Wirtschaft : Die Analysten erwarten weniger als vier Millionen Beschäftigungslose

Die günstige konjunkturelle Entwicklung in Deutschland schlägt nach Ansicht von Analysten endlich auch auf den Arbeitsmarkt durch. Im Durchschnitt erwarten die von Reuters befragten Volkswirte im März einen Rückgang der unbereinigten Arbeitslosenquote auf 10,2 (März 10,6) und damit weniger als vier (4,141) Millionen Arbeitslose. In der saisonbereinigten Betrachtung prognostizieren sie einen Rückgang zum Vormonat um 25 000. Bereits am vergangenen Freitag hatte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer erklärt, die Zahl der Arbeitslosen werde "um etwa vier Millionen" liegen. Die Bundesanstalt für Arbeit wird am Dienstagvormittag die offiziellen Zahlen für April vorlegen.

Im März waren in Ostdeutschland 1,45 Millionen Menschen arbeitslos bei einer Quote von 18,9 Prozent. Im Westen hingegen hatte die Quote 8,6 Prozent bei 2,691 Millionen Arbeitslosen betragen.

"Die anziehende Konjunktur zusammen mit der weiterhin günstigen demographischen Entwicklung wird die Lage weiter verbessern", sagte Stephan Rieke, Volkswirt bei der BHF-Bank in Frankfurt (Main). Die absolute Zahl der Arbeitslosen werde auf knapp unter vier Millionen sinken bei einer gesamtdeutschen Arbeitslosenquote von 10,1 Prozent. "Die Probleme auf dem Arbeitsmarkt können allerdings nicht über Nacht gelöst werden", fügte er hinzu.

Die Analysten und auch Engelen-Kefer stimmten überein, dass die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt jedoch weiter gespalten bleibt. Demnach werde sich der zu erwartenden Rückgang der Arbeitslosigkeit fast vollständig im Westen vollziehen, während im Osten das Niveau gar nicht oder nur kaum sinken dürfte. Engelen-Kefer hatte erklärt, der Rückgang der Arbeitslosenzahl habe sich bereits im März im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum verlangsamt. Es sei damit zu rechnen, dass sich diese Tendenz im April fortgesetzt habe. Mit dem Hauptrückgang sei wiederum in Westdeutschland zu rechnen. Im Osten sei nur ein minimales Abschmelzen der Arbeitslosigkeit zu erwarten. Daher müsse im Osten "erheblich mehr getan werden" und seien die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen auf hohem Niveau fortzusetzen, sagte Engelen-Kefer. "Im Osten spielen die staatlichen Eingriffe den entscheidenden Teil, diese sind schwer zu prognostizieren", sagte Volker Nitsch von der Bankgesellschaft Berlin. Nitsch rechnet für Gesamtdeutschland mit einem Rückgang der Arbeitslosenquote auf 10,2 Prozent. Sein Kollege Hans-Jürgen Meltzer von der Deutschen Bank Research sieht immer mehr Zeichen für eine konjunkturell bedingten Abbau der Arbeitslosigkeit. "Wir erwarten einen Rückgang bei den bereinigten Zahlen um 30 000, das ist ein Hoffnungswert", sagte Meltzer. Dabei kämen die Impulse nicht nur aus dem Dienstleistungssektor. Der boomende Export werde auch Neueinstellungen in der Industrie nach sich ziehen. Dass die Arbeitslosenzahl, wie von Bundeskanzler Gerhard Schröder erwartet, bis 2002 auf unter 3,5 Millionen sinkt, sei ein realistisches Ziel, sagte Meltzer.

Auch der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, hatte dieses Vorhaben Anfang Mai für möglich gehalten. Zu erreichen sei dies allerdings nicht nur durch mehr Wirtschaftswachstum, sondern unter anderem auch durch flexiblere Arbeitszeiten und die Bereitschaft, auch ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen, hatte Jagoda gesagt. Außerdem seien im April die Unwägbarkeiten saisonaler Effekte weggefallen, die noch im März zu einem geringeren Rückgang der Arbeitslosigkeit als in den beiden Vorjahren geführt hatte. Im Vorjahr war die Vier-Millionen-Marke zunächst im Mai und Juni unterschritten worden, in den beiden folgenden Monaten war sie wieder über vier Millionen geklettert. Erst im Herbst lag sie wieder knapp unter der Marke.

Einen überdurchschnittlich starken Rückgang der Arbeitslosenquote erwarten Experten im April als Folge einer statistischen Korrektur. Statt des in den Vormonaten üblichen Rückgangs um 0,3 Prozentpunkte könnte die Quote um bis zu 0,5 Prozentpunkte sinken. Jeweils im April werde die Basis zur Berechnung der Quote korrigiert. Da nach einer neuen Regelung alle neu geschaffenen 630-Mark-Jobs bei den Arbeitsämtern gemeldet werden müssen, würden diese Jobs jetzt präziser erfasst, heißt es. Angesichts des damit zunehmenden Erwerbstätigen-Potenzials werde die Quote günstig beeinflusst.

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