Wirtschaft : Die Agrarwende ist eine Schnecke

Bioverbände werfen Verbraucherministerin Künast eine falsche Strategie vor. Die Verbraucher kaufen lieber billige Lebensmittel

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Berlin (pet/fw). Unter den Vertretern der biologischen Lebensmittelbranche stoßen die Pläne von Bundesverbraucherministerin Renate Künast gegen Preisdumping im Lebensmittelhandel auf Widerstand. „Unsere Produkte müssen sich am Markt behaupten können“, sagte Werner Witting, Hauptgeschäftsführer vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), dem Tagesspiegel. Der Weg müsse über marktwirtschaftliche Mechanismen führen, und die Produkte ohne dirigistische Eingriffe verkauft werden, betonte er. Die Lebensmittel aus den Discountern seien ohnehin keine Konkurrenz für die BioLebensmittel, sondern lediglich für die anderen konventionell produzierten Produkte. Künast verteidigte dagegen ihre Pläne, per Gesetz die Preisspirale nach unten zu stoppen. „Tatsache ist, Qualität und Sicherheit haben ihren Preis“, sagte die Ministerin am Donnerstag im Vorfeld der Grünen Woche.

Öko-Verbände forderten unterdessen mehr Dynamik bei der Umsetzung der Agrarwende. „Die Agrarwende gleicht eher einer Schnecke als einem galoppierenden Pferd“, sagte Hubert Weiger vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) bei der Vorlage des „Kritischen Agrarberichtes 2003“. Die Folgekosten einer verzögerten Agrarwende würden immer höher.

Die grüne Verbraucherministerin muss befürchten, dass ihre Agrarwende ins Stocken gerät (siehe Kasten). Nach dem BSE-Skandal hatte Künast vor zwei Jahren das ehrgeizige Ziel ausgegeben, bis 2010 den Anteil des Öko-Landbaus an der Anbaufläche auf 20 Prozent zu steigern. Derzeit liegt der Anteil bei 3,7 Prozent. Doch die Verbraucher ziehen nicht mit. Nur ein Drittel ist laut der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) theoretisch bereit, für Öko-Produkte mehr Geld auszugeben, nach dem Nitrofen-Skandal des vergangenen Jahres hat das Vertrauen in Ökoprodukte deutlich gelitten. Tatsächlich kaufen in Zeiten der Konsumflaute immer mehr Deutsche ihre Lebensmittel billig im Discounter.

Die Verbraucherministerin will jetzt bei den Preisen ansetzen, um Bio-Kost attraktiver zu machen. Denn: „Preiskampf bedeutet, dass es am Ende wieder spannend sein kann, illegal zu produzieren.“ Das derzeitige Preisdumping von Lebensmittelketten stehe einer qualitativ hochwertigen Produktion in der Landwirtschaft entgegen, sagte Künast am Donnerstag. Der Preisverfall werde dazu führen, dass es immer weniger Anbieter gebe. Dadurch fehle der Wettbewerb und Arbeitsplätze würden wegbrechen.

Über eine Änderung des Wettbewerbsrechts will sie versuchen, das Preisdumping zu stoppen. Künast bestätigte, dass ihr Ministerium an einer Neufassung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb mitwirke, die gerade unter Federführung des Justizministeriums überarbeitet wird. Dabei werde es unter anderem darum gehen, gegen Ladenpreise für Lebensmittel vorzugehen, die unter dem Einkaufspreis liegen.

Statt bei den Preisen anzusetzen, fordern Öko- und Umweltverbände ein Umdenken. „Es bedarf einer langfristigen, umfangreichen Strategie zur Entwicklung der ökologischen Agrarkultur in Abstimmung mit den europäischen Nachbarn“, sagte Immo Lünzer vom Forschungsring für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise. Er ist Mitglied des Agrarbündnisses, eines Zusammenschlusses von 21 Organisationen, die einmal jährlich den Kritischen Agrarbericht vorlegen. Das Bündnis forderte Künast auf, sich auf der Ebene der Europäischen Union stärker für die Förderung des ökologischen Landbaus einzusetzen. „Während nur Brosamen für die umweltverträgliche Landwirtschaft ausgegeben werden, werden Milliarden in die konventionelle Landwirtschaft gesteckt“, sagte BUND-Vertreter Weiger.

Die Biobranche befinde sich auf Wachstumskurs, leide aber unter der schlechten konjunkturellen Lage, gab der BÖLW bekannt. Die Zahl der verbandsgebundenen ökologischen Erzeugerbetriebe stieg laut BÖLW um 344 neue Betriebe auf insgesamt 9333 und wuchs damit also um 3,8 Prozent. In diesem Jahr rechne man mit einem Wachstum zwischen drei und fünf Prozent, sagte Hauptgeschäftsführer Witting. 2001 gab es noch Wachstumsraten von über zehn Prozent. Neben dem Nitrofenskandal im vergangenen Jahr mache auch schlechte Kaufstimmung der Branche zu schaffen. „Die Leute haben nicht genug Geld übrig, um sich die teureren Bioprodukte leisten zu können.“

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