DGB-Chef Hoffmann : Auf der Suche nach eigenen Akzenten

Reiner Hoffmann ist seit einem Jahr DGB-Chef – heute wird er 60 Jahre alt.

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Zufrieden. Als Reiner Hoffmann im Mai 2014 als Nachfolger von Michael Sommer gewählt wurde, fand er einige Baustellen vor. Einen Großteil hat er abgearbeitet.
Zufrieden. Als Reiner Hoffmann im Mai 2014 als Nachfolger von Michael Sommer gewählt wurde, fand er einige Baustellen vor. Einen...Foto: imago/IPON

Die Jahresbilanz, etwas böse auf den Punkt gebracht, könnte so lauten: Nicht weiter aufgefallen. Keine Scharmützel mit den Arbeitgebern, keine Attacken auf die Regierung – Reiner Hoffmann, vor gut einem Jahr zum DGB-Vorsitzenden gewählt, ist aufgefallen durch seine Unauffälligkeit. Dabei gab es Aufregung genug: Das Theater um die Tarifeinheit, der Streit einiger DGB-Gewerkschaften um Zuständigkeiten in Branchen und Betrieben sowie der Schutz des gesetzlichen Mindestlohns vor Attacken aus der CDU und von Arbeitgebern haben Hoffmann unter Dampf gehalten.

Souverän und vergleichsweise uneitel hat er das erste Jahr gemeistert, dabei Anerkennung und Respekt gewonnen; Bei den Fürsten an der Spitze der Einzelgewerkschaften, bei den Arbeitgebern und in der Politik. Auch deshalb gibt es einen großen Bahnhof am 9. Juni, wenn sein Geburtstag im Ballhaus Berlin nachgefeiert wird. Mit Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

Leise Töne

Am 30. Mai 1955 wurde Reiner Hoffmann in Wuppertal geboren. Die klare Luft im Bergischen Land fördert offenbar das Harmoniebedürfnis, denn das alte Motto „Versöhnen statt Spalten“ des ebenfalls aus Wuppertal stammenden SPD-Politikers Johannes Rau könnte auch Hoffmanns Leitspruch sein. Er redet gerne und viel, aber immer leise. Auch deshalb kommt er gut zurecht mit dem Partner von der anderen Seite: Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer mag auch keinen Radau.

Die beiden haben gut harmoniert, als es darum ging, das äußerst umstrittene Gesetz über die Tarifeinheit in den Hafen zu bringen. Hoffmann hatte das Thema und entsprechende Zusagen des DGB von seinem Vorgänger Michael Sommer übernommen. Hoffmann hat geliefert – und dabei die eigenen Reihen arg strapaziert. Denn von den acht DGB-Gewerkschaften sind drei (Verdi, GEW und NGG) gegen das Gesetz.

Trotzdem brachte Hoffmann eine befürwortende DGB-Stellungnahme, wie von der Regierung und den Arbeitgebern erwartet, zustande. Vor einer Woche passierte das Gesetz den Bundestag. Das Thema ist durch – es sei denn, das Verfassungsgericht kassiert das Gesetz. Noch immer offen ist der Konflikt zwischen Verdi auf der einen und IG Metall sowie IG Bergbau, Chemie, Energie auf der anderen Seite. Seit Langem streiten sich Verdi und vor allem die Metaller um Zuständigkeiten, etwa in Logistikfirmen.

Arbeit an der Einheit des DGB

Im vergangenen Jahr eskalierte der Konflikt, als erst die IG Metall und dann Verdi einen (geringfügig besseren) Tarifvertrag in demselben Unternehmen abschlossen. IG Metall- Chef Detlef Wetzel tobte, die IG  BCE regte sich mit auf, der ganze DGB wackelte und drohte auseinanderzubrechen.

Inzwischen redet man wieder – unter Vermittlung und Moderation von Hoffmann. Von einem homogenen DGB kann indes nicht die Rede sein. Das wurde deutlich vor sechs Wochen, als die beiden Industriegewerkschaften ein Bündnis mit der Eisenbahnergewerkschaft EVG und der IG BAU vorstellten. Die vier wollen Konflikte untereinander besser lösen, wenn umstritten ist, welche Gewerkschaft für welchen Betrieb zuständig ist. „Wir schaffen eine neue Plattform, um die Einheit des DGB zu festigen“, sagte Wetzel damals.

Das ist zumindest eine eigenwillige Auslegung. Bei den nicht teilnehmenden Gewerkschaften - neben Verdi sind das die Gewerkschaften der Lehrer (GEW) und Polizisten (GdP) sowie die NGG (Nahrung, Genuss, Gaststätten) – wird das Bündnis eher als Gegenveranstaltung zum DGB gesehen. Wie auch immer: Hoffmanns schwierigste Aufgabe bleibt es auf absehbare Zeit, den Laden mit acht Einzelgewerkschaften und sechs Millionen Mitgliedern zusammenzuhalten.

Das Thema Digitalisierung entdeckt Hoffmann erst langsam

Ansehen und Erfahrung helfen ihm dabei. Hoffmann hat viele Jahre für die gewerkschaftseigene Böckler-Stiftung und für den europäischen Gewerkschaftsbund und die IG BCE gearbeitet. Auf den ersten Blick ist er ein Mann der Industriegewerkschaften. Er hat aber durchaus das Vertrauen von Verdi-Chef Bsirske, von „hoher persönlicher Wertschätzung“ ist sogar die Rede. Das ist wichtig, denn Bsirske wird im September noch einmal an die Verdi-Spitze gewählt. Ohne eine Verständigung von Bsirske mit dem nächsten IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann und IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis wird der DGB-Vorsitzende den DGB nicht befrieden können.

„Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!“ Das diesjährige DGB-Motto zum 1. Mai klingt gut. Mehr aber auch nicht. Das große Thema Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft entdeckt der DGB-Chef erst langsam für sich. Hier sind auch schon Wetzel (Industrie 4.0, Crowdfunding) und Bsirske unterwegs; Mitte Juni veranstaltet Verdi einen Kongress „Würde, Selbstbestimmung, Solidarität und gute Arbeit in der digitalen Gesellschaft“. Hoffmann muss sich also ein Feld suchen, das er selbst beackern kann.

Das Thema Mitbestimmung bietet sich an, vielleicht in Verbindung mit Arbeitszeitgestaltung, Zeitsouveränität und einer Arbeitszeit, die sich stärker am Lebensalter und an Lebensphasen orientiert. Die Anforderungen an die Arbeitnehmer werden sich jedenfalls in der digitalen Welt gravierend verändern. Und der Anspruch der Arbeitnehmervertreter muss sein, die Veränderung mitzugestalten. Hoffmann hat mindestens noch drei Jahre an der DGB-Spitze. Nach dem ersten Jahr dürfte er genügend Selbstvertrauen für eigene Akzente haben.

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