Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung : Spitze in Mitte - das DIW wird 90 Jahre alt

Das Berliner DIW wird 90. Nach einigen Rückschlägen ist das Forschungsinstitut heute wieder vorn und gestaltet die Politik mit.

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Nahe dran. Seit 2007 residiert das DIW in der Mohrenstraße in Mitte - und nicht mehr in Dahlem.
Nahe dran. Seit 2007 residiert das DIW in der Mohrenstraße in Mitte - und nicht mehr in Dahlem.Foto: Mike Wolff

Den Umzug fanden nicht alle notwendig. Nach 50 Jahren Dahlem ging es für das DIW nach Mitte. In der Mohrenstraße, vis à vis zum Arbeitsministerium, residiert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seit 2007. „Man muss nicht nahe an der Politik sitzen, um nahe am politischen Geschehen zu sein“, sagt einer, der das Institut seit Langem beobachtet. Das DIW wird in diesen Tagen 90 Jahre alt. Als Ratgeber der Politik verstand es sich von Anfang an.

Dass das richtige Personal mindestens ebenso wichtig ist wie der Standort, belegt beim DIW die jüngere Vergangenheit. Seit Marcel Fratzscher vor gut zwei Jahren die Leitung übernommen hat, hat sich viel getan. Zum Beispiel darf das Haus wieder im Reigen der Institute mittun, die für die Bundesregierung die wichtigen Konjunkturgutachten erstellen. Der Verlust dieses Auftrags 2007 war für das Selbstverständnis des DIW ein harter Schlag: Im Juli 1925 war das Haus unter dem Namen Institut für Konjunkturforschung gegründet worden. Die empirische Konjunkturforschung sei dort erst erfunden worden, sagt Gert G. Wagner, Vorstand und von 2011 bis 2013 selbst DIW-Präsident.

Belastungen für den Ruf des Hauses

Wagner kennt das Haus, leitete mehr als 20 Jahre die Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (Soep) – auch während der wohl schwersten Krise der letzten Jahrzehnte, die 2011 im Rücktritt des damaligen Präsidenten Klaus Zimmermann gipfelte. Dieser hatte das Haus ab dem Jahr 2000 konsequent auf Wissenschaftlichkeit getrimmt. Aber: „Ein guter Wissenschaftler zu sein und ein Institut gut zu führen, sind eben unterschiedliche Dinge“, erinnert sich einer aus dem Umfeld des Instituts. Neben Querelen um den Kurs belasteten Vorwürfe über finanzielle Unregelmäßigkeiten den Ruf des Hauses.

Wagner bemühte sich 2011 um eine Rückkehr zu den Wurzeln, stärkte die Felder Konjunkturforschung und -prognose. Zudem betonte er die Vielfalt der Denkschulen. „Das DIW lebt auch von seiner breiten Aufstellung.“ Eine Vielzahl von Mitarbeitern stehe regelmäßig in der Zeitung. Einige würden von Entscheidungsträgern konsultiert und nähmen Einfluss. „Diese Breite in der Spitze unterscheidet uns von anderen Instituten.“ Mehr Breite heißt nicht weniger Wissenschaftlichkeit. Im Ökonomenranking der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ rangiert das DIW an der Spitze, noch vor dem Dauerrivalen Ifo aus München mit seinem Chef Hans-Werner Sinn. Im Direktvergleich der Wissenschaftler belegt Fratzscher Rang zwei, mit Wagner und Energieexpertin Claudia Kemfert finden sich zwei weitere DIW-Forscher unter den Top 15.

„Das DIW hat sich immer auch in gesellschaftliche Diskussionen eingebracht“

Dennoch bleibt ein wichtiges Standbein die öffentliche Sichtbarkeit. Fratzscher etwa bezog mit einem Aufruf von 250 Ökonomen Stellung gegen die Euro-Skeptiker, die er als „schädlich für Europa und die Weltwirtschaft“ bezeichnete. Zudem stieß er mit einer Studie im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 eine Debatte über fehlende Investitionen in Infrastruktur an. Das Institut versteht sich traditionell nicht als stiller Chronist. „Das DIW hat sich immer auch in gesellschaftliche Diskussionen eingebracht“, sagt Wagner. Nach dem Krieg dienten DIW-Zahlen als Grundlage für die Berliner Luftbrücke. Mitte der 1960er Jahre waren die Forscher die ersten, die eine bundesrepublikanische Rezession vorhersagten. Und nach der Wende warnten sie vor den Folgen der Währungsunion.

Viele Untersuchungen am DIW fußen auf dem Sozio-oekonomischen Panel. Präsident Hans-Jürgen Krupp etablierte die repräsentative Wiederholungsbefragung privater Haushalte. Seit 1984 findet sie jährlich bei denselben Personen statt. „Beispielsweise die Debatte um die Minijobs in den 1990er Jahren haben wir stark geprägt“, erläutert Wagner. „Weil wir auf Basis des Soep eine viel höhere Zahl solcher Beschäftigungsverhältnisse ermittelt hatten als das Statistische Bundesamt.“ Am Ende hätten die Wiesbadener ihre Erhebung dem DIW-Konzept angepasst. Wagner sieht das Institut auf gutem Weg. „Bis in die 1990er Jahre war in den Wirtschaftswissenschaften Theorie wichtiger als die Wirklichkeit. Inzwischen werden Zahlen ernst genommen – nicht zuletzt hat das Soep ein wenig dazu beigetragen.“

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