Wirtschaft : Devisenmärkte wetten gegen China

Die Notenbank verteidigt die Dollar-Bindung ihrer Währung – Konzerne rechnen mit einer Aufwertung

Henrik Mortsiefer

Berlin - An den Devisenmärkten wird auf eine Aufwertung der chinesischen Währung Yuan im kommenden Jahr gewettet. „Am Markt wird allgemein eine Aufwertung um rund fünf Prozent binnen zwölf Monaten erwartet“, sagte Hans Schniewind, General Manager bei der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein in Shanghai, dem Tagesspiegel. „Darauf stellen sich die deutschen Unternehmen ein, die in China investieren oder Handel treiben.“ Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht von einer Anpassung aus: „Die Chinesen bewegen sich“, sagte Asien-Pazifik-Experte Detlef Böhle.

Ablesen lässt sich die Aufwertungstendenz am Terminmarkt, wo die Notierungen für Non Deliverable Forwards (NDF) – das sind Devisenterminkontrakte mit nicht-konvertierbaren Währungen – zuletzt massiv gefallen sind (siehe Kasten). Die Erwartung der Devisenhändler erhöht den Druck auf die chinesische Notenbank, die seit 1995 feste Bindung ihrer Währung an den Dollar zu lockern.

China zählt zu den wenigen Ländern Ostasiens, die noch offiziell ihren Wechselkurs steuern und restriktive Kapitalverkehrskontrollen beibehalten. Seit neun Jahren steht der chinesische Yuan im festen Verhältnis von 8,3 zu einem US-Dollar. Am Terminmarkt ist diese Relation zuletzt mit Sicht auf zwölf Monate bis auf 7,8 Yuan je Dollar gesunken. „Sollte China aufwerten, dann werten alle anderen asiatischen Währungen auch auf“, glaubt Andreas Zehnpfenning, Chefdevisenhändler der Commerzbank. Jede Andeutung chinesischer Notenbanker oder Politiker, die auf eine Lockerung des Wechselkurses deute, werde die NDFs „ruckartig um zehn bis 15 Prozent drücken“.

Der offiziell fixierte Wechselkurs sichert vor allem die Exporterfolge chinesischer Produkte in den Vereinigten Staaten, mit denen die boomende Volkswirtschaft gigantische Überschüsse erwirtschaftet. So betrug das US-Defizit gegenüber China im vergangenen Jahr 124 Milliarden Dollar. 2004 wird im bilateralen Handel ein Fehlbetrag von mehr als 150 Milliarden Dollar erwartet.

Kehrseite des Handelsüberschusses: Um überzählige Dollars vom regulierten Markt zu nehmen, muss China 60 Milliarden Dollar pro Quartal aufbringen. Diese werden überwiegend in US-Anleihen investiert. China ist so neben Japan zum größten Gläubiger der USA geworden. Pessimisten unter den Volkswirten fürchten, dass dieses Gleichgewicht – hier Milliardendefizite in den USA bei einem gleichzeitig dramatisch fallenden Dollarkurs, dort das Wechselkursregime in China – nicht mehr lange halten wird. Das riesige US-Leistungsbilanzdefizit, das 2004 auf die Marke von 500 Milliarden Dollar zusteuert, sei bald nicht mehr finanzierbar.

Um einen weiteren Wertverlust des Dollar zu verhindern, fordern US-Ökonomen wie Fred Bergsten, Direktor des Institute for International Economics, die chinesische Notenbank schon länger auf, den Yuan stufenweise zu flexibilisieren, sodass er schließlich ganz vom Dollar entkoppelt wird. Finanzexperten erwarten, dass dies schneller gehen könnte, als den USA lieb ist: „In fünf Jahren wird es keine feste Bindung des Yuan an den Dollar mehr gehen; in zehn Jahren ist die Währung konvertierbar“, sagt ein Insider.

Je größer jedoch der Druck der Devisenmärkte und westlichen Notenbanken auf die Chinesen wird, desto geringer schätzen Experten die Wahrscheinlichkeit für eine Lockerung der Geldpolitik ein. „Die Notenbank wird sich nicht drängen lassen“, glaubt Detlef Böhle vom DIHK. „Sie fühlt sich stark genug – auch gegenüber den USA.“ Auch Hans Schniewind von Dresdner Kleinwort warnt: „Druck von außen wird die Notenbank nicht beeindrucken.“ Dies sei auch eine Frage der politischen Opportunität. „Ich bin von der Weitsicht und Klugheit der Zentralbank überzeugt“, sagt der Banker.

Unternehmen, die in China investieren oder Handel treiben, können sich darauf nicht verlassen. Sie sichern sich lieber gegen drohende Wechselkursveränderungen – nach oben und nach unten – ab. Vor allem deutsche Firmen, die in China fertigen, aber Komponenten in Europa herstellen, sind betroffen. Insgesamt hat die deutsche Industrie mehr als acht Milliarden Euro in China investiert. Schätzungen der Deutschen Bank gehen von 20 Milliarden Euro im Jahr 2010 aus. Es steht viel auf dem Spiel. Käme es zu einer größeren Verschiebung der Wechselkurse, träfe dies vor allem Konzerne wie VW und Daimler-Chrysler, die in China stark engagiert sind. Weitsichtig werden deshalb Geschäfte mit NDF-Kontrakten flankiert. „Insgesamt werden einige Milliarden Dollar pro Jahr auf dem Terminmarkt abgesichert“, schätzt Hans Schniewind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben