DEUTSCHLAND VOR DER REZESSION Wie bitter wird der Abschwung? : Hoffnung auf die Wende

Die Wirtschaft steht auf der Bremse. Doch viele Ökonomen blicken optimistisch ins kommende Jahr

Stefan Kaiser

WIE DIE KRISE FUNKTIONIERT

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Die Zeichen stehen auf Rezession. Glaubt man den einschlägigen Indikatoren wie dem Geschäftsklima-Index des Münchner Ifo-Instituts, dann stürzt die Stimmung in der deutschen Wirtschaft derzeit so dramatisch ab wie nie zuvor. Grund ist der weltwirtschaftliche Abschwung, gepaart mit den bisher unabsehbaren Folgen der Finanzkrise. Diese Mischung trifft die deutsche Wirtschaft schon deshalb so hart, weil sie wie kaum eine andere vom Export abhängig ist. Deutsche Maschinen und Autos sind in der Welt traditionell gefragt. Noch im vergangenen Jahr hat der Export den Großteil des deutschen Wachstums ausgemacht. Fällt in wichtigen Abnehmerländern wie den USA, Frankreich oder Großbritannien die Nachfrage weg, trifft dies auch Deutschland. Die ersten Auswirkungen sind bereits messbar. Im zweiten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt geschrumpft. Und die meisten Volkswirte rechnen auch für das dritte Quartal mit einem deutlichen Rückgang – damit wären die formalen Kriterien für eine Rezession erfüllt.

Hinzu kommen die unmittelbaren Auswirkungen der Finanzkrise: Weil die Banken in Not sind, schränken sie die Kreditvergabe ein. „Aus Gesprächen spürt man schon, dass die Luft etwas dünner wird“, sagt Hans-Joachim Haß, Chefvolkswirt des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Banken wollten bestehende Kreditverträge nachverhandeln oder zögerten bei neuen Abschlüssen. Schlimmstenfalls kann so eine Kreditklemme entstehen, die auch die Verbraucher trifft und die Wirtschaft über eine Kettenreaktion in eine tiefe Rezession stürzt (siehe Grafik).

Doch so muss es nicht kommen. Immer mehr Ökonomen halten die allgemeine Krisenstimmung für übertrieben. „Die Situation ist bei weitem nicht so düster, wie es die Krisenstimmung derzeit ausdrückt“, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt bei Europas größtem Versicherungskonzern Allianz. Er erwartet zwar einen „harten Winter“ für die deutsche Wirtschaft. Doch schon im zweiten Quartal 2009 werde es eine „deutliche Belebung“ geben. Heise stützt seinen Optimismus vor allem auf die deutlich gesunkenen Rohstoffpreise. Ein Fass Öl kostet heute nicht einmal mehr halb so viel wie im Juli. „Die Rohstoffpreise werden in ihrer Bedeutung absolut unterschätzt“, sagt Heise. „Ihr Anstieg war der Hauptgrund für die Rezession.“ Umgekehrt sei der dramatische Rückgang „eine enorme Entlastung für die Unternehmen. Das wird die Gewinne durchaus stabilisieren.“ Zusätzlich profitierten auch die Konsumenten davon.

Auf die setzen die Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Weil die Inflation sinkt und die Einkommen steigen, sollen die Verbraucher endlich zugreifen. „Wir werden 2009 erstmals seit Jahren einen realen Zuwachs bei den Einkommen sehen“, sagt Konjunkturexperte Stefan Kooths. „Das wird sich auf den Konsum auswirken.“ Stabilisierend wirkt dabei auch die niedrige Zahl der Arbeitslosen. Sie ist im Oktober erstmals seit 16 Jahren unter die Drei-Millionen- Marke gerutscht. Vor drei Jahren lag sie noch bei gut fünf Millionen. Und die meisten Forscher sehen auch 2009 keinen wirklichen Einbruch am Arbeitsmarkt.

Selbst die befürchtete Kreditklemme könnte in Deutschland nicht so schlimm werden wie in anderen Industrieländern. „Die Wirtschaft ist hier weit weniger von Fremdkapital abhängig“, sagt Allianz-Chefökonom Heise. Die Unternehmen hätten in den vergangenen Jahren kräftig Eigenkapital aufgebaut. Zudem sei die Chance sehr groß, dass die Banken eher ihre Kredite an andere Banken und Hedgefonds zurückfahren, als die Ausleihungen an Mittelständler. Schließlich habe die starke Ausweitung der reinen Finanzkredite erst zur aktuellen Misere geführt.

Auch Konjunkturprogramme könnten helfen, den Abschwung abzufedern. So will die Regierung einzelne Branchen durch Steuervergünstigungen, Abschreibungsmöglichkeiten und vorgezogene staatliche Investitionen stärken. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung fordert dagegen, beim privaten Konsum anzusetzen. Sein Vorschlag: Der Staat soll jedem Bürger Anfang kommenden Jahres 125 Euro überweisen, die möglichst rasch ausgegeben werden sollen. Stefan Kaiser

KREDITKLEMME

Wegen der Finanzkrise leihen die Banken den Unternehmen weniger Geld

NACHFRAGEEINBRUCH

Absatz deutscher Exportgüter stockt

SPARZWANG

Investitionen rechnen sich nicht mehr und gehen zurück

MIESE STIMMUNG

Manager stutzen ihre Prognosen

SCHLECHTE GESCHÄFTE

Umsätze sinken

PLEITEN

Firmen müssen aufgeben

JOBABBAU

Mitarbeiter werden entlassen,

neue werden nicht mehr eingestellt

ZUKUNFTSANGST

Bürger befürchten den Verlust

von Geld und Arbeitsplatz

KREDITKLEMME

Verbraucher bekommen weniger Kredite oder müssen höhere Zinsen zahlen

BÖRSENKRACH

Das Vermögen der Anleger schrumpft

KONSUMZURÜCKHALTUNG

Die Sparquote steigt, vor allem große Anschaffungen werden aufgeschoben

STAGNIERENDE LÖHNE

Tariferhöhungen fallen geringer aus, Unternehmen verlangen Mehrarbeit

BESCHÄFTIGUNG SINKT

Arbeitnehmer verlieren ihren Job und haben weniger Geld in der Tasche

VERBRAUCHER

REZESSION

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