Wirtschaft : „Die Aufregung um die Bundesliga war künstlich“

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Herr Schiphorst, im Fußballgeschäft scheint alles wieder in bester Ordnung: Die Nationalmannschaft ist Vize-Weltmeister, die Kirch-Sender Sat1 und Premiere dürfen die Bundesliga zeigen und die Liga bekommt ihr Geld. War alle Aufregung umsonst?

Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass die Diskussion um Kirch in eine Diskussion um den Fußball umgewidmet wurde. Der Fußball ist nicht Schuld am Niedergang Kirchs. Das geben die Zahlen gar nicht her. Insofern war die Aufregung um den drohenden Kollaps der Bundesliga zum Teil künstlich. Ich gebe allerdings zu, dass wir alle in der Anfangsphase nicht besonders geschickt kommuniziert haben. Für mich war aber klar, dass der Fußball wieder einen guten Fernseh-Deal machen würde.

Das heißt, der Hertha-Präsident ist rundum zufrieden mit dem Abschluss?

Naja, die 36 Vereine werden insgesamt mit 20 Prozent weniger Geld auskommen müssen. Das sind 70 Millionen Euro weniger in der kommenden Saison und 170 Millionen in der Saison danach.

Was heißt das für Hertha?

Fernseheinnahmen machen bei uns etwa 35 Prozent der Einnahmen aus. Davon stehen jetzt bis zu 20 Prozent im Risiko.

Und kann Hertha das mit anderen Einnahmen ausgleichen oder müssen Sie sparen?

Das werden wir nicht ausgleichen können, sondern wir müssen an die Kosten ran. Eine neue Einnahmequelle werden wir erst wieder im Olympia-Stadion erschließen, wenn wir die Business-Seats marktgerecht vermieten. Aber die Budgets stehen unter Druck. Das zeigt sich auch am Transfer-Markt insgesamt.

Hannover wird sein Stadion künftig nach seinem Hauptsponsor AWD benennen. Der HSV spielt in der AOL-Arena. Ist das ein Modell für Berlin?

Nein, für Berlin ist das nicht denkbar. Das Olympia-Stadion ist etwas sehr Originäres, das gibt es nicht oft auf der Welt. Damit sollte sich Berlin weiter schmücken.

Der neue Vertrag mit Kirch räumt den Clubs Mitspracherechte bei der Programmgestaltung und die Möglichkeit ein, sich mit 25 Prozent am Sport-Fernsehen DSF zu beteiligen. Werden Sie davon Gebrauch machen?

Dies ist eine Option in einem sehr komplexen Vertragswerk. Die Umstände der Kirch-Insolvenz haben die Verhandlungen geprägt. Ich wünsche mir ganz fest, dass die Liga beim nächsten Abschluss wieder das Heft des Handelns in die Hand bekommt und definieren kann, wann und wo im Fernsehen Fußball gezeigt wird. Die Clubs müssen künftig sagen: Das sind unsere Programm-Pakete, die Spieltage und Spielzeiten und die vertraglichen Bedingungen, unter denen wir abschließen wollen. Und dann sollen die Fernsehanbieter sagen, ob sie damit einverstanden sind.

Wäre da ein Einstieg beim Deutschen Sport-Fernsehen nicht interessant?

Die Liga wird darüber noch einige Zeit nachdenken müssen. Wir werden irgendwann selbst die Verantwortung für ein TV-Engagement übernehmen, aber dafür brauchen wir Partner. Wir haben im Augenblick weder die Sachkompetenz noch das Geld, um einen eigenen Fußball-Sender zu betreiben.

Wer werden die neuen Spieler auf dem deutschen Markt sein, wenn die Kirch-Krise überwunden ist?

Das ist noch völlig offen. Nicht mal die Verkäufer wissen ja, was passieren wird. Es steht mit Kirch-Media ein in sich intaktes Geschäft zum Verkauf. Das ist ein Paket aus Sendern und Rechten, das auch für einen ausländischen Investor interessant ist. Wir werden noch alle Großen der Branche durch München laufen sehen.

Auch der Springer-Verlag interessiert sich für die Kirch-Sender. Hielten Sie ein solches Engagement für sinnvoll?

Ich kann das nachvollziehen. Pro Sieben, Sat1 und Kabel 1 machen über 20 Prozent des TV-Marktes aus, im Werbemarkt liegt der Anteil bei, ich schätze, rund 50 Prozent. Das wäre kein Neustart, sondern der Einstieg in eine etablierte Position.

Werden unter den Medieninvestoren auch Käufer für das Kabelnetz der Telekom sein?

Die Telekom wird bis Ende 2002 mehrere Käufer für das Kabel gefunden haben, die deutlich weniger zahlen werden, als man bisher kalkuliert hat. Die Inhaber der Infrastruktur werden sich auch in das Programmgeschäft einmischen, um profitabel zu sein.

Eine Frage an den Medienbeauftragten: Wird Berlin davon profitieren?

Ja, nehmen Sie nur das sehr dichte Kabelnetz der Region. Aber Sie können sich nicht heute einen Fernsehsender in der Stadt wünschen und morgen ist er da. Das kann Jahre dauern.

Können Sie sich als Hertha-Präsident oder als Medienbeauftragter freier bewegen?

Berlin hatte in der Vergangenheit nicht genug Mut, um an starre Strukturen heranzugehen. Also: Der Hertha-Präsident hat mehr Spielraum als der Medienbeauftragte.

Das Interview führten Joachim Huber und Hernik Mortsiefer.

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