Wirtschaft : Deutscher Mittelstand nicht jahrtausendfest

ULRIKE MEIER

Vorprogrammiertes Computer-Chaos zur Jahrtausendwende: Ohne Software-Check droht der KonkursVON ULRIKE MEIEREine Bankfiliale in Schottland steht vor einem ärgerlichen Problem, wenn der Geschichte aus dem Internet zu glauben ist: Der Zugang zu ihrem Tresorraum wird von einem Microchip gesteuert, der fest in die Wand gemauert ist - diebstahlsicher.Nur kennt der elektronische Baustein leider das Jahr 2000 nicht.Er bleibt auf ewig dem 20.Jahrhundert verhaftet.Der erste Januar 2000, ein Sonnabend, ist für ihn daher ein Montag, wie der 1.Januar 1900.Also öffnet er die Tresortüren wie an jedem Werktag.Am folgenden Donnerstag aber, da ist für den Chip dann Wochenende, hält er die Tore dicht.Kein Kunde kommt an seine Preziosen.Zur Lösung des eingemauerten Problems bleibt nur der Abriß des Tresorraums.So hart wird das Problem der Computer mit dem Jahr 2000 nur wenige Unternehmen treffen, dennoch: "Wer jetzt nichts tut, geht daran pleite", sagt Ulrich Fröde, Leiter des Kompetenzzentrums Jahr 2000 bei Siemens Nixdorf Informationssysteme (SNI).Der Kern des Problems "ist wirklich sehr, sehr trivial", sagt Frank Sempert, Sprecher der "Initiative 2000", die sich um Aufklärung bemüht.Nur verdrängen es viele Unternehmen und bringen sich dadurch in eine existenzbedrohende Situation.Das Jahr 2000-Problem kann immer dann zuschlagen, wenn der Computer mit einem Datum umgehen muß.In den Kindertagen des Computers wurde hier nämlich gespart.Statt die Jahresangabe vierstellig, mit Jahrhundert, zu programmieren, wurden nur zwei Stellen reserviert.Das Jahr 1998 ist für den Computer also 98, das Jahr 2000 nur 00.Soll ein Programm nun beispielsweise das Alter eines Mitarbeiters ausgeben, der 1960 geboren ist, rechnet er 98 minus 60 also 38.Im Jahr 2000 allerdings käme er bei dieser Rechnung auf 60 - ein schneller Schritt Richtung Rente.Aus unternehmerischer Sicht kann dieser Rechenfehler schnell zu argen Problemen führen: So zum Beispiel, wenn das automatische Lagerhaltungssystem alle Waren rausschmeißt, weil sie das Haltbarkeitsdatum um 99 Jahre überschritten haben.Ärgerlich auch, wenn der Aufzug am 1.Januar in den Keller fährt, weil seine automatische Steuerung der Überzeugung ist, nach 99 Jahren wäre nun wirklich mal eine Wartung fällig, und die findet eben im Keller statt.Große Unternehmen haben das Problem inzwischen erkannt und eigene Arbeitsgruppen zur Lösung eingesetzt.Das kann finanziell sehr aufwendig werden.Wolfgang Dischler, der das entsprechende Team bei Daimler-Benz leitet, berichtete, daß die Stuttgarter rund 50 Mill.DM investieren.27 000 Programme werden auf Herz und Nieren geprüft, 30 bis 40 Prozent davon müßten verändert werden.Eine Investition, die für viele Unternehmen ärgerlich ist, gibt Sempert zu, schließlich wird nur das lauffähig gehalten, was zum Teil schon seit Jahren reibungslos funktioniert "Einen Mehrwert für das Unternehmen gibt es nicht."Dennoch ist die Vorbereitung notwendig, auch für kleine und mittlere Unternehmen.Ulrich Fröde rät jeder Firma, auch dem kleinen Handwerksbetrieb, zumindest so schnell als möglich eine Risikoanalyse in Angriff zu nehmen."Das ist nicht sonderlich teuer, und danach weiß man, woran man ist." Ob dann in die Beseitigung des Problems investiert wird, oder ob sich der Betrieb die Umstellung schlichtweg nicht leisten kann, kann anschließend entschieden werden.Rund 15 Prozent der Unternehmen in Europa, so habe eine unveröffentlichte Studie der EU ergeben, könnten durch das Problem in ihrer Existenz bedroht sein, berichtet Sempert.Allerdings sei diese Zahl nicht sehr gesichert.Der Sprecher der "Initiative 2000" macht sich "sehr große Sorgen" um den Mittelstand.Hier sei die Verdrängung des Problems am stärksten.Als ersten Schritt der Risikoanalyse empfielt er, die Lieferanten von Computern, Programmen und anderer Informationstechnologie (IT) anzuschreiben und zu fragen, ob ihre Produkte "jahrtausendfest" sind."Jahrtausendfest ist der inzwischen juristisch ziemlich erhärtete Begriff für das Problem", sagt er.Handwerksbetriebe etwa werden danach oft feststellen, daß das Jahr 2000 für sie kaum eine Frage ist.Unternehmen, die alles vom Auftrag bis zur Fakturierung mit ihrem Computersystem erledigen, bekommen wohl größere Probleme.Andererseits ist es gerade für sie jetzt dringend Zeit, sich des Problems anzunehmen, sind die Experten einig.Nicht nur, daß eine Preissteigerung erwartet wird, je näher die Jahrhundertwende rückt.Die Zeit selbst wird knapp.Das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik in Berlin, das Unternehmen beim Jahr 2000-Problem berät, kalkuliert rund zwei Jahre, einschließlich einer einjährigen Phase, in der die überarbeiteten Programme getestet werden.Herbert Weber, Leiter des Instituts, warnt zudem davor, das Jahr 2000-Problem als Stichttagproblem zu sehen.Kreditkartenbesitzer wurden heute schon damit konfrontiert, wenn ihre Karte bis zum Jahr 2000 gültig war; auch Daimler-Benz hat erste Erfahrungen: Für den Mercedes-SLK lagen im vergangenen Jahr bereits soviele Bestellungen vor, daß sie in diesem Jahrhundert nicht mehr abzuarbeiten waren, berichtet Dischler.Schon stellte sich im Auftragssystem die Frage nach der Doppelnull.Die will das Unternehmen ab Anfang März auch seinen Zulieferern stellen.In Zeiten der Just-in-time-Produktion reicht es schließlich nicht, die eigene Datenverarbeitung sauber zu haben, wenn es in der mittelständischen Zulieferindustrie zu Produktionsausfällen kommt.In Deutschland ist das Bewußtsein für das Jahrtausend-Problem sehr unterentwickelt, kritisieren Fröde und Sempert unisono.Vom höheren Problembewußtsein in anderen Teilen der Welt können in Zeiten des Internet auch deutsche Unternehmer profitieren.Unter der Adresse www.iid.de/jahr2000 ist zum Beispiel eine ausführliche Liste von Informationsquellen im Netz zu finden.Große Unternehmen wie Siemens Nixdorf

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