Wirtschaft : Die Aktionäre der Telekom sind hin- und hergerissen

Halten oder mit hohem Gewinn verkaufen? / Analysten korrigieren die Schätzungen nach oben / Erste Bilanz nach dem Börsengang

FRANKFURT (MAIN)(AP).Die Versuchung ist groß: Hunderttausende Telekom-Aktionäre der ersten Stunde können nach Ende der Spekulationsfrist ab Dienstag nach Pfingsten ihre Papiere steuerfrei verkaufen und eine satte Rendite einstreichen.Wer am 18.November 1996 zum ermäßigten Preis von 28 DM gekauft hat, macht jetzt bei einem Kurs von über 40 DM abzüglich Gebühren mehr als 30 Prozent Gewinn pro Aktie.Doch Anlageberater führen zwei Gründe gegen schnelles Verkaufen an: Treueaktien und Dividende sowie gute Kursaussichten für das Papier des Telefonriesen, der am Dienstag die erste Bilanz nach dem Börsengang vorlegt.Die Telekom gibt Privataktionären, die bis zum 30.September 1999 dabei bleiben, kostenlose Bonusaktien im Verhältnis 1:10 für maximal 300 Aktien."Welcher Kleinanleger verzichtet schon auf eine zehnprozentige Rendite, wenn er diese nach weiteren zweieinhalb Jahren Haltedauer einstreichen kann", zeigte sich Telekom-Finanzvorstand Joachim Kröske kürzlich zuversichtlich.Auch die versprochene Dividende von 1,20 DM für dieses Jahr bekommt nur, wer dem Papier die Stange hält.Für 1998 rechnen Experten mit einer Ausschüttung von 1,40 DM.Am Dienstag wird die Telekom die Dividende für 1996 offiziell bekanntgeben ­ früheren Ankündigungen zufolge 60 Pfennige je 5-DM-Aktie.Weitere Auskunft über Treueaktien und Dividende erhalten Anleger beim Forum T-Aktie unter der Nummer 0130/2100. Für das Halten wird außerdem ins Feld geführt, daß dem Papier noch weitere Kurssteigerungen zugetraut werden.In Bankenkreisen ist von deutlich über 40 DM noch in diesem Jahr die Rede.Die Deutsche-Bank-Tochter Deutsche Morgan Grenfell (DMG) korrigierte am Montag ihre Gewinnerwartungen für die T-Aktie nach oben.Die neuen Schätzungen lauten nun 2,18 statt 1,73 DM für 1997 und 2,68 statt 2,30 Mark je Aktie für 1998.Die DMG rät ihren Kunden nach wie vor, T-Aktien im Depot überzugewichten.So sieht das auch die Dresdner, die Commerzbank rät zum Kauf, andere Banken plädieren in jedem Fall für Halten. Zu den positiven Erwartungen vieler Analysten tragen zwei Entwicklungen bei: die Erfolge der Telekom bei der finanziellen Sanierung und die Anlaufprobleme der privaten Konkurrenzfirmen im liberalisierten Telekommunikationsmarkt.Den Privaten wie Otelo (RWE, Veba) und Arcor (Mannesmann, Deutsche Bahn) wird in den nächsten Jahren die Eroberung von maximal 25 Prozent des Marktes zugetraut.Über den großen Rest wird weiter der Platzhirsch Telekom herrschen.Otelo hat außerdem immer noch keinen zugkräftigen internationalen Partner.Während die private Konkurrenz noch ihre Kinderkrankheiten kuriert, hält Telekom-Chef Ron Sommer den früheren Monopolisten strikt auf Sanierungskurs.Für 1997 hat Sommer bereits eine Gewinnverdopplung und den weiteren Abbau der Schulden auf deutlich unter 80 Mrd.DM angekündigt.Vergangenes Jahr verdiente die Telekom 1,6 Mrd.DM, im eigentlichen Geschäft sogar vermutlich mehr als sechs Mrd.DM.Das Personal soll bis zum Jahr 2000 von 201 000 auf 175 000 Mitarbeiter reduziert werden.SUSANNE NICOLETTE STRAUSS

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