Wirtschaft : Die Bahn wird pünktlicher

Der Konzern muss weniger Strafe wegen Verspätungen zahlen – seine Ertragsziele schafft er trotzdem nicht

Carsten Brönstrup

Berlin - Die Züge der Deutschen Bahn fahren in diesem Jahr pünktlicher als im vergangenen. Durchschnittlich lägen etwa 90 von 100 Zügen seit Januar im Soll des Fahrplans, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn dem Tagesspiegel am Sonntag. Das sei eine Verbesserung um sechs Prozentpunkte gegenüber dem vergangenen Jahr – damals seien es nur 84 Prozent gewesen. Pünktlicher seien vor allem Züge im Fern- und im Regionalverkehr geworden. Die S-Bahnen hätten ihr hohes Niveau gehalten. Eine Umfrage dieser Zeitung bei den Bundesländern bestätigte den positiven Trend. Als pünktlich gelten Züge auch noch, wenn sie innerhalb von fünf Minuten nach der vorgesehenen Zeit den Bahnhof verlassen.

2003 hatte die Bahn in puncto Pünktlichkeit ein katastrophales Jahr erlebt. Zahlreiche Zugausfälle, Baustellen sowie schlechtes Wetter hatten dazu geführt, dass der Fahrplan oft nicht eingehalten werden konnte. Das Image der Bahn bei den Kunden nahm dadurch großen Schaden; zudem drängte die Politik das Schienenunternehmen zu kulanteren Entschädigungszahlungen. Bahnchef Hartmut Mehdorn hatte nach dem Desaster noch zu Jahresbeginn davon gesprochen, bis Ende 2004 eine Pünktlichkeitsquote von 95 Prozent erreichen zu wollen. Bahnintern wurde diese Marke in den vergangenen Monaten aber auf 90 Prozent abgesenkt. Die 95 Prozent gelten nun als „mittelfristiges Ziel“, heißt es im Unternehmen. Man sei aber auf gutem Weg dahin.

IC- und ICE-Züge waren in 85 Prozent der Fälle pünktlich – „mit Tendenz nach oben“, wie ein Bahnsprecher sagte. Im vergangenen Jahr hatte die Pünktlichkeit im Fernverkehr zeitweise nur bei 67 Prozent gelegen. 2004 erreichte die Bahn im Regionalverkehr zwischen Januar und Ende November nun 93 bis 94 Prozent, bei den S-Bahnen waren es unverändert um die 97 Prozent. Im Oktober habe es sogar „die besten Werte seit Jahren gegeben“, heißt es in Hessen. In Nordrhein-Westfalen, wo 2003 viele Züge gar nicht erst angerollt waren, haben sich „Zugteilausfälle fast halbiert“, steht in einem internen Papier des Düsseldorfer Verkehrsministeriums. Auch Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und das Saarland meldeten Verbesserungen.

Die Bahn begründet ihre besseren Quoten mit einem Ende 2003 aufgelegten, detaillierten Maßnahmenpaket, das 25 Millionen Euro gekostet hat. So wurden bei der Aufstellung des neuen Fahrplans größere Spielräume bei Anschlusszügen einkalkuliert und den Beschäftigten eingeschärft, wie wichtig Pünktlichkeit für die Bahnkunden ist. Zudem kamen die konzernintern als „Rotkäppchen“ bezeichneten Bahnsteighelfer wieder zum Einsatz, die das Ein- und Aussteigen der Passagiere beschleunigen sollen. Auf den Gleisen ging die Zahl der Baustellen zurück. Und bei Loks und Waggons stockte die Bahn die Wartungskapazitäten auf – oder setzte alte Waggons ein. Vorteil: Das Herbstlaub auf den Schienen bringt die unmodernen, aber schweren Waggons nicht so schnell ins Rutschen wie die neuen, ultraleichten Triebzüge. Das sorgte vor allem in NRW für eine bessere Pünktlichkeit – dort hatte die Bahn 2003 die Verspätungsserie nämlich auch damit erklärt, dass die vielen Rußpartikel in der Luft das nasse Laub zusammenpappen ließen und so die Gleise in glitschige Strecken verwandelten.

Wegen der steigenden Pünktlichkeitsquoten können die Führungskräfte der Bahn mit einer höheren Vergütung rechnen. 30 bis 40 Prozent der erfolgsbezogenen Boni hängen davon ab, ob die Züge regelmäßig den Fahrplan einhalten.

Zugleich spart die Bahn Millionenbeträge. Die hatte sie im vergangenen Jahr als Strafen für die Verspätungen an die Länder zahlen müssen, die bei der Bahn die Regionalzüge bestellen. Sachsen-Anhalt etwa kalkuliert nur noch mit knapp einer Million Euro Strafe – 2003 waren es noch 3,4 Millionen Euro. Auch Bayern, Rheinland-Pfalz und NRW erwarten geringere Zahlungen.

Trotz der höheren Pünktlichkeit wird die Bahn ihre Ertragsziele in diesem Jahr aber deutlich verfehlen. Statt der zunächst vom Vorstand angepeilten gut 300 Millionen Euro werden es nur 200 Millionen sein. „Dabei hätte der Gewinn der Bahn auch bei 500 Millionen Euro liegen können“, sagte Horst Fischer, der für die Lokführergewerkschaft GDL im Aufsichtsrat der Bahn sitzt. „Die Bundesregierung hätte dafür sorgen müssen, dass die Bahn im Fernverkehr nicht mehr so massiv benachteiligt wird.“ Als Beispiele nannte Fischer die Belastung der Bahn mit Öko- und Mineralölsteuer sowie die geringere Mehrwertsteuer auf Flugtickets.

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