Wirtschaft : Deutschland verkauft mehr als erlaubt Export über Grenzwert – so wie vor der Finanzkrise

Berlin - Deutschland war beim Export 2012 offenbar erfolgreicher, als es hätte sein dürfen. „In Euro umgerechnet beträgt der deutsche Leistungsbilanzüberschuss 169 Milliarden“, sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn am Montag zu Berechnungen seines Instituts für die Nachrichtenagentur Reuters. Das entspreche 6,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, nach 5,7 Prozent 2011. Die EU-Kommission stuft allerdings einen Wert von mehr als sechs Prozent als stabilitätsgefährdend ein. Bei einer längeren Fehlentwicklung in einem Land droht sie deshalb mit Strafen. Für dieses Jahr erwartet das Ifo-Institut sogar einen Anstieg des Überschusses auf 6,6 Prozent.

Die Leistungsbilanz ist eine Messzahl dafür, in welchem Verhältnis bei einem Land Export und Import von Waren und Dienstleistungen stehen. Außerdem fließt in die Bilanz ein, inwieweit Deutschen Einkommen aus dem Ausland zufließt. Ein zu großer Überschuss etwa in Deutschland gilt als eine Ursache für die Finanz- und Schuldenkrise. Den Ländern mit solchen Exportwerten stehen andere mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Industriestaaten-Organisation OECD fordern daher von der Bundesregierung, die Binnennachfrage anzukurbeln, um die Unwucht zu verringern.

Die Bundesregierung rechnet nicht mit Ärger aus Brüssel, obwohl die Bundesrepublik den EU-Grenzwert überschritten hat. „Die Kommission nimmt einen ganzen Strauß von Indikatoren in den Blick, worunter ein Leistungsbilanzüberschuss durchaus zu finden sein kann“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Es gebe hier allerdings keinen Automatismus. Der Fokus der Kommission liege zudem eher auf Defiziten – sowohl in der Leistungsbilanz als auch in Sachen Wettbewerbsfähigkeit. Internationale Organisationen bescheinigten Deutschland zudem, „dass wir einen großen Beitrag zur Beseitigung der Ungleichgewichte leisten“, ergänzte eine Sprecherin des Finanzministeriums.

Nach Ifo-Berechnungen weist nur Exportweltmeister China einen noch größeren Überschuss als Deutschland aus. In Dollar gerechnet stieg er im vergangenen Jahr in der Volksrepublik von 202 auf 234 Milliarden, in Deutschland von 204 auf 218 Milliarden.

Nach Ansicht der Bundesbank bessert sich die mäßige Konjunktur-Lage hierzulande derzeit – „das gilt insbesondere für die Beurteilung der Exportchancen“, heißt es im neuen Monatsbericht der Notenbank. Auch beim Auftragseingang der Industrie zeige sich seit Herbst 2012 vor allem wegen der anziehenden Nachfrage aus Ländern außerhalb der EU eine zaghafte Belebung. Die Notenbank ist zuversichtlich: „Der weitgehend stabile Arbeitsmarkt und die steigenden Beschäftigungsaussichten lassen ebenfalls vermuten, dass die konjunkturelle Schwäche nicht allzu lang anhalten wird.“ rtr/dpa

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben