Wirtschaft : Dicke Geschäfte

Das Weihnachtsfest macht viele Deutsche noch pfundiger – die Industrie freut sich auf die spätere Bescherung

Maren Peters

Berlin - Fette Weihnachtsgänse und gefüllte Truthähne, Spekulatius und Mandelkern: Wenn die Deutschen sich während der Festtage wieder kiloweise Speck anfuttern, beobachten viele Branchen das mit besonderem Interesse: Denn Übergewicht kostet die Gesundheitssysteme nicht nur viel Geld, es ist für viele Unternehmen auch ein dickes Geschäft – zunehmend auch in Deutschland.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist bereits die Hälfte der Erwachsenen über 18 Jahre zu dick – mit steigender Tendenz. 13 Prozent der Bevölkerung haben starkes Übergewicht, jedes siebte Kind gilt als fettleibig. Nach Weihnachten könnte die Prozentzahl noch ein kleines bisschen höher sein.

Das freut Unternehmen wie den US-Diätkonzern „Weight Watchers“, denn jedes Pfund extra bedeutet potenziell mehr Geschäft. Zu Beginn des neuen Jahres wollen die Amerikaner in Deutschland eine eigene Produktlinie für Dicke einführen, wie eine Sprecherin sagte. In 18 anderen Ländern sind solche Produkte schon auf dem Markt, allein in England verdiente der Konzern damit im vergangenen Jahr 350 Millionen Euro. Auch die Zahl der wöchentlichen Weight-Watchers-Treffen in Deutschland hat sich deutlich erhöht. Im Mai waren es 3000, ein gutes halbes Jahr später sind es schon 4000. Jeder Besuch kostet knapp zehn Euro. „Wir rechnen damit, dass es noch viel mehr werden“, sagte die Sprecherin. Auch der Konsumgüterkonzern Unilever hat mit „Slim Fast“ längst eine eigene Linie für Abnehmwillige im Angebot, die sich in Deutschland allerdings noch schwer tut.

Hilfe beim Abnehmen bieten inzwischen auch diverse Ratgeber, von denen die Buchbranche gut lebt. Susanne Fröhlichs „Moppel-Ich“ etwa steht seit Wochen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste, seit seinem Erscheinen im Mai 2004 hat sich der Titel 500 000 Mal verkauft. „Das Thema Dicksein ist inzwischen ein eigenes Segment am Markt“, sagte eine Sprecherin des S.Fischer Verlags. Wer es trotz der Tipps nicht schafft, dünner zu werden und deshalb an Diabetes oder hohem Blutdruck erkrankt, findet Hilfe bei der Pharmaindustrie. Sie macht viel Geld mit Pillen, die die typischen Folgen von Übergewicht lindern. So war der umstrittene Cholesterinsenker Sortis des US-Konzerns Pfizer mit 515 Millionen Euro im vergangenen Jahr das umsatzstärkste Medikament in Deutschland.

Weil Dicke als Risiko gelten, bitten einige Versicherer sie schon jetzt zur Kasse. „Bei starkem Übergewicht kann es sein, dass Zuschläge erhoben werden“, sagt Timo Scheil, Sprecher von Marktführer Allianz-Leben. Den Zuschlag zahlen müssten auf jeden Fall jüngere Versicherte, die einen Body-Mass-Index (Körpergewicht geteilt durch Körpergröße im Quadrat) von mehr als 30 haben.Bei älteren Dicken zeigt sich der Versicherer nachsichtiger.

Die Erklärung: Je länger Versicherte leben, desto länger zahlen sie in ihre Lebensversicherung ein, desto später kassieren sie die Auszahlung. Bei stark Übergewichtigen geht diese Rechnung nicht mehr auf, weil sie eine geringere Lebenserwartung haben, wie eine neue Studie des Rückversicherers Swiss Re (Titel: „Too big to ignore“) zeigt. Swiss Re empfiehlt allen Versicherern, die Prämien für Dicke zu erhöhen.

Sehr viel wohlwollender kommt die Mode Dicken entgegen. Da viele ihrer Kundinnen nicht mehr in die alte Konfektionsgröße passen, passen einige Modemacher die Konfektionsgröße einfach dem wachsenden Umfang an – aus Imagegründen, klagt Martin Ruppeiter Bekleidungstechnik beim vom Textil-Textil-Forschungsinstitut Hohenstein. Frauen, die eigentlich Größe 42 bräuchten, könnten sich so noch in 38 zwängen. „Schmeichelgrößen“ nennt die Branche diesen psychologisch wertvollen Schmuh.

Vielleicht werden auch Flugzeugbauer ihre Sitze bald umschneidern müssen. Die US-Luftfahrtbehörde FAA hat ausgerechnet, dass Passagiere zwischen 1995 und 2003 im Schnitt 10,3 Kilo zugelegt haben. Noch lösen die Airlines das Problem pragmatisch. „Wer mehr Pfunde hat, wird so gesetzt, dass der Nebenplatz frei bleibt“, sagt eine Lufthansa-Sprecherin. Wem das nicht passt, müsse eben Business fliegen.

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