Wirtschaft : „Die Aventis-Übernahmeschlacht hat Signalwirkung“

Marcus Schenck, Fusionsexperte bei Goldman Sachs, über die neue Lust auf Übernahmen, Wachstumsmärkte und das Risiko eines Börsengangs

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Herr Schenck, haben Sie sich in den letzten drei Jahren gelangweilt?

Nein, wie kommen Sie darauf?

Weil es kaum Übernahmen und Fusionen gab und 2003 in Deutschland nicht einen einzigen Börsengang.

Es waren trotzdem spannende Jahre. Auf der Finanzierungsseite hat es sehr viele neue Themen gegeben, die aber in der Öffentlichkeit weniger bekannt sind.

Im Jahr 2000 gab es weltweit Übernahmen und Fusionen im Wert von 3,4 Billionen Dollar, im vergangenen Jahr waren es noch 1,3 Billionen Dollar. Sind Fusionen out?

Der Markt für Unternehmenskontrolle, das heißt das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen, ist eines der Kerngeschäfte von Investmentbanken. Es folgt den Kapitalmärkten und verläuft zyklisch. Die Aktie ist eben auch eine Akquisitionswährung...

...die man also als Währung nutzen kann, um andere Unternehmen zu kaufen...

Genau. Nach 2000 ist die Börsenblase geplatzt. Hinzu kamen eine Reihe von Unternehmensskandalen in den USA wie Enron oder Worldcom und nahezu zeitgleich die Terroranschläge des 11. September 2001. Alle diese Ereignisse haben zu so einer Gegenreaktion geführt.

Und das heißt?

Sowohl bei den Investoren als auch auf der Ebene der Unternehmensleitung galt absolute Zurückhaltung – nach dem Motto: Jetzt fokussieren wir uns erst einmal auf die internen Abläufe, schauen uns die Kosten an und fahren den Verschuldungsgrad herunter.

Ist diese Phase jetzt vorbei?

Das Vertrauen kommt zwar mit dem besseren wirtschaftlichen Klima zurück, aber eine Situation wie 1999 haben wir nicht und bekommen wir wahrscheinlich auch so bald nicht, denn sie war zu großen Teilen eine Funktion des Bullenmarktes. Heutige Transaktionsvolumen mit denen aus den Boomjahren 1998 bis 2000 zu vergleichen, führt in die Irre.

Dann ist der Übernahmeversuch des Pharmakonzerns Sanofi bei Aventis kein Hinweis auf eine bevorstehende neue Übernahmewelle?

Wir hatten schon im letzten Quartal 2003 eine ganze Reihe großer Transaktionen. Sechs der weltweit zehn größten Transaktionen im Jahr 2003 wurden im vierten Quartal bekannt gegeben. Der Fall Sanofi/Aventis hat deshalb Signalwirkung. Er zeigt, dass echte Großtransaktionen, die im Wesentlichen mit Aktien finanziert werden, wieder im Bereich des Möglichen sind. Das war vor zwölf Monaten nicht der Fall. In den Unternehmen ist man wieder bereit, weitreichende strategische Entscheidungen zu treffen.

Und das bemerken Sie in Ihrer täglichen Arbeit?

Absolut. Wir sehen das in der Art des Dialogs mit Unternehmensführern und an den Themen, an denen wir gegenwärtig arbeiten.

Goldman-Sachs-Chef Hank Paulson sieht Deutschland als wichtigsten Wachstumsmarkt für Übernahmen in Europa. Wenn es zu den erwarteten Megafusionen im Bankenbereich kommt – erreichen wir dann vielleicht doch das Niveau des Jahres 2000?

Das halte ich für die nächsten Jahre eher für unwahrscheinlich. Im Jahr 2000 hatten wir die Sondersituation, dass alleine die Übernahme von Mannesmann durch den britischen Telekommunikationskonzern Vodafone mit einem Wert von über 180 Milliarden Euro größer war als das ganze Transaktionsvolumen in Deutschland im Jahr 2003. Grundsätzlich ist aber richtig, dass wir in Deutschland einen höheren Nachholbedarf als in anderen Ländern haben. Gemessen an unserer Wirtschaftskraft hätte das Transaktionsvolumen in den letzten Jahren mindestens doppelt so groß sein müssen, wie es tatsächlich war, um auf europäischem Durchschnitt zu sein.

Warum ist es nicht größer?

Zum Teil hat das einen strukturellen Grund: Bei uns spielt der Mittelstand eine größere Rolle als in anderen Ländern. Deshalb ist der Teil der Unternehmen, die bei uns börsenkapitalisiert sind, kleiner als zum Beispiel in Frankreich, obwohl unser Sozialprodukt größer ist. Aber auf längere Sicht werden wir in Deutschland mehr Bewegung sehen, denn die Finanzierungssstruktur der Unternehmen wird sich weiter ändern.

Wie funktioniert sie im Moment?

Bei der klassischen Finanzierung wird eigenes Kapital mit dem Fremdkapital der Hausbank ergänzt. Aber das ist kein Modell, das in fünf bis zehn Jahren noch große Bedeutung haben wird.

Wie weit sind wir mit dem Aufbrechen der Deutschland AG, also der Verflechtung von Banken und Industriekonzernen?

Viele Finanzinstitute habe einen großen Teil ihrer Beteiligungen schon veräußert. Aber der Prozess des Umbaus und der Fokussierung auf die Kerngeschäfte ist bei vielen Unternehmen noch nicht zu Ende.

Spekuliert wird viel über den Maschinenbau, der mittelständisch strukturiert ist und auf Grund des teuren Euro in Schwierigkeiten kommt. Könnte das Fusionen forcieren?

Im Maschinenbau sind die Weltmärkte oft relativ klein, das heißt, auch relativ kleine Unternehmen können Weltmarktführer in ihrem Segment sein. Darum gibt es keinen Zwang zur Größe. Ein Impuls ist hier eher von der Finanzierungsseite zu erwarten: Wenn einem Unternehmen die Mittel zur Erschließung neuer Märkte fehlen, könnte sich eine Partnerschaft anbieten, um eine breitere Kapitalbasis zu schaffen.

Also verändern sich Motive und Ziele von Fusionen?

Die Motive haben sich nicht verändert. Es gibt einfach Industrien, in denen die Globalisierung bestimmte Folgen hat. Das war vor drei Jahren so, und das ist heute noch so. Das Ziel, Synergien zu realisieren, ist auch heute noch eine Triebfeder für Fusionen. Was sich verändert hat, ist die Frage der Umsetzung: Anders als früher wird heute bereits vor der Fusion sehr viel intensiver darüber nachgedacht, wie die Unternehmen nach der Fusion integriert werden.

Ist das auch Ihr Job?

Nein, nicht direkt. Wir können bei der technischen Durchführung einer Fusion oder Übernahme helfen, nicht aber bei der Integration. Aber anders als früher wird inzwischen auch von uns viel Aufwand betrieben, um unseren Klienten zu helfen, die erwarteten Synergien zu berechnen und zu klären, wie man sie realisieren kann. Doch im Kern sind wir nichts anderes als ein Erfüllungsgehilfe des Managements. Die strategische Entscheidung wird in den Unternehmen getroffen.

Was macht einen guten Investmentbanker aus?

Er muss über ein hohes Maß an internationaler praktischer Erfahrung verfügen. M&A lernt man nicht in Textbüchern. Und er muss Klienten-fokussiert sein und ehrlichen und offenen Rat geben. Das kann auch bedeuten, dass er von einer Transaktion abrät, weil sie zu teuer ist.

Einer vollzogenen Fusion stehen fünf gegenüber, die nicht aus dem Planungsstadium herauskommen. Nicht gerade eine überzeugende Quote für die Investmentbanker.

Wieso? Zwei Unternehmen nicht zusammenzubringen, kann genau die richtige Entscheidung sein. Ich selbst habe in den 90er- Jahren sehr lange an einer großen Transaktion gearbeitet, die quasi unterschriftsreif war. Aber zwei Punkte sind offen geblieben – und es war richtig, sie scheitern zu lassen.

Woran scheitern die meisten Fusionen?

Es geht häufig um Corporate Governance: Wer hat in einem fusionierten Unternehmen das Sagen, welche Strategie wird verfolgt. Und natürlich auch, zu welchem Preis kommt die Fusion zustande – auf diese Fragen gibt es oft keine einvernehmliche Antwort.

Im vergangenen Jahr haben US-Investoren doppelt so viel Geld für Übernahmen in Europa ausgegeben wie 2002. Ist die alte Welt – mit Deutschland als größtem Markt – doch attraktiver, als es die Standortdebatten hier zu Lande glauben machen?

Deutsche Unternehmen investieren weiterhin mehr im Ausland als umgekehrt. Deswegen ist auch die aktuelle Debatte um einen angeblichen Ausverkauf unserer Wirtschaft schwer nachzuvollziehen. Sie entspricht einfach nicht den Fakten. Aber wir sehen in der Tat ein erhöhtes Interesse, in Deutschland zu investieren. Im Ausland nimmt man die zarte Reformpflanze durchaus wahr, aber es gibt auch die klare Erwartungshaltung: Da muss noch mehr kommen.

Erwarten Sie Verlauf im des Jahres einige Börsengänge, die Schwung in den Kapitalmarkt bringen könnten?

Das ist schwer vorauszusagen. Im zweiten Halbjahr halte ich einige Börsengänge für möglich. Der Markt ist jedenfalls da, die institutionellen Investoren warten auf Börseneinführungen. Doch dazu brauchen wir eben auch Unternehmen, die bereit sind, an den Markt zu gehen.

Und wenn es Übernahmen oder Fusionen gibt, dann vor allem im Finanzsektor?

Im europäischen Finanzdienstleistungsbereich – das betrifft Banken und Versicherungen – gibt es sehr viele Anbieter. Gerade im Bereich Versicherungen gilt das Gesetz der großen Zahlen: je größer der Anbieter, desto attraktiver kann das Angebot gestaltet werden. Auch im Bankensektor gibt es eindeutige Größenvorteile. Hier wird also etwas passieren, aber weniger in den kommenden Monaten als in den nächsten Jahren. Klar ist, dass Deutschland in Europa im Fokus steht.

Das Interview führte Alfons Frese.

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