Wirtschaft : „Dicke Bretter bohren“

Herr Reuter, ist Berlins Industrie ein hoffnungsloser Fall?

Nein, die Stadt ist besser als ihr Ruf. Die Industrie ist sehr ausgedünnt und leidet noch immer unter den Folgen der deutschen Teilung.

Die Wende liegt schon 17 Jahre zurück.

Das Ende der Subventionen war für viele Berliner Betriebe wie ein Erdbeben. Hinzu kommt nun die Umstrukturierung der gesamten Wirtschaft, deutschland- wie europaweit. Durch die Globalisierung verlagern sich die Schwerpunkte der industriellen Fertigung nach Osteuropa und Asien, das kann man nicht rückgängig machen. Nur kreative, produktive neue Ansätze sind ein Ersatz. Doch diese Pflänzchen wachsen nur langsam.

Ist das Werben des Senats um Industrieansiedlungen also aussichtslos?

Natürlich muss man sich um Investoren bemühen, auch intensiver als bisher. Man darf aber nicht auf die Schnelle tausende neue Stellen erwarten, nur weil im verarbeitenden Gewerbe gerade der Export boomt. Man muss auch etwas für die Dienstleister tun, die werden in Zukunft die wichtigste Rolle spielen.

Schreckt die rot-rote Regierung Firmen ab?

Quatsch. Auch wenn man kein Freund dieser Koalition ist, muss man feststellen, dass sie sich intensiv bemüht und erfolgreich ist, etwa bei der Sanierung des Etats.

Muss die Industriepolitik Chefsache sein?

Ansiedlungspolitik, das Werben um Investoren, das ist natürlich Chefsache. Der Regierende Bürgermeister muss mit seiner Person und Glaubwürdigkeit überzeugen. Wowereit kann natürlich nicht jeden kleinen Gründer mit Handschlag begrüßen. Aber wenn wirklich starke Firmen kommen sollen, muss er mehr tun.

Daimler baut in Marienfelde Motoren – alle Audi-Aggregate kommen schon aus Ungarn. Welche Zukunft hat das Werk?

Ich bin zuversichtlich, dass es das Werk auch in 20 Jahren noch gibt. Seine Produktivität muss natürlich wettbewerbsfähig bleiben, und das Unternehmen muss spannende, verlässliche Produkte entwickeln. Dann hat der Standort alle Chancen.

Wie kann Berlins Industrie den Rückstand aufholen?

Das Wichtigste sind Innovationen, technologische Kreativität. Die Zusammenarbeit der Wirtschaft mit den drei großen Universitäten und den Forschungseinrichtungen muss noch stärker in den Vordergrund rücken. Zudem ist die Verlässlichkeit für Investoren wichtig, dass Berlin nicht mehr der Pleiteladen der Republik ist und die Finanzen in Ordnung bleiben. Daneben muss die Bundespolitik mehr dafür werben, dass Berlin die Hauptstadt, der Leuchtturm des Landes ist.

Wann ist Berlin auf Bundesschnitt?

Es kann schneller gehen, als viele denken – zehn oder zwanzig Jahre werden es aber sein, weil dicke Bretter zu bohren sind.

Edzard Reuter (77) war von 1987 bis 1995 der Vorsitzende des Vorstands von Daimler-Benz

und ist Ehrenbürger Berlins. Das Gespräch führte

Carsten Brönstrup.

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