiligung an der britischen Telefongruppe hält. Eine Einigung sei noch in dieser Woche denkbar, hieß es.

Sollte sich der Kaufpreis bestätigen, böte Mannesmann mehr als doppelt so viel für den britischen Betreiber, als die Deutsche Telekom Anfang August für die Übernahme des nur unwesentlich kleineren britischen Mobilfunkanbieters On2One ausgegeben hat. Der deutsche Ex-Monopolist zahlte rund 20 Milliarden Mark für One2One. Orange nimmt mit 3,5 Millionen Kunden Rang drei auf dem britischen Markt ein, One2One ist mit 3,25 Millionen Kunden viertgrößter Anbieter, wächst aber nach Angaben der Deutschen Telekom deutlich schneller als die übrigen Mobilfunkfirmen im Vereinigten Königreich. Orange weist dagegen wertvolle Auslandsbeteiligungen vor allem in der Schweiz, Belgien und Österreich auf. In Deutschland ist Großaktionär Hutchison mit einem Service-Provider vertreten, der Hutchison Telecommunications GmbH.

Branchenkenner nannten den angeblichen Kaufpreis "sehr hoch". Gerätselt wurde in Analystenkreisen am Dienstag denn auch darüber, wie der Konzen die notwendigen Mittel aufbringen könnte. "Mit dem Verkauf von Beteiligungen könnte die Summe nur teilweise aufgebracht werden", sagte der Telekom-Analyst von der Bankgesellschaft Berlin, Ralf Hallmann.

Nach dem Kauf von Omnitel halte er eine Fremdfinanzierung eher für unwahrscheinlich, betonte er mit Blick auf die jüngsten Zukäufe des Konzerns in Italien. Deshalb komme Mannesmann wohl nicht an einer Kapitalerhöhung vorbei. Der Mannesmann-Konzern muss noch die milliardenschwere Übernahme der früheren Telekom-Aktivitäten des Olivetti-Konzerns in Italien verdauen, der sich beim Übernahmekampf um Telecom Italia durchgesetzt und seine alten Aktivitäten in dem Bereich - Omnitel und Infrostrada - daraufhin abgestoßen hatte.

"Die müssten sie aber schon gut begründen können, denn zumindest auf den ersten Blick scheint der Preis für Orange doch sehr hoch zu sein", sagte er weiter. Der hohe Kaufpreis "dürfte sich bestenfalls langfristig rechnen", wenn Orange in ein europaweit vernetztes Angebot einmünden und Mannesmann damit eine stabile Marktposition sichern würde, betonte Hallmann. Zudem sei fraglich, ob Orange-Großaktionär Hutchison Whampoa so ohne weiteres sein Standbein im britischen und europäischen Mobilfunkbereich aufgeben wolle. Auch einen Aktientausch zwischen Mannesmann und Hutchison Whampoa komme wohl nicht in Frage, da dann der Mannesmann-Gewinn deutlich verwässert würde. Ohnehin Hutchison mehr an Bargeld interessiert.



Rein strategisch wäre ein Zukauf von Orange zwar sehr sinnvoll für Mannesmann, da der Konzern dann in allen wichtigen Mobilfunkmärkten Europas "hervorragend" positioniert sei. "Aber dann hätten sie auch One2One kaufen können", sagte der Telekom-Analyst.

An der Frankfurter Börse verlor die Mannesmann-Aktie nach Bekanntwerden der Kaufabsichten zwischenzeitlich mehr als vier Prozent. Sie pendelte am Mittag knapp unter 150 Euro (gut 293 Mark). Nachdem die Orange-Aktie in London im Vormittagshandel um fast zehn Prozent zulegte, schrumpfte der Kursgewinn auf gut zwei Prozent.

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