Wirtschaft : Die Bahn plant eine "Preisoffensive"

1997 gab es weniger Reisende / Ergebnis gesunken / Sonderangebote in Vorbereitung BERLIN (chi).Die Deutsche Bahn hat die knappe Finanzlage der Bundesbürger im vergangenen Jahr zu spüren bekommen.Erstmals seit Jahren ist die Leistung im Personenverkehr 1997 um zwei Prozent zurückgegangen, während Auto und Flugzeug weiter zulegen konnten (siehe Grafik).Bei einem nur leicht um 0,8 Prozent gestiegenen Konzernumsatz von 30,5 Mrd.DM (in der AG: 25,1 Mrd.) lag das Betriebsergebnis vor Steuern mit rund 500 Mill.DM um etwa 100 Mill.DM unter dem Ergebnis des Vorjahres.Mit einer "Preisoffensive", die von Sondertarifen bis zu Last-Minute-Angeboten reichen kann, sowie einer Reihe neuer Service-Leistungen will Bahnchef Johannes Ludewig noch in diesem Jahr wieder mehr Passagiere für die Schiene begeistern.Vorerst aber werden die Preise - wie bereits angekündigt - steigen: Zum 1.April wird der Einzelfahrschein im Westen Deutschlands um durchschnittlich 1,8 Prozent teurer, im Osten sogar um durchschnittlich 6 Prozent, weil die Preise an das West-Niveau angeglichen werden."Wir bewegen uns in einem schwierigen Umfeld", sagte Ludewig am Donnerstag bei der Vorlage der vorläufigen Geschäftszahlen in Berlin.Die im Vergleich zu den Vorjahren etwas enttäuschenden Ergebnisse begründete er auch mit Sondereinflüssen wie der Ausgliederung des Stückgutgeschäftes mit einem Umsatz von 300 Mill.DM und neu ins Ergebnis einbezogenen Gesellschaften, von denen einige Verluste schrieben.Im eigentlichen Geschäft der Bahn hätten alle Sparten "schwarze Zahlen" vorgelegt, betonte der Konzernchef.Die endgültigen Bilanzzahlen des Konzerns werden im Mai vorgestellt.Für 1998 blieb der Bahnchef dennoch vorsichtig: Er prognostizierte ein Ergebnis "in der Größenordnung von 1997".Der Güterverkehr, der 1997 mit einem Umsatzplus von 7,5 Prozent auf 6,7 Mrd.DM stärker als der Branchendurchschnitt zulegen konnte, werde diesen Erfolg nicht so leicht wiederholen können.Umso mehr hofft Ludewig, daß sich der Fernverkehr wieder belebt.Beitragen soll dazu ein ganzes Bündel von Maßnahmen.Die Preise will der Bahnchef in Zukunft stärker differenzieren, je nach Strecke, Uhrzeit und der Konkurrenz von Flugzeug und Autobahn.Kontingentierte Sonderangebote sollen - anders als das pauschale "Schöne-Wochenend-Ticket" - zu einer besseren Auslastung der Züge führen.Die Details würden nun ausgearbeitet, sagte Ludewig.Wichtig sei vor allem, den Kunden das nahezubringen.Den Vorwurf, daß die Bahn zu teuer sei, wies er zurück.Mit durchschnittlich 0,26 DM pro Kilometer sei sie "eigentlich unschlagbar billig".Darüberhinaus will Ludewig Service-Angebote wie Bahntaxi, Mietwagen, Park- und Gepäckträgerangebote zu einer "Mobilitätskette von Haus zu Haus" ausweiten, die Auskunftsdienste verbessern und die Mitarbeiter im Verkauf durch ein "Leistungsanreizsystem" motivieren.Eine Belebung erhofft er sich auch durch die Inbetriebnahme der Hochgeschwindigkeitsstrecke Berlin-Hannover, die er für Herbst ankündigte.Im Personenverkehr könne die Bahn "Marktanteile zugewinnen", sagte er.Sein Ziel ist ehrgeizig: Von heute 7 Prozent soll der Marktanteil der Bahn auf 14 Prozent, wie in der Schweiz, verdoppelt werden.Entscheidend werde aber auch eine stärkere "Internationalisierung" sein, nicht zuletzt im Güterverkehr, sagte Ludewig.Die Bahnen in Europa müßten ihre nationalen Scheuklappen ablegen, "sonst sehen wir nur noch rote Schlußlichter", zumal im Straßengüterverkehr Mitte des Jahres die letzten Hürden für den Binnenmarkt fallen.Um die Diskussion in Brüssel stärker auf Bahnschiene zu bringen, schickt die Bahn nun einen "Beauftragten der Konzernleitung" nach Brüssel: den früheren Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Werner Münch.Offen ließ der Bahnchef dagegen, ob und wie sich der Schienenbetrieb an der Neuordnung im Tourismusgeschäft beteiligen werde.Bei der Entscheidung über die Aufstockung oder den Verkauf der TUI-Beteiligung oder ein Engagement bei LTU stehe man "nicht unter Zeitdruck", betonte er.Die Bahn werde ihre "Position überdenken".Um die Investitionen der nächsten Jahre zu finanzieren - für den Zeitraum 1997 bis 2002 sind insgesamt 80 Mrd.DM für den Netzausbau und Fahrzeuge veranschlagt - wird die Bahn nach Angaben von Finanzvorstand Diethelm Sack 1998 voraussichtlich eine dritte Anleihe mit einem Volumen von "mindestens einer Mrd.DM" auflegen.Die Details und auch der Zeitpunkt stünden noch nicht fest, sagte er.Der Personalabbau wird bei der Bahn unterdessen weitergehen.Ende 1997 waren im Konzern 268 000 Mitarbeiter beschäftigt, 20 000 weniger als ein Jahr zuvor.In diesem Jahr werden voraussichtlich 15 000 Stellen wegfallen, sagte Ludewig."Stellenabbau ist für uns kein Ziel an sich", betonte er aber.In Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern werde nun unter anderem überlegt, wie die Teilzeitarbeit ausgeweitet werden könne.Denn hier, so der Bahnchef, erreiche das Unternehmen noch eine "steinzeitliche Quote" von 2,6 Prozent.

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