Wirtschaft : „Deutschland muss auf die Couch“

Hans-Olaf Henkel plädiert in seinem neuen Buch für die Globalisierung und gegen Sozialpolitikund Gleichheit

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Berlin. Hans-Olaf Henkel ärgert sich – eigentlich über alles. Den Umgang der Deutschen mit den Nazis, grüne Politiker in feinen Anzügen, Globalisierungsgegner, die ihn gleichzeitig an Nazis und Kommunisten erinnern, und Gerhard Schröder. In Rage gerät Henkel aber, wenn er über Sozialpolitiker schreibt, die Blüms und Riesters, die alle und alles gleichmachen und mit ihrem Unwesen Deutschland „auf die Verliererstraße“ gebracht haben. Sogar noch schlimmer ist das „Tarifkartell“, also das kollektive Lohnfindungssystem von Gewerkschaften und Arbeitgebern. „Im Mittelpunkt der alten Ethik steht die Gleichheit aller“, schreibt Henkel in seinem neuen Buch. Und wer an die Gleichheit glaubt, der glaubt an die Vergangenheit.

Henkel ärgert, dass ganz oben in der „Ethik-Rangliste“ jene stehen, „die sich für die ,Schwachen’ stark machen“. Das versteht Henkel nicht, weil er bezweifelt, dass die Schwachen überhaupt schwach sind, und Hilfe eher schadet. Denn wenn man den Schwachen hilft, dann „lohnt es sich, schwach zu sein“. Deshalb seien die Sozialausgaben in den letzten Jahren explodiert. Es wird nicht mehr gerne gearbeitet hier zu Lande, und die „Ideologen der Umverteilung“ richten uns alle zugrunde. „Statt Wohlstand für alle werden wir irgendwann Elend für alle haben.“

Deutschland, diesen Eindruck hat der frühere Präsident der deutschen Industrie, „müsse auf die Couch“. Er selbst will bei der Therapie helfen, das ist sein Anspruch als Präsident der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz. Denn „leider hat die Zukunft bei uns keine Lobby. Und weil den deutschen Wissenschaftlern „Polemik und Rhetorik fremd“ sind, muss Hans-Olaf Henkel um so kräftiger formulieren. Das macht seine Bücher lesbar, er nimmt kein Blatt vor den Mund und argumentiert dabei häufig emotional. Das heißt aber auch: glaubwürdig. Man nimmt ihm den Ärger ab, den er über die Zustände im Lande empfindet. Henkel geht es um Fortschritte für Deutschland – und um Rechthaberei. Die Selbstgewissheit ist die größte Schwäche des Gesellschaftsanalytikers. Und die Empfindlichkeit bis hin zum Nachtragenden ein Charakteristikum des Polemikers. Geradezu beleidigt ist der frühere Wirtschaftsfunktionär, wenn ihm Eigensucht vorgeworfen wird. Als müsse er sich verteidigen, betont Henkel, für seine Ehrenämter an der BDU-Spitze, bei der Leipniz-Gesellschaft und an der Uni Mannheim kein Geld bekommen zu haben. Alles nur Engagement für Deutschland.

In neun Kapitel hat Henkel sein Buch aufgeteilt, dessen komischen Titel er selbst für „paradox“ hält. Der Bogen wird weit gespannt, Henkel beginnt mit der Reichsgründung 1871 und endet mit Vorschlägen für einen „Konvent für Deutschland“, der eine Verfassung ausarbeiten sollte. Mit folgenden Zielen: Mehr Macht den Ländern, weniger den Parteien, mehr Basisdemokratie, in der Bundespräsident und Ministerpräsidenten direkt gewählt werden, und eine Komplettrenovierung des „kafkaesken“ Steuersystems. Doch vor allem treibt Henkel das Bildungssystem um, das übrigens, wie viele andere gesellschaftliche Bereiche auch, von den schlimmen 68ern heruntergewirtschaftet wurde. Beziehungsweise von deren Gleichheitsideologie. „Der Langsamste bestimmt die Geschwindigkeit“, und deshalb verliere Deutschland den Anschluss. In der „Gewerkschaftsdemokratie“ würden „statt Lehrstühle Funktionärsposten geschaffen“, klagt Henkel und plädiert für Eliteförderung, Studiengebühren, Eingangsprüfungen der Unis und ein zentrales Abi in den jeweiligen Bundesländern, um Vergleichbarkeit und Wettbewerb zu ermöglichen. Henkel ist ein Globalisierungsfan, denn die „Globalisierung ist vom Ansatz her Ethik“, und wenn es vor 70 Jahren das Internet gegeben hätte, wäre Hitler kaum möglich gewesen. So sieht der langjährige IBM–Manager, der Kinderarbeit in Indien ökonomisch sinnvolle Seiten abgewinnt, die Globalisierung als die „Freiheitsbewegung des 21. Jahrhunderts“. Mit Globalisierungsgegnern springt er rabiat um und versucht, sie als Kommunisten zu überführen. „Ich fürchte, wir erleben hier ein Replay der (...) Ersatzreligion Marxismus.“ Das ist ein nicht selten zu beobachtendes Ärgernis in Henkels Argumentation – er überschreitet die Grenze zur Diffamierung. Etwa, wenn er Globalisierungsgegner mit der SA vergleicht.

Henkels Lieblingspolitiker ist Wolfgang Schäuble, denn der hat die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gekürzt und den Kündigungsschutz aufgeweicht. Von Helmut Kohl (aussitzen) und Gerhard Schröder (ruhige Hand), hält Henkel nicht viel. Und Edmund Stoiber kommt auf den knapp 300 Seiten so gut wie gar nicht vor. Immerhin: Stoiber hat für seinen Wahlkampf nicht die CDU-Formel der „neuen sozialen Marktwirtschaft“ übernommen. Für Henkel ist das eine „mutige“ Tat. Mit der Programmatik Stoibers setzt er sich merkwürdigerweise nicht auseinander. Im Übrigen auch nicht mit der Krise der Finanzmärkte, dem Absturz der New Economy oder den Bilanztricksereien vieler Unternehmen. Das ist zu wenig: „Auch in der Wirtschaft gibt es wie bei den Kardinälen oder Profikickern scharze Schafe.“Alfons frese

Hans-Olaf Henkel, Die Ethik des Erfolgs, Econ, München 2002, 22 Euro

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