Wirtschaft : Die Bahn gibt keine Sozialrabatte mehr

Marketingvorstand Koch: Neues Preissystem belohnt Vielfahrer und verzichtet auf Ausnahmen

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Berlin (hop/brö). Die Deutsche Bahn AG will derzeit auf die wachsende Zahl der Billigflug-Angebote in Deutschland nicht reagieren. „Bahnfahren auf langen Strecken wird mit dem neuen Preissystem, das ab dem 15. Dezember dieses Jahres gelten wird, ohnehin billiger“, sagte Hans Koch, Bahnvorstand für Marketing im Personenverkehr, am Freitag dem Tagesspiegel. Ein Fahrkarte für die Strecke Berlin-Frankfurt (Main) werde zum Beispiel weniger kosten als heute. Die neuen Ticketpreise der Lufthansa seien eher eine Reaktion auf konkurrierende Airlines und beträfen die Bahn weniger.

Durch das neue Preissystem sollten die Gewinne der Bahn und die Auslastung der Züge mittelfristig deutlich steigen, sagte Koch. Die Mehreinnahmen der Bahn durch die neuen Tarife würden bei 100 bis 150 Millionen Euro pro Jahr liegen. Zurzeit sind durchschnittlich nur 40 Prozent der Plätze in den Fernzügen besetzt. Die Quote soll in den kommenden Jahren auf 60 Prozent steigen, plant Koch.

Zum Fahrplanwechsel im kommenden Dezember stellt die Bahn ihr Preissystem für den Fernverkehr komplett um. Das Projekt kostet die Bahn rund 100 Millionen Euro. „Für Kunden im Regionalverkehr wird sich weitgehend nichts ändern“, sagte Anna Brunotte, die die Tarifreform entworfen hat. „Ansonsten gilt bei der Bahn ab Dezember der Grundsatz. Wer plant, der spart.“ Je früher gebucht werde, desto höher werde auch der Rabatt sein. Der größte Preisvorteil ergibt sich, wenn spätestens sieben Tage vor Abfahrt ein bestimmter Zug gebucht wird.

Der Ticketpreis könne dann noch zusätzlich gedrückt werden, sagte Brunotte. Zum einen durch die Bahn-Card, für die Kunden zukünftig einen Nachlass von 25 Prozent auch auf reduzierte Preise erhalten sollen. Bisher waren es 50 Prozent – allerdings nur auf den Normalfahrpreis. Zum anderen erhalten Mitfahrer einen Rabatt von 50 Prozent. Solche Mitfahrer-Gruppen könnten auch spontan am Bahnhof gebildet werden. „Wir werden nicht nachprüfen, woher sich die Leute kennen“, sagte Brunotte. Allerdings müssten die Tickets vor Reiseantritt gekauft werden. Beim Zugbegleiter sei der Rabatt dann nicht mehr erhältlich, um Missbrauch zu vermeiden.

Die genauen Preise für alle Strecken sind noch nicht bekannt, die Bahn will sie Anfang Oktober veröffentlichen. Künftig werde der Preis umso günstiger werden, je weiter man fährt, sagte Bahn-Vorstand Koch. Der Vorverkauf von Tickets zum neuen Preis beginne in den Reisezentren der Bahn bereits am 1. November, im auf der Bahn-Homepage Internet am 1. Dezember.

Als größtes Problem bei den besonders günstigen Tickets gilt, dass sie nur für vorher festgelegte Züge gelten werden. Fahrgastverbände beklagen deshalb, das Bahnreisen verliere den Vorteil der Flexibilität. Dem hält Koch entgegen: „Es gibt niemanden, der immer spontan reisen muss.“ Urlaubsreisen zum Beispiel würden schließlich langfristig geplant. Für Kunden wie Geschäftreisende ändere sich nichts, da auch am Reisetag selber noch Tickets gekauft werden können. Und im Regionalverkehr gebe es kaum eine Veränderung im Vergleich zu heute.

Bei den günstigsten Tickets, für die sich die Kunden auf eine bestimmte Zugverbindung festlegen müssen, werde die Bahn dafür sorgen, dass durch mögliche Verspätungen keine großen Probleme entstehen. Die Tickets verlieren dann nicht ihre Gültigkeit, auch wenn sich der eigentlich gebuchte Zug verspäte. Der Fahrschein gelte dann für die nächste mögliche Verbindung. Sowohl die Zugbegleiter als auch die Reisezentren in den jeweiligen Bahnhöfen erhielten umgehend Nachricht über aktuelle Verspätungen und könnten so schnell Gutschriften ausstellen. In den Zügen, die durch die Flutkatastrophe beeinträchtigt wurden, sei das schon erfolgreich erprobt worden, sagte Koch.

Er wehrte sich auch gegen die Forderung, Kundengruppen wie Senioren oder Pendler zusätzliche Preisnachlässe zu gewähren. Das verwässere zum einen die Preisreform, die gerade den herrschenden Tarifdschungel beseitigen soll. Zum anderen müssten die entstehenden Kosten alle Bahnkunden tragen. „Ich will den Rabatt aber denen geben, die viel Bahn fahren“, sagte Koch.

Die Bahn denkt außerdem über einen Ausbau des Vielfahrerprogramm Bahn-Comfort nach. Bisher bekommen Vielfahrer Platzkontingente in den Zügen reserviert und haben Zugang zu speziellen Wartebereichen in Bahnhöfen. Koch sagte, als zusätzliche Möglichkeiten werde es zwar voraussichtlich keine Freitickets geben, „aber ein Upgrade für die 1. Klasse ist vorstellbar“.

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