Wirtschaft : Die alten Lotsen gehen von Bord

Als einer der letzten Vertreter der Deutschland AG hat Schrempp den Vorsitz eines Konzerns aufgegeben

Frank Bremser

Düsseldorf - Viele der entscheidenden Männer der Deutschland AG sind in den vergangenen Jahren abgetreten. Den Anfang machte Henning Schulte-Noelle: Mitte 2003 räumte der lange Zeit als unantastbar geltende Manager seinen Chefposten bei der Allianz. Schulte-Noelle, der den Versicherer zum Weltkonzern mit mehr als 180 000 Mitarbeitern in 70 Ländern aufgebaut hatte, hatte sich bei der Übernahme der Dresdner Bank verhoben.

Ebenfalls 2003 musste Kajo Neukirchen seinen Posten bei MG Technologies räumen. Auf Wunsch seines Freundes Hilmar Kopper, damals Chef des Hauptaktionärs Deutsche Bank, hatte er 1993 den Vorsitz bei der damaligen Metallgesellschaft übernommen.

Rolf Breuer hat sich nach seinem Abschied als Vorstandssprecher der Deutschen Bank im Jahr 2002 in verschiedene Aufsichtsratsmandate zurückgezogen. Lange Zeit war er selbst von seinem eigenen Vorgänger Hilmar Kopper protegiert worden. Als Chef des Kontrollgremiums hält er zwar seinem Nachfolger Josef Ackermann den Rücken frei, doch die Kritik an seiner Person wächst. Zuletzt wurde er vor allem auf Druck des Hedgefonds TCI von seinem Posten als Chefkontrolleur der Deutschen Börse AG gedrängt.

Sie alle waren Vertreter der so genannten Deutschland AG – einer deutschen Spezialität, die die enge Verflechtung von Großunternehmen, Banken und Kapitalgebern meint. Vor allem Finanzinstitute wie die Deutsche Bank und die Dresdner Bank oder der Versicherungskonzern Allianz waren jahrelang der Kern dieses Systems. In Aufsichtsräten traf sich eine Elite, die sich gegenseitig kontrollierte und unterstützte – zum Beispiel in dem Bemühen, feindliche Übernahmen zu verhindern. Durch Einbeziehung der Gewerkschaften in dieses System wurde politische Stabilität garantiert. Es entstand ein Geflecht gegenseitiger Beteiligungen: So ist zum Beispiel die Allianz durch Querverbindungen über die Dresdner Bank und die Münchner Rück ihr eigener Aktionär. Jürgen Beyer vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung bezeichnet die Struktur des Allianz-Konzerns als Prinzip „Freundeskreis“, als Beispiel für einen „koordinierten Kapitalismus“.

Doch das Konzept ist überholt. Nicht zuletzt durch die wachsende Macht von Investmentbankern in den Bankhäusern, von Hedge Fonds und von ausländischen Banken wächst der Druck auf Banken und Finanzkonzerne, sich stärker global aufzustellen und sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Damit einher geht die Trennung von Beteiligungen: So übernahm im Juni 2000 die britische Vodafone ohne großen Widerstand der deutschen Banken das Industriedenkmal Mannesmann. 2002 schluckte die Allianz die Dresdner Bank – im Zuge seines Umbaus zum Allfinanz-Konzern. Und im Juni wurde die Hypo-Vereinsbank an die italienische Bank Unicredito verkauft.

Die neuen Chefs in den Konzernen – wie Utz Claasen (EnBW), Nikolaus von Bomhard von der Münchner Rück, Kai-Uwe Ricke von der Deutschen Telekom oder der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner – sind Anfang bis Mitte 40 und global orientiert.

Tot ist die Deutschland AG dennoch nicht: Einige Vertreter der alten Deutschland AG ziehen in den Aufsichtsräten weiter ihre Fäden: Nur 18 Manager teilen sich fast zehn Prozent aller Kontrollmandate in Dax- und M-Dax-Firmen. Allein Manfred Schneider, Ex-Vorstandschef von Bayer, sitzt bei sieben Dax-Schwergewichten im Aufsichtsrat, darunter Linde und Daimler-Chrysler.

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