Die Bahn : Karlow, Buckow, Kummersdorf

Eine Fahrt über Land zeigt, wo die Bahnprivatisierung zur Stilllegung von Strecken führen könnte. Dort ist man auf den Schienenverkehr angewiesen - man möchte den Anschluss nicht verlieren.

Johannes Pennekamp
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BerlinViertel vor neun, Bahnhof Königs Wusterhausen. Am Gleis 3 warten eine Handvoll Senioren und ein paar Schüler auf ihren Zug. Einige haben sich noch schnell einen Kaffee geholt. „Es fährt ein der Zug nach Frankfurt (Oder) über Beeskow und Grunow. Vorsicht auf Gleis 3“, dröhnt es aus dem Lautsprecher. Eine weibliche Stimme. Sie ist echt, nicht vom Band. Als der Zug, ein Triebwagen der Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG), sich ein paar Minuten später wieder in Bewegung setzt, sind zwölf Passagiere eingestiegen.

Links vom Gang machen es sich vier Seniorinnen bequem. Sie haben davon gehört, dass schlecht ausgelastete Bahnstrecken bedroht sind, sollte die Deutsche Bahn tatsächlich privatisiert werden. 700 unrentable Kilometer würden in der Region gestrichen. Das hat der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg kürzlich prognostiziert. Ursula Patzke, eine gut gekleidete ältere Dame, ist empört: „Die großen Verbindungen machen sie immer schneller. Aber die kleinen Orte wollen doch auch angefahren werden“, sagt die 73-jährige Berlinerin. Sie macht mit ihren Freundinnen einen Ausflug nach Beeskow in der Niederlausitz. „Solche Touren machen wir oft, wir waren ja schließlich jahrzehntelang in West-Berlin eingesperrt“, sagt die rüstige Rentnerin. „Wir haben alle keinen Führerschein. Wenn diese Strecken nicht mehr befahren werden, dann kommen wir ja gar nicht mehr aus Berlin raus. Die Ortschaften hier sind doch angewiesen auf Besucher wie uns.“

Der Zug hält alle fünf Minuten.

Ursula Patzke hat 30 Jahre für die ostdeutsche Reichsbahn gearbeitet, die die S-Bahn in Ost- und West-Berlin betrieb. „Damals haben wir die Fahrscheine noch abknipsen müssen“, erinnert sie sich. Seitdem sei bei der Bahn vieles besser und moderner geworden, es sei aber schlimm, dass nur noch aufs Geld geguckt werde. „Der Hauptbahnhof blitzt und glänzt.“ Patzke vermutet, dass zum Putzen vor allem Ein-Euro-Kräfte eingesetzt werden.

Die Bahnhöfe zwischen Königs Wusterhausen und Beeskow bröckeln. Der Zug hält alle fünf Minuten. Karlow, Buckow, Kummersdorf. Überall dasselbe Bild: Die Bahnhofsfenster sind mit Spanplatten zugenagelt, die Backsteinwände krümeln. Die Zeit scheint hier, 50 Kilometer von Berlin entfernt, stehen geblieben. Der einzige Bahnhof, in dem jemand arbeitet, ist der in Wendisch-Rietz. In einem spartanisch eingerichteten Dienstraum steht Jörg Schröter. Er bekommt am Telefon die Verspätungen des nächsten Zuges durchgegeben. Das Telefon sieht mindestens so alt aus wie der 44-jährige Eisenbahner. Per Hand trägt er die Zeiten in eine Liste ein, dann legt er einen Schalter um. Schröter ist dafür zuständig, dass die zwei Züge, die hier jede Stunde vorbeikommen, aneinander vorbeigeleitet werden. „Ich glaube nicht, dass die Strecke irgendwann dichtgemacht wird. Die Schienen wurden erst neulich saniert“, sagt Schröter, als wollte er sich selbst Mut machen. Schröter ist bei der Bahn angestellt. „Wenn wir hier dichtmachen, dann werde ich irgendwohin versetzt“, sagt er.

Im Nebenraum macht der Lokführer mit seinem Schaffner Pause. „Das wird hier schon weitergehen“, sagt der Schaffner. Morgens und abends seien die Züge voll von Schulkindern und Pendlern.

Um vier Uhr losfahren, wenn man um sechs arbeiten will

Wendisch-Rietz hat 1400 Einwohner und liegt direkt am Scharmützelsee. Viele Dorfbewohner leben hier von Seglern und Urlaubern, die ihr Geld im Ort lassen. Diana Bester betreibt das „Schwalbennest“, eine Gaststätte mit sieben Appartementzimmern. „Wenn der Zug nicht mehr kommt, bekommen wir ein Problem“, sagt die Wirtin. Sie und ihre drei Angestellten könnten zu den Verlierern der Bahnprivatisierung gehören. Der Kioskbetreiber nebenan will davon nichts wissen: „Von den paar Leuten aus dem Zug kommt eh fast keiner zu mir.“

Gegen 14 Uhr wird der Zug tatsächlich voller. Schulkinder drängeln sich in den Waggon. Der Triebwagen fährt mit Höchstgeschwindigkeit 60 durch Nadelwälder und an einem Bach entlang. Immer wenn eine Straße kreuzt, hupt der Lokführer und bremst auf Schrittgeschwindigkeit ab. Bahnschranken fehlen. Im letzten Jahr gab es einen tödlichen Unfall.

Ganz hinten im Zug sitzt Steffi Ziesmer. Sie ist 19 und auf den Zug angewiesen, weil sie ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kinderheim angefangen hat. An eine Stilllegung der Strecke will sie gar nicht denken. Schon der ausgedünnte Winterfahrplan wird für sie zum Problem. „Im Winter fahren die Züge morgens und abends nur alle zwei Stunden. Da muss ich um vier Uhr morgens losfahren, wenn ich ab sechs Uhr arbeiten will.“ So wie Steffi geht es allen im Zug. Der arbeitslosen Mutter, die ein paar Reihen weiter vorn sitzt und mit ihrem Sohn zum Arzt fährt, oder dem Ehepaar gegenüber, das vom Einkaufen kommt. Sie alle sind auf die Bahnanbindung angewiesen – und wollen nicht den Anschluss verlieren.

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