Wirtschaft : Deutschlands mächtigste Männer

Aktionärsschützer präsentieren eine Rangliste der wichtigsten Aufsichtsräte und üben Kritik. Frauen sind kaum vertreten

Bernd Hops

Berlin - Sie stehen nicht im Rampenlicht. Sie stellen der Öffentlichkeit keine großen Investitionsentscheidungen oder Stellenstreichungen vor. Aber im Hintergrund ziehen sie die Fäden: die Aufsichtsräte in deutschen Unternehmen. Und sie können im Gegensatz zu Vorstandsvorsitzenden Einfluss auf mehrere Unternehmen nehmen. Der mächtigste Chefkontrolleur Deutschlands ist Manfred Schneider, der ehemalige Chef des Pharmakonzerns Bayer. Er erhält in einer Rangliste, die die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) am Freitag in Berlin vorstellte, mit Abstand die meisten Punkte (siehe Tabelle). Schneider hat die meisten Mandate in den Aufsichtsräten der größten börsennotierten deutschen Unternehmen gesammelt – und dort zudem in der Regel eine zentrale Stellung.

Aufsichtsräte kontrollieren die Arbeit der Unternehmensführung. Sie schauen regelmäßig auf das Zahlenwerk und auf die Strategie. In den vergangenen Jahren ist das Gremium gestärkt worden und soll proaktiv arbeiten – also nicht mehr warten, bis ihm etwas vom Vorstand vorgelegt wird, sondern stärker auch beratend Einfluss nehmen.

Trotz der Machtfülle und der Ämterhäufung bei einigen Managern zeigte sich Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der DSW, zufrieden. „Die Entflechtung der Deutschland AG hat stattgefunden.“ Kontrollierten früher vor allem Bank- und Versicherungsvorstände die Unternehmen, an denen ihre Institute beteiligt waren, gehe der Trend jetzt eindeutig hin zu Berufsaufsichtsräten. Diese befänden sich zudem meist „im richtigen Lebensabschnitt“, weil sie nicht mehr aktiv in der Unternehmensführung sind. Kritisch sieht DSW-Chef Hocker, dass noch immer häufig Vorstandschefs direkt nach ihrem Ausscheiden aus der Funktion Aufsichtsratschefs bei ihren Unternehmen werden. „Dies sollte nur die Ausnahme sein“, sagte Hocker. Bei neun der wichtigsten zehn Männer der DSW-Liste ist es aber immer noch der Fall. Kaum vertreten in der Gruppe der mächtigsten Kontrolleure sind zudem Frauen. Unter den 43 Personen auf der DSW-Liste finden sich nur zwei.

Christian Strenger, Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex und des Aufsichtsrats der Fondsgesellschaft DWS, unterstützt einige Forderungen der DSW. Auch er sieht es kritisch, dass so viele Ex-Vorstände Aufsichtsratschefs werden. In Ausnahmefällen sei das durchaus in Ordnung, doch seien einfach unterschiedliche Persönlichkeiten gefragt, wenn es um die Rolle als Vorstandschef oder Aufsichtsratschef gehe. „Ein Unternehmenschef muss antreiben, ein Aufsichtsratschef braucht Fingerspitzengefühl, Balance und die Fähigkeit, kontrollieren zu können“, sagte Strenger dem Tagesspiegel. Sinnvoll sei es, wenn der Ex-Vorstandschef einfaches Mitglied des Aufsichtsrats werde. „Das würde zu einer zielgerichteteren Diskussion in dem Gremium beitragen“, sagte Strenger. Bestehe der Aufsichtsrat nur aus Mitgliedern, die von außen kommen, bestehe die Gefahr, „dass sie dem Vorstand nicht das Wasser reichen können“. Auf die richtige Mischung komme es an. Bei der engen Verflechtung zwischen den Aufsichtsratsmitgliedern sei es „tendenziell besser geworden“, sagte Strenger. „Das Geflecht könnte aber gelockert werden.“ Die Klage, man finde nicht genügend Leute, die qualifiziert genug sind und auch in einen Aufsichtsrat wollen, sei Unsinn.

Am Geld kann der Mangel an Personen auch nicht liegen. Die Vergütung für die Aufsichtsräte der Dax-Unternehmen ist zuletzt angehoben worden, variiert aber stark von Gesellschaft zu Gesellschaft (siehe Tabelle). Laut DSW kommen die Personen auf den oberen Rängen der Liste auf Einkommen „im sechs- bis siebenstelligen Bereich“. Heinz Evers, Geschäftsführer bei Kienbaum Management Consultants, schätzt, dass angesichts der größeren Anforderungen an die Kandidaten ein Niveau erreicht sei, „das vernünftig erscheint“. In den nächsten Jahren erwartet Evers aber keine großen Anhebungen. „Denen müssten die Hauptversammlungen zustimmen.“

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