Diamantenbörse nahe Tel Aviv : Die Liebe zum schönen Stein

Die Diamantenbörse nahe Tel Aviv ist ein spezieller Ort: Für Edelsteinschleifer und Schmuckhändler gibt es dort sogar einen eigenen Frisör - damit sie das Gebäude tagsüber nicht verlassen müssen.

Thore Schröder
An der Diamantenbörse in der Nähe von Tel Aviv werden Edelsteine aus der ganzen Welt gehandelt.
An der Diamantenbörse in der Nähe von Tel Aviv werden Edelsteine aus der ganzen Welt gehandelt.Foto: Israel Diamond Institute

Diamanten sind die besten Freunde eines Mädchens, hat Marilyn Monroe gesungen. Für Alain Saada sind sie mehr noch: seine große Liebe. So klingt es zumindest, wenn er über die Kohlenstoffverbindungen spricht: „Jeder Diamant ist anders, jeder Diamant reagiert anders, jeder Diamant verlangt nach einer anderen Behandlung.“

Seit 32 Jahren widmet sich Saada, der 1961 aus Tunis nach Israel eingewandert ist, den Edelsteinen – genauer gesagt ihrem richtigen Schliff. So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich schürft er von ihnen ab, um die beste Lichtbrechung und damit den größten Glanz und das schönste Funkeln zu erzeugen. Auf der Schleifscheibe, die vor ihm rotiert, ist Diamantenstaub aufgebracht, denn nur Diamanten sind hart genug, um Diamanten zu schleifen. Den perfekten Cut und die beste Politur von Hand kann trotz modernster Computer-Scans keine Maschine ersetzen. Ein guter Schleifer schafft ein Vermögen, ein schlechter kann es vernichten. Deswegen vertrauen die Händler gerade bei großen Steinen lieber den Israelis als günstigeren Arbeitskräften in China, Thailand oder Laos.

Alain Saada ist Diamantenschleifer.
Alain Saada ist Diamantenschleifer.Foto: Thore Schröder

Alain Saadas Arbeitsplatz, Polierzimmer 16, ist ein dunkler Raum mit acht Arbeitsplätzen und heruntergelassenen Rollläden. Die Schleiffabrik liegt im vierten Stock eines Industriegebäudes aus den 50er-Jahren, über einem Falafel-Imbiss, in Ramat Gan bei Tel Aviv.

In Israel werden Diamanten aus der ganzen Welt gehandelt

Gehandelt werden die Diamanten aus dieser Werkstatt und aus der ganzen Welt im Israel Diamond Center, fünf Gehminuten entfernt. Die Sicherheitsmaßnahmen hier sind selbst für Israel außergewöhnlich hoch. Nachdem der Besucher den Metalldetektor und die mit Glock-Pistolen bewaffneten Wachleute passiert hat und abgetastet wurde, steht er vor Panzerglasscheiben. Hier wird ein Foto aufgenommen, der Reisepass kassiert und eine elektronische Passierkarte erstellt. Nach Rücksprache mit dem zu besuchenden Unternehmen und dem erfolgreichen Scan des Daumenabdrucks gelangt der Besucher durch ein Stahldrehkreuz in die größte Schatzkammer Israels.

Verteilt auf vier Gebäude arbeiten in der Diamantenbörse über 15 000 Menschen. In der Bursa, so der geläufige Name, gibt es neben Bankfilialen und Gemmologie-Laboren (für die Edelsteinanalyse) eine Synagoge, einen Frisör, einen Supermarkt und sogar einen Kardiologen. Zweck dieser Infrastruktur ist die Sicherheit. So müssen die Händler und Broker den geschützten Bereich während der Arbeitszeit nie verlassen.

Das Diamanten-Geschäft macht 22 Prozent der Exporte Israels aus

In den Safes der Bursa lagern Steine im Wert von 10 bis 15 Milliarden US-Dollar, heißt es. Von Ramat Gan aus werden jährlich Diamanten im Wert von zehn Milliarden US-Dollar mithilfe von Spezialtransportfirmen in die Welt exportiert: 22 Prozent aller Industrieausfuhren Israels.

Ilan Samuels Büro liegt im neunten Stock des Maccabi-Buildings. Er blickt über die Ayalon-Schnellstraße nach Norden in Richtung Haifa. Von dieser Himmelsrichtung aus kommt das beste, weil gleichmäßigste Tageslicht, optimal für die Begutachtung der feinen Steine. Samuel nimmt die Diamanten in die Zange und prüft sie mit der Lupe. Der Wert bemisst sich nach den 4 Cs: Carat, Color, Clarity und Cut. Ein Karat (0,2 Gramm) bester Qualität kostet etwa 20 000 US-Dollar, aber je mehr Karat ein Stein hat, desto teurer wird er.

Victoria Rosenzweig kauft an der Börse ein.
Victoria Rosenzweig kauft an der Börse ein.Foto: Thore Schröder

Ilan Samuel ist Inhaber der Firma Mr Diamonds, Vizepräsident des Israel Diamond Exchange und bereits seit 1976 im Geschäft. Auf dem Tisch vor ihm liegen Hunderte Briefkes, die Umschläge, in denen die Diamanten transportiert werden und auf denen neben der Anzahl und dem Gewicht auch eine Artikelnummer notiert ist, die über die Herkunft, den Transportweg und die Herstellung der Ware informiert. Immer wieder stürmen Broker und Geschäftspartner in sein Büro, um ihn um Rat zu fragen, einen Stein vorzuführen oder einen Deal abzuschließen. Dann pausiert unser Gespräch. „Der ‚Kunde’ ist heilig“, sagt er.

Ilans Vater Leopold Samuel wurde 1908 in Polen geboren und ging als Lehrling nach Antwerpen, damals wie heute das andere große Handelszentrum für Diamanten. „Der Diamantenhandel war unter den Juden Europas in Mode“, sagt Samuel. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und seine Eltern im Holocaust ermordet wurden, kaufte sich Leopold Samuel mit Diamanten den Weg frei. 1949 emigrierte er mit seiner Ehefrau nach Israel.

Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt ein Handelsverbot

Männer – und einige Frauen – mit Rollkoffern und Umhängetaschen, in denen nicht selten ein Vermögen steckt, eilen über die Flure der Bursa. Im großen Handelssaal, der weltweit größten Markthalle für Diamanten, sitzen orthodoxe Juden in schwarzen Mänteln und Fedora-Filzhüten neben Indern und Koreanern im Verhandlungsgespräch. Weltweit wird ein Geschäft im Diamantenhandel mit den hebräischen Worten „masal u bracha“, Glück und Segen, und einem Handschlag besiegelt.

Wer sich in der Bursa nicht an die Regeln hält, kann mit einem lebenslangen Handelsverbot bestraft werden. Die Steckbriefe der Ausgeschlossenen sind in Schaukästen an den Wänden ausgestellt, die schwarze Liste der Bursa. Aber viele Konflikte können durch ein eigenes Schiedsgericht gelöst werden. Polizei und Gerichte sollen sich nicht einmischen. „Sie stören doch nur das Geschäft“, sagt Ariel Samuel, der vor einem Jahr eines von 3000 Bursa-Mitgliedern geworden ist. Dafür musste er zwei Bürgen finden, einen Lügendetektortest und einen Intensivkurs bestehen.

Ariel Samuel ist tags zuvor mit neuen Steinen im Wert von mehreren hunderttausend Dollar von einer Dienstreise aus Hong Kong zurückgekehrt. Jetzt sitzt er mit seinem Bruder Bari im Büro neben dem seines Vaters. Die Berliner Verwandte Victoria Rosenzweig ist zu einem Geschäftstermin eingeflogen. Vor einem Jahr hat sie mit Ariel und Bari das Schmucklabel Rosenzweig Jewelry gegründet. Rosenzweig sagt: „Ich mag selbst schönen Schmuck. Und als ich von den beiden einen diamantenbesetzten Ring gekauft habe, habe ich gemerkt, wie gut die Preise hier sind.“ Und das ist nicht der einzige Vorteil beim Geschäft in Ramat Gan. „Hier an der Bursa können wir wirklich alles beschaffen.“

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