Wirtschaft : Die armen Milliardäre

Wer viel hat, kann viel verlieren. Die Finanzkrise hat die Superreichen wie Bill Gates, Warren Buffet und Carlos Slim hart getroffen. Mittellos werden die meisten dennoch nicht. Es beginnt ein Jammern auf sehr hohem Niveau.

Yasmin El-Sharif
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Die Legende hat schon mal bessere Zeiten erlebt: Als Star-Investor Warren Buffett kürzlich auf der Hauptversammlung seiner Holding Berkshire Hathaway auftrat, musste auch er Kritik einstecken. Die Berkshire-Aktie hat im vergangenen Jahr nicht nur rund 30 Prozent ihres Werts verloren, die Holding schrieb im ersten Quartal 2009 zudem rote Zahlen, und die Anleger geben Buffett eine Mitschuld daran – für den sonst so erfolgsverwöhnten 78-Jährigen ein herber Rückschlag. Dabei ist Buffet derzeit ohnehin schon schwer gebeutelt: Er selbst büßte im vergangenen Jahr geschätzte 25 Milliarden Dollar seines Vermögens ein und ist heute mit 37 Milliarden „nur“ noch der zweitreichste Mann der Welt.

Immerhin: Buffett steht nicht alleine da. Die Gattung der Superreichen ist geradezu bedroht. So ist neben Buffet auch bei zahlreichen anderen Milliardären im Zuge der Finanzkrise das Vermögen regelrecht dahingeschmolzen. Viele fielen sogar ganz aus der Liste der Superreichen heraus. So schrumpfte die Zahl der Milliardäre im vergangenen Jahr um ein Drittel auf unter 800, hat das US-Magazin Forbes in seiner diesjährigen Untersuchung festgestellt. Das Gesamtvermögen der Reichsten der Welt halbierte sich binnen eines Jahres nahezu auf 2,4 Billionen Dollar.

Dass die harten Zeiten für Milliardäre bald enden könnten, hält Riklef von Schüssler, Geschäftsführer des Bad Homburger Vermögensverwalters Feri, für höchst unwahrscheinlich. „Im weiteren Verlauf der Krise wird es absolut immer weniger Superreiche geben“, ist er sich sicher. Vor allem dort, wo es ohnehin die meisten Reichen gebe, gehe es den Milliardären an den Kragen, also in den USA und Europa, sagt er.

Bereits im vergangenen Jahr büßten in den Vereinigten Staaten viele Milliardäre ihren Status ein. Denn hier leben nicht nur die meisten Reichen der Welt. Sie haben auch am häufigsten in börsennotierten Kapitalgesellschaften investiert, wie Schüssler erklärt. Und genau dort wurde im Zuge der Finanzkrise am meisten Geld verbrannt. Neben Warren Buffet musste deshalb beispielsweise auch Microsoft-Gründer Bill Gates schmerzhafte Einbußen erleiden. Wegen des Einbruchs der Microsoft-Aktie wurde sein Vermögen zwischenzeitlich um geschätzte 18 Milliarden Dollar erleichtert. Ein kleiner Trost: Mit seinen verbleibenden 40 Milliarden konnte Gates Buffet von Platz eins der Reichstenrangliste stoßen.

Dass Leute wie Gates dennoch nicht arm geworden sind und sogar immer noch über Vermögen in zweistelliger Milliardenhöhe verfügen, liegt unter anderem daran, dass sie ihren Reichtum relativ langsam aufgebaut und recht breit gestreut haben, sagt Klaus-Georg Meyer, Leiter des Bereichs Financial Services bei Capgemini Consulting Deutschland. „Die Superreichen, die schon lange vermögend sind, haben in der Vergangenheit in der Regel konservativer und breiter investiert.“ Das habe einiges retten können. „Wer wiederum hoch spekuliert hat, ist tief gefallen.“

Allen voran die Russen. Von den Oligarchen, die vor einem Jahr noch ein Milliardenvermögen besaßen, sind heute laut Forbes-Liste zwei Drittel nur noch Multimillionäre. Aus dem einst reichsten Russen Oleg Deripaska etwa wurde der größte Verlierer der russischen Privatwirtschaft. Das Magazin „Finance“ platziert den Besitzer des weltweit größten Alukonzerns Rusal in der aktualisierten Liste der reichsten Russen zwar immer noch mit 4,9 Milliarden Dollar auf Platz acht. Aber seine Holding steht mit weit mehr als 20 Milliarden Dollar in den Miesen. Um die Schulden zu bezahlen, muss sich Deripaska Berichten zufolge nun von seinem Baukonzern Glawstroj trennen. Noch spektakulärer ist der tiefe Fall des Russen Roman Abramowitsch. Das Vermögen vom Besitzer des englischen Erstliga-Fußballvereins FC Chelsea ist schätzungsweise von 23,5 Milliarden Dollar auf 3,3 Milliarden Dollar geschmolzen. Erst Anfang Mai Mai machte er neue Schlagzeilen, weil er beim Pokern auch noch seine Jacht verzockt haben soll.

Riklef Schüssler, dessen Unternehmen das Vermögen von rund 200 Millionären und Milliardären verwaltet, hat eine Erklärung für das rapide Dahinschmelzen des russischen Reichtums. „Russlands Reiche haben massiv unter dem sehr scharfen Verfall des Ölpreises und anderer Rohstoffe gelitten“, sagt er. Das im Aufschwung schnell verdiente Geld der Superreichen sei nun wieder genauso schnell verloren. Auch dass neue Kandidaten in die Riege der Superreichen aufsteigen, hält er für unwahrscheinlich. Das rasante Wachstum in Russland sei erst mal vorbei, unter anderem weil wichtige Industrien fehlten. „Und ohne Wachstum werden auch keine weiteren Vermögenden geschaffen.“

Gute Chancen sieht Schüssler dagegen für den asiatischen Raum, etwa in China oder Indien. „Viele asiatische Länder sind besser aufgestellt“, sagt er. Zwar seien auch dort in der Krise große Summen vernichtet worden, aber dort werde die Erholung sehr schnell wieder einsetzen. „In China und auch in Indien entstehen Mittelklassen, die konsumieren wollen. Und die Entstehung der Mittelklasse zieht immer auch die Entstehung von Superreichen nach sich“, sagt Schüssler.

Für die langsam wachsenden Volkswirtschaften in Europa bedeutet dies im Umkehrschluss trübe Aussichten auf dem Feld der Superreichen. Zwar konnten sich die Milliardäre – etwa in Deutschland – bisher noch recht wacker schlagen. So sind beispielsweise die Aldi-Besitzer Karl und Theo Albrecht nach wie vor unter den Top Ten der Reichsten der Welt, auch weil sie wie viele andere Deutsche nicht im großen Stil an der Börse gezockt haben. Aber für junge Aufstrebende sind die Chancen auf Reichtum deutlich geringer geworden: „In den entwickelten Ländern wird das Wachstum in den kommenden Jahren zu niedrig sein, um richtigen Wohlstand zu generieren“, sagt Vermögensverwalter Schüssler. „Es wird hier zwar immer sehr reiche Menschen geben, aber sie werden nicht mehr wie in der Vergangenheit beliebig mehr werden.“

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