Wirtschaft : „Die ärmeren Länder haben zu forsch verhandelt“

Handelsexperte Manfred J.M. Neumann über die Cancún-Konferenz und die Folgen für die Wirtschaft

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Herr Neumann, welche Folgen hat der Abbruch der WTOVerhandlungen?

Der Trend zu immer weniger Handelsschranken zwischen den Ländern und zu immer mehr Globalisierung ist jetzt erst einmal gestoppt. Ein neues Zeitalter des Protektionismus ist zwar nicht angebrochen. Aber bis es einen neuen WTO-Vertrag geben wird, dürfte es noch Jahre dauern. Das ist schlecht.

Ist die WTO nun geschwächt?

Ja, es wird nun wieder mehr bilaterale Verhandlungen gehen. Trotzdem hat die WTO eine Zukunft, denn in großen, multilateralen Runden lässt sich viel mehr erreichen, und sie sind für alle preiswerter.

Wie groß ist der Schaden für die Weltwirtschaft?

Der lässt sich kaum beziffern. Klar ist aber, dass die Weltwirtschaft durch den Abbau von Zöllen und Subventionen mittelfristig deutlich dynamischer hätte wachsen können. Diese Chance ist jetzt erst einmal vertan – das bedeutet auch einen Nachteil für die exportorientierte deutsche Wirtschaft.

Wer ist Schuld am Scheitern der Konferenz?

Alle sind Schuld, Industrie- wie Entwicklungsländer, weil sie sich zu wenig bewegt haben. Leiden wird der reiche Norden, der nicht mehr seine Industriegüter und Dienstleistungen in den ärmeren Süden verkaufen kann. Aber auch die Entwicklungsländer sind Verlierer, sie können ihren Agrarexport nach Europa, Japan oder Amerika nicht ausweiten.

Waren die ärmeren Staaten zu forsch?

Ja, das war ein Fehler. Zwar dürfen sie sich nicht die Bedingungen für den Handel diktieren lassen. Aber durch ihr geschlossenes Auftreten haben sie die reichen Länder so stark unter Druck gesetzt wie bei noch keiner Konferenz zuvor. Die Frage ist, ob sie sich damit einen Gefallen getan haben, denn nun stehen sie mit leeren Händen da.

Die Nichtregierungsorganisationen feiern das Ergebnis von Cancún aber als Sieg der Gerechtigkeit.

Das zu feiern ist dumm. Die armen Länder haben nur eine Chance auf Entwicklung, wenn sie ihre Märkte öffnen. Ohne freien Handel werden sie ihren Lebensstandard und ihr Know-how kaum verbessern können.

Das Gespräch führte Carsten Brönstrup.

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