Wirtschaft : Deutscher Wein kann seine Stellung auf dem Binnenmarkt ausbauen, Pro-Kopf-Verbrauch steigt

Bernd Matthies

Allmählich kann es Carl Michael Baumann ein wenig ruhiger angehen lassen. Denn der langjährige Geschäftsführer des Deutschen Wein-Instituts zieht sich Ende Dezember in den Ruhestand zurück, und er geht in den Endspurt mit der fundierten Vermutung, dass der endlose Sommer 1999 nach einem milden Frühjahr den deutschen Winzern offenbar beschert, was sie dringend brauchen: viel Wein hoher Qualität. Die Mostgewichte liegen um fünf bis zehn Grad über dem Durchschnitt, kein Wunder, dass schon viel vom "Jahrhundertjahrgang" geredet wurde. Doch dieses inflationär genutzte Wort kann erst Ende Oktober wirklich gelassen ausgesprochen werden, wenn nämlich die Trauben der spät reifenden Sorten, vor allem des Rieslings, wohlbehalten in den Gärtanks angekommen sind. Viel ist schon geerntet worden, aber das betrifft vor allem die Müller-Thurgau-Trauben, deren Qualität für die Beurteilung des gesamten Jahrgangs kaum eine Rolle spielt. Denn Nässe und Fäulnis können noch eine Menge verderben.

Gestern also gab Baumann im Funkturm-Restaurant zum letzten Mal seinen schon traditionellen Bericht über die Lage der deutschen Winzerzunft, und er hörte sich deutlich zuversichtlicher an als in manchem der vergangenen Jahre. Das liegt vor allem daran, dass der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland kontinuierlich gestiegen ist und 1998 schon bei 23 Litern lag. Der deutsche Wein hat davon sogar überproportional profitiert und seine Stellung auf dem Binnenmarkt nach einem mäßigen 1. Quartal 1999 weiter ausgebaut: Mengenmäßig lag der Marktanteil im 2. Quartal mit 54 Prozent um vier Prozentpunkte über der Vorjahreszahl. Wertmäßig erreichte er sogar 59 Prozent, denn der deutsche Verbraucher gibt für die Flasche Wein aus dem Inland durchschnittlich 6,50 Mark aus, über eine Mark mehr als für ausländische Produkte. Zugelegt haben vor allem die Rotweine, die von der neuen Winzergeneration aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt wurden.

Die Probleme liegen im Export. Denn obwohl Wein in den meisten Industrieländern der Welt als Ausdruck modernen Lebensstils immer mehr geschätzt und gekauft wird, haben die deutschen Winzer von dieser Entwicklung bislang kaum profitieren können und verloren 1998 mit konstanten Zahlen - Mengeneinbußen bei geringem Wertzuwachs - Anteile auf einem generell expandierenden Markt. "Wir besetzen zurzeit eine Marktnische, deren Wachstumspotential in Studien und Marktforschungen als gering eingestuft wird", sagte Armin Göring, der designierte neue Chef des Wein-Instituts. Im Klartext: Das Ausland kennt deutschen Wein vor allem in der lieblichen bis süßen Geschmacksrichtung, einerseits im unteren Marktsegment, zum anderen bei den edelsüßen Spezialitäten wie Beerenauslesen und Eisweinen. Der Markt bewegt sich aber vor allem in den wichtigen Ländern wie England, Holland, Japan und den USA in eine ganz andere Richtung, nämlich zu den trocken ausgebauten Weinen der mittleren und gehobenen Preiskategorie. Dass es die auch aus Deutschland gibt, hat sich draußen noch immer nicht herumgesprochen - ein Marketingproblem, das die deutschen Weinwerber zurzeit verstärkt angehen.

Doch das tun auch die anderen Weinländer der Welt, die anders als Deutschland oft in industriellem Maßstab und damit kostengünstiger produzieren und überdies mit hohen Subventionen arbeiten. Hinzu kommt, dass liberalere Gesetze vor allem in der neuen Welt die billige Herstellung marktkonformer Getränke erleichtern: So sind beispielsweise der Wasserentzug durch Umkehrosmose oder Vakuumextraktion und die Aromatisierung mit gerösteten Holzchips statt durch teure Holzfässer weltweit verbreitet. "Wir müssen uns überlegen, was wir solchen Entwicklungen entgegensetzen können", sagt Göring. Baumann sagt dazu nichts mehr - die heißen Eisen hat er bereits seinem Nachfolger übergeben.

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