Wirtschaft : Diamanten-Riese vom Kap wechselt nach London

WOLFGANG DRECHSLER

KAPSTADT .Kein anderes Unternehmen hat die Industrialisierung von Südafrika so stark geprägt wie die Anglo American Corporation, der weltweit größte Edelmetall- und Diamantenproduzent.Heute macht der Umsatz des 1917 von dem deutschstämmigen Ernest (Ernst) Oppenheimer gegründeten Konzern rund 20 Prozent vom gesamten Sozialprodukt am Kap aus.Südafrika wird der Gesellschaft nun jedoch zu klein.Am Pfingstmontag soll daher der Firmensitz von Johannesburg nach London verlegt werden.

Von dem Wechsel vom Kap an die Themse verspricht sich der Konzern den Zugang zu billigerem Kapital und eine Chance für ein neues Image: Anglo will das Schwellenmarkt-Stigma abschütteln, das seine südafrikanische Heimat belastet.Nach dem Börsengang am 24.Mai wird das Unternehmen wegen seiner Größe aus dem Stand heraus zum erlauchten Kreis der Gesellschaften gehören, die im Londoner FT-SE-100-Index notiert sind.

Dabei ist gerade Anglo aufs engste mit der wirtschaftlichen Entwicklung von Südafrika verwoben: Seine Wurzeln liegen in den Gold- und Diamantenfeldern um Johannesburg und Kimberley, die Firmengründer Oppenheimer zu Anfang des Jahrhunderts aufzukaufen begann.Der etwas merkwürdig anmutende Firmenname ist zum einen ein Tribut an die US-Investoren, die Oppenheimer das Startkapital für seine Firma gaben.Zum anderen wollte der aus Friedberg bei Frankfurt stammende Hesse auf diesem Wege seine deutschen Wurzeln kaschieren, die zur Zeit des 1.Weltkriegs eher geschäftsschädigend waren.Heute ziehen sich die Minen der Anglo American Corporation vom Kap der guten Hoffnung bis an den zentralafrikanischen Kupfergürtel.Aber auch in Amerika, Australien und Europa ist der Rohstoffriese aktiv.Die Tentakeln reichten in fast jedes Industrie- und Dienstleistungsgewerbe am Kap - von der Hundefutter-, Wein-, und Autoproduktion über Einkaufszentren und Zeitungen bis zum Versicherungsbereich, was dem Konzern den Beinamen "South Africa Inc." eintrug.

Nach dem Umzug werden die Südafrikaner indes zu ähnlichen Konditionen wie ihre Rivalen Rio Tinto und BHP um internationales Kapital buhlen.Dennoch wird Anglo auf absehbare Zeit eine afrikanische Firma mit englischem Türschild bleiben: Zwei Drittel seiner Vermögenswerte liegen in Südafrika.Ein Großteil der Finanzmittel ist durch die Devisenkontrollen am Kap gebunden und soll künftig in die Erschließung weiterer Grundmetallprojekte in der Region fließen.

Für den Börsengang in London, wo weitverzweigte Konglomerate schlecht gelitten sind, hat sich Anglo grundlegend verändern müssen.Der Wunsch internationaler Anleger nach überschaubaren Firmenstrukturen hat das Unternehmen zu einem radikalen Umbau veranlaßt.Südafrikas Topunternehmen hat mächtig abgespeckt und ist in Rekordzeit von einem behäbigen Industriekonglomerat zur Bergbaugruppe mutiert.Höhepunkt dieser Schlankheitskur war die im Oktober letzten Jahres gemeldete Verschmelzung der Anglo American Corporation und ihres Auslandsarms Minorco zu der neuen Firma Anglo American Plc (AA Plc), die am 24.Mai in London notiert.

Mit einem Börsenwert von fast 15 Mrd.Dollar wird Anglo zu den größten Rohstoff-Firmen der Welt zählen und im britischen FT-SE-100-Index unter den ersten 50 Titeln rangieren.Am Umsatz gemessen hat Anglo American sich bereits zur Nummer Eins unter den Bergbaukonzernen aufgeschwungen und die Erzrivalen Rio Tinto und die australische BHP auf die Plätze verwiesen.Anglos Konzernumsatz wird für 1998 auf 20,8 Mrd.Dollar veranschlagt und der Betriebsgewinn auf etwa 1,15 Mrd.Dollar.Gegenwärtig beschäftigt das Unternehmen weltweit 423 000 Angestellte.Zur Zeit kommen 59 Prozent des Umsatzes aus dem Rohstoffbereich und 41 Prozent aus industriellen Betrieben.Zum Gewinn trägt der Rohstoffbereich stolze 75 Prozent bei.

Beobachtern mißfällt allerdings die Kreuzverbindung zwischen Anglo American und dem Diamantenkonzern De Beers, die beibehalten werden soll.Anglo hatte bereits 1929 die Kontrolle über De Beers gewonnen und beherrscht seitdem den Diamantenmarkt.Die beiden Firmen sind sich gegenseitig größter Aktionär.Die Oppenheimer-Familie besitzt rund acht Prozent an Anglo und weitere 40 Prozent an De Beers.Positiv dürfte sich bei der Notierung in London die begrenzte Zahl der Aktien auswirken, die in Umlauf sind.Die Oppenheimer-Familie und Anglos Schwesterfirma De Beers werden mindestens 42 Prozent der Anglo-Aktien halten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben