Wirtschaft : Die Amerikaner bleiben trotz der Übernahmen cool

JACOB M.SCHLESINGER CHRISTINA DUFF

David Kline erinnert sich gut, wie japanische Unternehmen in den 80er Jahren zuhauf amerikanische Gesellschaften übernahmen."Sie haben alles aufgekauft.Es war verrückt!" sagt der Eigentümer eines Schuhreparier-Dienstes in New York."Ich glaube sie hätten sogar die Freiheitsstatue gekauft", erzählt er."Es war beängstigend."

Während er an der Unternehmenszentrale von Bankers Trust in Manhattan vorbeiläuft, wird der 44jährige Kline gefragt, ob er gehört hat, daß die Deutsche Bank das Unternehmen übernimmt.Er schüttelt den Kopf: "Es gibt viele Meldungen wie diese.Ich höre nicht hin." Was hält er von der deutschen Übernahme von Random House, Amerikas größtem Buchverlag, oder der Fusion von Daimler-Benz mit Chrysler, dem drittgrößten Autohersteller? "Ich verfolge diese Entwicklungen nicht richtig", antwortet Kline nach einer langen Pause."Die Deutschen werden nicht für Aufregung sorgen."

Die neue Übernahmewelle amerikanischer Unternehmen durch ausländische - erst vergangen Monat gab ein britisches Unternehmen bekannt, es werde eines der größten Versorgungsunternehmen in den Neuenglandstaaten für mehr als drei Mrd.Dollar kaufen - erregt weder Ärger noch Besorgnis.Während der japanische Großeinkauf damals Schlagzeilen wie "Ihr nächster Boss könnte Japaner sein" provozierte, reagiert die Öffentlichkeit diesmal überhaupt nicht auf die ausländischen Investitionen.

"Ich bin einfach entsetzt darüber, was heute alles keine Empörung hervorruft", beklagt Ross Perot, der vom Weißen Haus eine starke "Wir gegen sie"-Position erwartet.Pat Choate, der neben Perot in den Präsidentschaftswahlen 1996 als Vizepräsident kandidierte, und der lange den Zustrom ausländischen Geldes verurteilt hat, räumt ein: "Wir haben den Kampf gegen ausländisches Kapital schon hinter uns.Diese Debatte ist vorbei." Was ist dieses Mal so anders?

Zunächst haben die Amerikaner ein größeres Vertrauen in ihre Volkswirtschaft und sind deshalb weniger ängstlich, was die Herausforderung durch andere Länder anbelangt.In einer Umfrage vom Wall Street Journal und der NBC News im Jahr 1990, sagten 73 Prozent der Amerikaner, Japan wäre eine stärkere Wirtschaftsmacht als die USA.In diesem Jahr jedoch äußerten 67 Prozent, die amerikanische Wirtschaft wäre die mächtigste der Welt.Japan rangierte viel weiter unten mit 15 Prozent und nur sechs Prozent nannten Deutschland.

Dazu kommt, daß die amerikanische Aktien-Besessenheit rationalen Pragmatismus in den Vordergrund gerückt hat und unüberlegten Patriotismus ins Abseits.Als die Fusion von Daimler-Benz und Chrysler angekündigt wurde, schien es den Chrysler-Angestellten weniger wichtig zu sein, daß sie künftig der deutschen Zentrale in Stuttgart unterstellt sein würden.Sie bewegte die Frage, wieviel sie für ihre Chrysler-Aktien bekommen würden."Ich will nur wissen, ob der Aktienkurs hoch geht", sagte damals Evelyn Jones, eine Angestellte in der Jeep Cherokee Fabrik in Detroit.

Nur wegen des Holocaust gab es ein paar Klagen über die Fusion von Daimler und die Übernahme durch die Deutsche Bank.Auf der außerordentlichen Chrysler-Aktionärsversammlung im September, bei der über die Chrysler-Übernahme abgestimmt wurde, berichtete Evelyn Davis, wie sie als 15jährige in einer Fabrik von Daimler-Benz Zwangsarbeit leisten mußte."Ich war damals ein Kind und nun fusionieren wir mit diesen Menschen.Ihr verkauft uns an Kriegsverbrecher", erinnerte sie denChrysler-Präsidenten Robert Eaton.

Ob es gerecht ist oder nicht, es scheint für die Amerikaner immer noch eine Rolle zu spielen, wer der Käufer ist.Diesmal handelt es sich bei den Erwerbern zum größten Teil um europäische Unternehmen; das letzte Mal waren es Japaner.Als die japanische Nintendo vor sechs Jahren die Mannschaft der Seattle Mariners kaufen wollte, drohte die Major League Baseball diese Übernahme zu verhindern."Wir alle haben Ressentiments gegen Japaner", schrieb Michael Bauman, ein Sportjournalist des Milwaukee Journal.

Die große Zahl an Übernahmen in diesem Jahr wird voraussichtlich die Gesamtsumme an ausländischem Geld, das für amerikanische Unternehmen, Fabriken, Bürohäuser, Hotels und Einkaufszentren ausgegeben wurde, auf Rekordhöhen schrauben.Der jährliche Strom sogenannter Direktinvestitionen wuchs Ende der 80er Jahre nach Angaben des Wirtschaftsministeriums auf 69 Mrd.Dollar, nachdem sie zu Beginn des Jahrzehnts nur 17 Mrd.Dollar betragen hatten.Der ausländische Mittelzufluß ging 1992 auf 19 Mrd.Dollar zurück, doch ist seitdem wieder angewachsen.Im vergangenen Jahr haben die Direktinvestitionen mit 91 Mrd.Dollar den Rekord der 80er Jahre weit übertroffen.Für dieses Jahr erwartet man, daß das Volumen nochmals höher sein wird.Allein britische Unternehmen gaben für Übernahmen amerikanischer Unternehmen in der letzten Zeit mehr als 60 Mrd.Dollar aus.Vergangenen Montag gab die britische National Grid Group bekannt, die New England Electric System für 3,2 Mrd.Dollar zu übernehmen.Kurze Zeit zuvor kündigte Scottish Power an, PacifiCorp, ein Versorgungsunternehmen in Oregon, für sieben Mrd.Dollar zu erwerben.

Und im August kündigte British Petroleum die Übernahme Amocos an - die bis dahin größte ausländischen Übernahme überhaupt.Der Gesamtwert aller größeren Übernahmen amerikanischer Unternehmen durch ausländische, die in diesem Jahr angekündigt wurden, beträgt 217 Mrd.Dollar, schätzt Securities Data, ein Unternehmen in New Jersey, das Trends bei Finanzierung und Fusionen aufspürt - mehr als doppelt so viel als die Gesamtsumme im vergangenen Jahr.

Als Japan vor einem Jahrzehnt auf Einkaufstour in den USA war, beklagten Unternehmen und Politiker, daß Japan selbst ausländischen Investitionen weitgehend verschlossen war.Auch das hat sich verändert.Nach acht Jahren allenfalls anämischen Wachstums in Japan halten japanische Unternehmen verzweifelt nach frischem Kapital Ausschau.In den vergangenen Monaten haben sich Merrill Lynch und andere amerikanische Finanztitanen bei größeren japanischen Unternehmen eingekauft.

Doch vor allem hat ein neues wirtschaftliches Selbstbewußtsein der Amerikaner die amerikanische Wahrnehmung der ausländischen Bedrohung verändert.Als in den 80er Jahren die Übernahme amerikanischer Unternehmen durch Ausländer fast eine Hysterie auslöste, herrschte in den USA eine Stimmung des wirtschaftlichen Niedergangs.Ernstzunehmende Wissenschaftler sagten voraus, die japanische Wirtschaft würde die amerikanische bis zur Jahrtausendwende in den Schatten gestellt haben.Damals besaßen japanische und deutsche Unternehmen in Branchen die Oberhand, die als Maß ökonomischer Macht angesehen wurden: Autos, Stahl und Speicherchips.Inzwischen wächst jedoch die amerikanische Volkswirtschaft schneller als die ihrer Konkurrenten.Zudem sind die amerkanischen Unternehmen weltweit führend in den Wachstumsbranchen Software, Internet, Finanzen und Unterhaltung.

"Es ist eine Beleidigung zu denken, ich würde mich aufregen, wenn Deutsche hier einige Unternehmen kaufen.Dieses Land ist weit überlegen", sagt Carl Johnson, ein 47jähriger Papierhändler aus Milwaukee."Wenn ein deutscher Geschäftsmann den Raum betritt, sieht man nicht mit Ehrfurcht auf", versichert er."Aber glauben Sie mir, in anderen Ländern hat man viel Respekt vor amerikanischen Geschäftsmännern."

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar