Dichtung als Wahrheit : Wie ein Künstler nicht nur für Apple zum Problem wurde

Eine Radioshow in den USA entschuldigt sich bei ihren Hörern. Sie hatte über Arbeitsbedingungen bei Apple berichtet - und dabei auf eine fragwürdige Quelle zurückgegriffen.

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Mike Daisey
Mike DaiseyFoto: dapd

Berlin - Eigentlich hat Mike Daisey nur die Wahrheit gesagt. Allerdings hat er es dabei mit den Details nicht so genau genommen. Das wäre an sich nicht so schlimm, denn Daisey ist Künstler und kein Journalist. In seinem Ein-Mann-Stück in New York lässt er sich über die nach seiner Darstellung katastrophalen Arbeitsbedingungen beim chinesischen Apple-Zulieferer Foxconn aus. Zum Problem wurde Daisey aber für die renommierte US-Radioshow „This American Life“, die die von ihm angeprangerten Zustände zum Anlass für eine im Januar ausgestrahlte Sendung nahm.

Über Details wie von Reinigungsmitteln geschädigte Hände von Mitarbeitern durfte Daisey in der Sendung berichten. Der öffentliche Sender NPR umrahmte das Programm mit selbst recherchierten Hintergründen über die traurigen Verhältnisse, in denen chinesische Arbeiter iPads und iPhones zusammenbauen.

Ausgerechnet dem China-Korrespondenten kamen jedoch Zweifel am Wahrheitsgehalt von Daiseys Erzählungen. Tatsächlich fand er heraus, dass der Schauspieler zwar die Foxconn-Fertigung besucht hatte, Details über die Arbeitsbedingungen aber mindestens zugespitzt, zum Teil sogar erfunden hatte. Die bekannte Radioshow sah sich deshalb jüngst genötigt, sich ausführlich für die verfälschende Berichterstattung zu entschuldigen.

Frei von Wirkung sind Daiseys Berichte nicht. Frei von Wahrheit offensichtlich auch nicht. Seit langem kritisieren Menschenrechtler in China und den USA, dass Apple seine horrenden Gewinne – allein im Weihnachtsquartal 2011 erwirtschaftete der Technologiekonzern aus dem kalifornischen Cupertino unter dem Strich mehr als 13 Milliarden Dollar – nicht zuletzt auf Kosten der chinesischen Arbeiter erwirtschaftet. Vor zwei Jahren wurden mehr als 100 Arbeiter im Werk eines chinesischen Apple-Zulieferers durch Chemikalien zum Teil schwer verletzt. Und im vergangenen Jahr wurden sogar vier Mitarbeiter bei Explosionen in iPad-Werken getötet.

Der gescholtene Schauspieler Mike Daisey räumt ein, übertrieben zu haben. „Ich will nicht sagen, dass ich mir in meiner Leidenschaft, gehört zu werden, nicht hier und dort Freiheiten erlaubt habe.“ Eine Schuld seinerseits kann er jedoch nicht wirklich erkennen. Vielmehr beruft er sich auf die Freiheit der Kunst. „Ich stehe zu meinem Stück“, bekräftigte er. Der Druck auf Apple wurde so hoch, dass sich der Konzern im Februar gezwungen sah, Prüfern Zugang zu den Fabriken zu gewähren. Die Berichte sollen regelmäßig veröffentlicht werden.

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