• Die Anleger verändern ihr Verhalten rabiat - manches Papier halten sie keine Woche mehr in ihrem Depot

Wirtschaft : Die Anleger verändern ihr Verhalten rabiat - manches Papier halten sie keine Woche mehr in ihrem Depot

Jobst-Hinrich Wiskow

Aktien eignen sich für die langfristige Geldanlage - so lautet eine alte Börsenweisheit. Die wurde traditionell befolgt: Wer Aktien eines Unternehmens kaufte, der hielt sie Jahre lang, ja sogar Jahrzehnte lang - ganz getreu dem Rat von Börsenaltmeister André Kostolany, nach dem Aktienkauf erst mal in die Apotheke zu gehen, Schlaftabletten zu nehmen und einige Jahre zu schlafen.

Doch inzwischen sind die Zeiten treuer Aktionäre vorbei: Niemals zuvor haben Anleger so schnell wieder ihre Anteilscheine verkauft wie heute. Das geht aus einer neuen Studie hervor, die Darrell K. Rigby von der amerikanischen Unternehmensberatung Bain & Co. für die USA angefertigt hat. Keine Frage, dass sich der Wechsel im Anlegerverhalten auch in Europa und Deutschland bemerkbar macht - wenngleich es hierzulande keine Statistiken gibt. Aber seit sich der Neue Markt etabliert hat, wurde der Aktienhandel mehr und mehr zum Volkssport, machte das Wort von der "Zockerbörse" die Runde. Spätestens da war klar, dass viele das Börsenparkett für ein Spielcasino hielten - und das Tempo der Transaktionen zunahm. Jüngstes Ergebnis des flotteren Anlegerverhaltens ist das so genannte Day-Trading, bei dem Spekulanten ihr Depot mehrmals am Tag umschichten und manche Aktie nur für einige Augenblicke halten.

Dabei ist umstritten, ob eher Kleinaktionäre oder aber große institutionelle Anleger wie Fonds und Versicherungen flotter kaufen und verkaufen als früher. "Institutionelle Anleger verkaufen eher als private Anleger", sagt Rüdiger von Rosen, Vorstand des Deutschen Aktien-Instituts in Frankfurt (Main). Er erinnert an die Kurskorrektur an der Börse im Herbst vergangenen Jahres, bei der die Profis sich schneller von ihren Papieren trennten als die Kleinaktionäre.

Rigby hat berechnet, dass im vergangenen Jahr gut drei Viertel der an der New Yorker Börse notierten Aktien den Besitzer wechselten. Zum Vergleich: 1990 war es erst knapp die Hälfte der Aktien, 1960 sogar nur zwölf Prozent. Und an der Computerbörse Nasdaq, an der vor allem Technik-Aktien von Unternehmen wie Microsoft, Cisco und Yahoo gehandelt werden, ist der Umschlag dreimal so hoch wie an der Parkettbörse in der Wall Street.

Das zeigt sich an der Zahl, wie lange der Durchschnittsaktionär seine Aktien hält (siehe Grafik). Im Schnitt verkauft ein Aktionär des Internet-Buchhändlers Amazon.com seine Aktien nach einer guten Woche, nämlich nach sieben Börsentagen. Jede Aktie wird also im Jahr 35 Mal verkauft.

Für die Unternehmen bedeutet die neue Generation von Anlegern einen Wechsel der Unternehmenspolitik - gerade im Hinblick auf das zunehmend angesagte Shareholder-Value-Denken. Demzufolge soll der Vorstand den Wert des Unternehmens steigern - und somit den Aktienkurs. Nur: Wie stellt das Management Aktionäre zufrieden, die ihre Papiere nach ein paar Tagen wieder verkaufen? Das Problem trifft nicht nur die jungen Unternehmen der Internet-Branche. Auch die großen Konzerne haben es mit immer kurzfristiger denkenden Aktionären zu tun. Zum Beispiel der Telekom-Gigant AT & T, dessen Papiere vor sieben Jahren im Schnitt gut drei Jahre gehalten wurden - nun sind es nur noch 13 Monate, wie Rigby für das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Business Week" herausfand. "Der Zeithorizont der Aktionäre wird immer kürzer", sagt der Unternehmensberater.

In Deutschland sind Statistiken nicht erhältlich. Die Meldepflicht der Banken, berichtet Experte von Rosen, sei in den USA weitaus restriktiver als hierzulande. Sogar Unternehmen, die wie die Allianz und die Deutsche Lufthansa Namensaktien ausgegeben haben und ein Aktienbuch führen, wissen nicht, wie lange Investoren ihre Aktionäre bleiben.

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