Wirtschaft : Die 40-Stunden-Woche rückt näher

Nach dem jüngsten Tarifabschluss prüfen Porsche, Bosch, Siemens und Daimler-Chrysler, ob ihre Mitarbeiter wieder länger arbeiten müssen

Alfons Frese

Messer aus Solingen sind ein Begriff. Weltweit. Das hat aber auch Nachteile. Denn wenn Solingen draufsteht, muss auch die Arbeit von Solingen drin sein. „Man kann nicht in Billiglohnländer auswandern“, beschreibt Harald Wüsthof, Chef des Dreizackwerks, die Konsequenzen. Und da der Lohnkostenanteil bei 40 Prozent und damit für die deutsche Industrie sehr hoch liege, müsse man sich um eine Entlastung kümmern, sagt Wüsthof.

Er hatte darauf gehofft, dass sich die Tarifparteien auf einen entsprechenden Abschluss einigen würden, vor allem den Betrieben mehr Spielraum bei der Arbeitszeit einräumen würden. Ganz so ist es nicht gekommen. Doch mit dem Bekenntnis von Arbeitgebern und IG Metall zu mehr Flexibilität und Kostenentlastung im Rücken, hofft Wüsthof auf Entgegenkommen der Betriebsräte, wenn er mit denen am Montag über die Überstundenzuschläge verhandelt. „Der Tarifabschluss hat nichts gebracht, aber wir bauen auf einen Mentalitätswechsel der Betriebsräte“, sagt Wüsthof.

Vor knapp drei Wochen haben sich Arbeitgeber und IG Metall in Baden-Württemberg auf einen neuen Tarif geeinigt. Die Arbeitnehmer bekommen mehr Geld, die Arbeitgeber mehr Möglichkeiten bei der Verlängerung der Arbeitszeit. In der Metallindustrie gilt seit vielen Jahren die 35-Stunden-Woche als Regelarbeitszeit; doch bis zu 18 Prozent der Beschäftigten im Betrieb durften bislang bis zu 40 Stunden arbeiten. Diese Quote kann nun auf 50 Prozent steigen, wenn mehr als die Hälfte der gesamten Arbeitnehmer des Betriebs „besonders qualifiziert“ sind beziehungsweise im Schnitt mindestens 4500 Euro im Monat verdienen. Diese Regelung ist günstig für die Forschungs- und Entwicklungszentren von Konzernen. Für Harald Wüsthof und seine 290 Mitarbeiter bringt sie nichts.

Als erstes großes Unternehmen hat Daimler-Chrysler angekündigt, die Entwickler im Sindelfinger Mercedes-Werk künftig 40 Stunden forschen zu lassen. Aber auch diese Maßnahme ist nur mittelbar ein Effekt des Tarifvertrags. Weil in Sindelfingen dafür auch nicht die Voraussetzung gegeben ist (50 Prozent aller Mitarbeiter hochqualifiziert), will der Konzern mit der IG Metall einen Ergänzungstarifvertrag abschließen. Auch das war bislang schon möglich, wird aber offenbar durch den jüngsten Tarifabschluss erleichtert. In Bayern heißt es beim zuständigen Arbeitgeberverband, rund 50 Unternehmen hätten Interesse an der Anwendung des neuen Tarifs, also einer Verlängerung der Arbeitszeit. Aber wer und wann und wie – das ist offen. Unternehmen und IG Metall loten erstmal mehr oder weniger konspirativ die Möglichkeiten aus.

Zum Beispiel bei Bosch, wo es für ein Entwicklungszentrum bereits seit zwei Jahren einen Vertrag über 40 Stunden gibt. Die Arbeitszeit an anderen Bosch-Standorten werde „umfassend geprüft“, heißt es auf Anfrage. Die Personalabteilung von BMW befindet sich ebenfalls „in der Prüfung, ob Bedarf besteht“. Dagegen wissen die Chefs von Porsche schon, was sie wollen. Im Entwicklungszentrum in Weissach arbeiten rund 3000 Leute, 18 Prozent davon bislang 40 Wochenstunden. Künftig sollen es 50 Prozent sein. „Wir begrüßen die Tariflösung außerordentlich und werden demnächst mit der Arbeitnehmerseite verhandeln, um die Quote zu erhöhen“, sagt ein Porsche-Sprecher.

Continental will, aber darf nicht

Nach Informationen des „Handelsblatts“ verhandeln auch Siemens und der Stuttgarter Autozulieferer Mahle mit den Arbeitnehmervertretern. Der Reifenhersteller Continental führt Verhandlungen mit der Gewerkschaft, um in seinem Reifenwerk in Hannover ohne vollen Lohnausgleich wieder länger arbeiten zu lassen. Das Reifenwerk unterliegt aber nicht dem Metall-Tarif, zuständig ist die Gewerkschaft IG BCE (Bergbau, Chemie, Energie). Und die lehnt eine Erhöhung der Wochenstundenzahl von 37,5 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich strikt ab.

Bei den baden-württembergischen Arbeitgebern, die den Abschluss verhandelt haben, liegen noch keine Erkenntnis vor, wie der Abschluss wirklich umgesetzt wird. Aber man will mit Argusaugen darauf achten, ob die IG Metall die neuen Spielräume für die Betriebe nicht verstellt. Wenn die IG Metall sich sperren sollte, „dann brauchen wir doch noch eine gesetzliche Öffnungsklausel“, sagt der Hauptgeschäftsführer der baden-württembergischen Arbeitgeber, Arnulf Jagenlauf.

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