Wirtschaft : Die Anleger wollen solide Bilanzen sehen

Petra Hoffknecht

Am Aktienmarkt zeichnet sich derzeit ein Trendwechsel ab: Anleger achten inzwischen mehr auf die Finanzkraft eines Unternehmens und dessen Verschuldung als auf die Wachstumsaussichten, haben Experten beobachtet. In der Börsenhausse vor zwei Jahren war das noch genau andersherum. Damals hatten die Anleger vor allem auf die vermeintlichen Perspektiven der Unternehmen geschaut. Aber das war vor dem Platzen der New-Economy-Blase und bevor sich die Marktteilnehmer mit "Enronitis" infiziert hatten - der Angst vor weiteren Bilanzskandalen nach dem spektakulären Zusammenbruch des US-Energiehändlers Enron.

Zum Thema Online Spezial: New Economy Ende der 90er Jahre wollten viele Unternehmen international vertreten sein, egal zu welchem Preis. "Angekündigte Übernahmevorhaben und die Aussicht auf steigende Umsätze und Marktanteile wurden mit höheren Aktienkursen honoriert", stellt Ingo Wermann, Aktienanalyst bei der DZ Bank, fest. Dabei hätten beispielsweise Medien- und Telekommunikationsunternehmen sowie Netzwerkausrüster ihre eigenen, oft überbewerteten Aktien als Aquisitionswährung eingesetzt. Das Problem: Es seien Kaufpreise bezahlt worden, die zum Teil um ein Vielfaches höher waren als das bilanzierte Eigenkapital der übernommenen Gesellschaft. Die dadurch aufgeblasenen Bilanzen würden jetzt zum Problem, die einstigen Wachstumsziele kritischer hinterfragt, sagt Wermann.

Die Anleger honorierten zunehmend klare Bilanzen. "Wir haben zwar schon immer auf Bilanzierung und Verschuldung geachtet, aber jetzt gucken wir noch ein zweites Mal hin", bestätigt auch Rolf Drees, Sprecher der Fondsgesellschaft Union Investment.

Stefan Rausch von der Hessischen Landesbank (Helaba) hat in einer aktuellen Studie gesunde Bilanzen vor allem bei Öl-, Nahrungsmittel- und Pharmawerten ausgemacht. Vor diesem Hintergrund empfiehlt er Roche und Schering. Analyst Michael Jaeniche von SEB-Research nennt ebenfalls Schering und zusätzlich RWE als Beispiele für solide finanzierte Unternehmen mit stabiler Gewinnentwicklung im Deutschen Aktienindex (Dax). Aus der zweiten Reihe gefallen ihm besonders Buderus, Hannover Rück, Kali + Salz, Stada und Altana.

Aufpassen müssten Anleger dagegen bei Unternehmen, die ihr Wachstum mit Fremdkapital finanziert und dadurch Schulden angehäuft hätten, warnt Rolf Elgeti, Aktienstratege bei der Commerzbank in London. Insgesamt sei das geänderte Anlageverhalten eine kurz- bis mittelfristige Modeerscheinung. Allerdings hätten Bilanzen in der klassischen Finanzanalyse schon immer eine Rolle gespielt, gibt er zu bedenken. "Derzeit wird aber überall eine Leiche vermutet, auch da, wo nicht einmal ein Keller ist", weist Elgeti auf drohende Übertreibungen hin. Anlegern rät der Stratege, die derzeitige Bilanz-Panik an den Märkten sowie die rückläufigen Kurse auszunutzen, um in seiner Meinung nach solide Restrukturierungskandidaten wie MAN, Linde, Kolbenschmidt oder WCM zu investieren. Eine saubere Bilanz allein sei allerdings noch kein Kaufargument. Investoren sollten zusätzlich vom Geschäftsmodell des Unternehmens oder dessen Aussichten überzeugt sein.

Grundsätzlich sollten Anleger auf die Cash-Bestände, die Kreditlinien und die Eigenkapitalquote eines Unternehmens achten, empfiehlt Wermann. Informationen darüber erhalten Aktionäre durch einen Blick in die Gewinn- und Verlustrechnung, die Bilanz und die Kapitalflussrechnung, die jedes Unternehmen in seinem Geschäftsbericht veröffentlicht. Dieser wiederum lässt sich auf den Homepages größerer Unternehmen einsehen oder direkt über die Unternehmen beziehen. Wichtig ist laut Wermann auch, welcher Teil des Ergebniszuwachses operativ und welcher buchhalterisch begründet ist.

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