Wirtschaft : Deutschland wächst stärker als die USA

Die Arbeitslosenzahl sinkt bald auf 3,5 Millionen. Doch den Wirtschaftsinstituten reichen die Reformen nicht

Carsten Brönstrup

Berlin - Ein Ende des Aufschwungs in Deutschland ist vorerst nicht in Sicht. Das starke Wachstums wird bis Ende 2008 für einen Rückgang der Arbeitslosigkeit um eine Million im Vergleich zum vergangenen Jahr sorgen. Das sind die Kernaussagen des Frühjahrsgutachtens, das die fünf führenden Wirtschaftsinstitute am Donnerstag in Berlin vorgestellt haben. Zu hohe Lohnsteigerungen in den laufenden Tarifrunden würden die Erholung auf dem Arbeitsmarkt aber gefährden, warnten die Forscher.

Das DIW (Berlin), das Ifo-Institut (München), das IWH (Halle) und das RWI (Essen) schätzen, dass die deutsche Wirtschaftsleistung um 2,4 Prozent jeweils in diesem und im kommenden Jahr wachsen wird. Das ist deutlich mehr als bei der letzten Prognose im Oktober 2006 – damals hatten die Ökonomen 1,4 Prozent Plus vorhergesagt. „Die Steuererhöhung hatte für die Konjunktur nicht das Gewicht, das wir erwartet hatten“, räumte Udo Ludwig vom IWH ein. Das fünfte Institut, das Kieler IfW, erwartet dieses Jahr sogar 3,0 Prozent Wachstum. Dafür sprächen der „sehr hohe Auftragsbestand und das sehr günstige Geschäftsklima“, heißt es im Gutachten. „Man kann sicher sein, dass der Aufschwung nicht so schnell zuende geht“, bilanzierte IfW-Konjunkturchef Joachim Scheide.

Damit würde Deutschland erstmals seit langem stärker wachsen als die USA, für die die Institute nur ein Plus von 2,3 Prozent für 2007 kalkulieren. Neue und alte Bundesländer dürften voraussichtlich im gleichen Tempo zulegen, sagte Ludwig. Im vergangenen Jahr lag das Wachstum mit 2,7 Prozent noch ein wenig höher.

Den anhaltenden Aufschwung führen die Forscher neben der weiterhin guten Auslandsnachfrage auf steigende private Konsumausgaben zurück. Jetzt zahle sich aus, dass die Arbeitslosigkeit zurückgehe, die Löhne stiegen und die Verbraucher mehr Geld ausgeben könnten. „Der Aufschwung hat sich gefestigt und ist kräftig“, urteilte Ludwig. Die Firmen würden weiter „rege“ investieren, die Arbeitslosenzahl werde 2008 im Schnitt bis auf 3,5 Millionen sinken. Ein Rückgang in einem Monat unter die Drei-Millionen-Marke sei momentan nicht zu erwarten – es könne aber auch sein, dass das Wachstum noch besser ausfällt, als man derzeit annimmt.

Allerdings warnten die Experten die Tarifpartner vor zu hohen Lohnsteigerungen. Eine „Nachschlagdebatte“ der Gewerkschaften gefährde die jüngsten Erfolge, zudem würden hohe Abschlüsse Arbeitsplätze kosten. Beschäftigungsneutral seien nur Lohnaufschläge von 2,5 bis drei Prozent, heißt es in dem mehr als 100-seitigen Gutachten. Es sei aber geboten, diese Spanne nicht auszuschöpfen, zumal die Zahl der Langzeitarbeitslosen bislang kaum gesunken sei. Mit Einmalzahlungen könnten die Unternehmen der wirtschaftlichen Lage Rechnung tragen. Mindestlöhne lehnen die Forscher ab. Diese seien „entweder wirkungslos oder vernichten Arbeitsplätze“, heißt es mit Blick auf die Höhe der Lohnuntergrenze.

Mit der robusten Konjunktur im Rücken wird Deutschland im nächsten Jahr voraussichtlich ohne neue Schulden auskommen. Dies sei aber kein Verdienst der großen Koalition. „Es ist nur der Konjunktur geschuldet, dass das Defizit im nächsten Jahr verschwindet“, sagte IfW-Mann Scheide. Die Regierung müsse strikt weitersparen. „Das ist die Voraussetzung für alles“, empfahl RWI-Experte Roland Döhrn. Zudem solle weniger Geld in den Konsum und mehr in Investitionen des Staates fließen. Für Einsparungen gebe es noch eine Menge Spielraum – die Experten nannten die Steuerfreiheit von Nacht- und Feiertagszuschlägen ebenso wie den Abbau von Bürokratie. Das Ziel müsse sein, „mittelfristig die Lohn- und Einkommensteuern zu senken, um Wachstum und Beschäftigung zu fördern“.

Mit der in der SPD umstrittenen Reform der Unternehmensteuern sind die Institute unzufrieden. Sie sei „nicht sehr ehrgeizig“ und werde für „allenfalls geringe Wachstumsimpulse“ sorgen. Zwar würden die Steuersätze gesenkt, die Besteuerungsbasis aber verbreitert. Die Entlastung der Firmen um 6,9 Milliarden Euro im kommenden Jahr reiche nicht aus.

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