Wirtschaft : Die Angst verdrängt die Gier

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Von Sandra Calian

Die Anleger müssen auf die Couch. Manche Experten, die die Psychologie des Marktes verfolgen, halten eine Geistesverwirrung für die Ursache des beinahe täglichen Kurssturzes an den Börsen. Eine „Aversion gegen Unklarheit“ quäle die Anleger im speziellen und den Markt im allgemeinen, sagt John Payne, Marktpsychologe und Professor für Unternehmensführung an der Duke Universität in North Carolina. Was ist damit gemeint? Die Menschen mögen einfach keine Ungewissheit. Und zur Zeit haben die Anleger davon mehr als genug: WorldComs Bilanzierungsbetrug, der Enron/Andersen-Skandal, das Chaos in Europas Technologiesektor und die Währungsschwankungen.

Wissenschaftler und Anleger befassen sich seit Jahrzehnten mit Marktpsychologie. Dabei wissen wir doch längst, dass die Märkte von Angst und Gier gelenkt werden. Die Gier trieb die Anleger dazu, im Aufschwung der 90er-Jahre Aktien zu kaufen. Zurzeit sind die Menschen dagegen so ängstlich, dass die Angst die Gier zurückdrängt. Die Angst mag nicht unbegründet sein. Payne jedenfalls meint, es gebe unter den Anlegern eine irrationale Furcht, dass eine schlechte Nachricht für ein Unternehmen symptomatisch sei für alle Unternehmen. „Die zunehmende Unsicherheit führt dazu, dass jedes negative Signal als Symptom für ein tiefer liegendes Problem verstanden wird“, sagt Payne. Payne ist Berater und Mitbegründer des Institut für Psychologie und Märkte in New Jersey, das vor fünf Jahren von David Dreman gegründet wurde. Dreman selbst sagt: „Es ist sehr schwierig, die Emotionen einzudämmen und beim Aktienkauf den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren." Deprimierte Anleger sind „ähnlich wie depressive Patienten in einer psychiatrischen Abteilung – wenn man die sich selbst überlässt, werden sie kaum aus ihrer Misere herausfinden“. Richard Geist, Psychologie-Professor in Harvard: „Es ist die Hoffnung, die Menschen investieren läßt und es sind zu viele Dinge passiert, die die Hoffnung haben schwinden lassen." Deprimierte und verängstigte Anleger könnten vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen. Sie redeten nur noch von einem Thema wie zum Beispiel jetzt von WorldCom.

Geist versucht, Heilung zu bringen. Er sagt seinen Patienten, sie sollten sich vorstellen, was sie im Falle eines Aufschwungs tun würden. „Zuerst bedarf es einer Selbsterkenntnis – realisieren sie zuerst, wie sie denken und dann können sie es ändern“, sagt er. „Dann beginnen sie, positiv zu denken. Was würde ich tun, wenn der Markt sich nächste Woche erholen würde? Machen sie Listen, welche Aktien sie kaufen würden. Machen sie sich kundig und seien sie aktiv, weil das der einzige Weg ist, der sie in einen positiveren Zustand versetzt." Martin Weber, Professor für Bank- und Finanzwesen an der Mannheimer Universität, ein weiteres Mitglied des Marktinstituts, hat ein Verhaltensmuster beobachtet, das durch eine gegenseitige Verstärkung negativer Gefühle geschaffen werde. „Sie sind wegen der Märkte schlechter Stimmung und sehen, dass andere auch zu zweifeln beginnen und diese negativen Gefühle verstärken sich“, sagt Weber. Aber was verspricht Heilung des depressiven Marktes? Ganz einfach: Eine Serie ordentlicher Gewinne, dicke Dividendenzahlungen oder eine dramatische Änderung der wirtschaftlichen Prognosen. „Wenn ich wüßte, wann der Markt sich dreht, säße ich jetzt nicht in meinem Büro“, sagt Martin Weber.

Texte übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Überraschungseier), Svenja Weidenfeld (Psychologie), Matthias Petermann (Briten), Christian Frobenius (WorldCom) und Tina Specht (Euro).

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