Wirtschaft : Die beißen nicht

Handwerker können ihr Know-how auch als Pädagogen einsetzen – selbst bei schwierigen Fällen.

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Guter Zweck. Stühle auspolstern im Gefängnis, einen Styroporhai mit Behinderten restaurieren oder wie Steffen Beck (l.) Schulabbrecher unterrichten: Handwerker sind auch im sozialen Bereich sehr gefragt.
Guter Zweck. Stühle auspolstern im Gefängnis, einen Styroporhai mit Behinderten restaurieren oder wie Steffen Beck (l.)...

Schließlich war der vier Meter lange Hai fertig. Geschliffen, mehrfach lackiert, kaschiert, lasiert, feingespritzt. Und natürlich hatte er frisch gemalte Kiemen und Augen bekommen. „Da waren die Beschäftigten schon sehr stolz und das zurecht“, sagt Robert Reisgies, Gruppenleiter auf dem Ulmenhof, einer der Stephanus-Werkstätten für behinderte Menschen. Und auch er selbst kann stolz auf den Hai sein. Die Restaurierung des Styropor-Tieres, das einst als Requisite in einem ZDF-Film diente, war das Abschlussprojekt seiner Weiterbildung zur „geprüften Fachkraft für Arbeits-und Berufsförderung in Werkstätten für Menschen mit Behinderung“ am Institut für Bildung und Entwicklung (ibe) in Potsdam. Im Februar bekam er sein Abschlusszeugnis mit der Note „sehr gut“ und ist dadurch zum Gruppenleiter in der Werkstatt aufgestiegen. Vorher war er Mitarbeiter im Gruppendienst.

„Mit 54 Jahren habe ich mich noch mal auf die Schulbank gesetzt“, sagt der heute 55-Jährige. Bis 2009 hat der in den Defa-Studios der DDR ausgebildete Bühnenmaler in den Union-Studios gearbeitet und dort unter anderem Filmkulissen für ZDF-Filme hergestellt. Aber auch Bühnenbilder für das Theater des Westens. Dann wurden die Handwerker des Studio entlassen. Und Reisgies musste sich nach anderen Berufsmöglichkeiten umsehen.

Durch einen ehemaligen Kollegen von der Defa kam er auf die Idee, es bei den Stephanuswerkstätten zu probieren. „Ich habe mir selbst die Auflage gegeben, es erstmal mit einem Praktikum zu versuchen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich gut mit den den behinderten Mitarbeitern umgehen kann – und sie auch mit mir.“ Er bewarb sich und wurde zunächst ohne Zusatzqualifikation eingestellt. Aber der Werkstattleiter und er waren sich einig, dass diese folgen sollte. Nach einem halben Jahr begann er mit der Weiterbildung – mit mehreren Kollegen von den Stephanus-Werkstätten und der Caritas.

Die Ausbildung zur „Geprüften Fachkraft für Berufs- und Arbeitsförderung“ gibt es seit zwei Jahren. „Ich konnte viel daraus mitnehmen“, sagt Reisgies. Das Pädagogische etwa und wie er die besonderen Verhaltensweisen der Beschäftigten akzeptieren kann. Über Lernbehinderung und geistige Behinderung hat er viel gelernt, über Dokumentation und Förderplanung. „Wie ich einzelne Beschäftigte auf ihre Schwächen hin fördern kann.“ Und wie man für sie Aufbaukurse gibt, um ihre Motorik zu verbessern.

Und das alles, obwohl Reisgies eigentlich „nur“ Handwerker ist. Doch für diese gibt es eben nicht nur die Möglichkeit, in der freien Wirtschaft, in Werkstätten oder der Industrie zu arbeiten. Auch im sozialen Bereich werden Handwerker gebraucht. So auch in den Gefängnissen. In der Justizvollzugsanstalt etwa arbeiten Bäcker, Stuckateure, Glaser, Buchbinder, Drucker, Gärtner, Maler, Schlosser, Schneider, Schuhmacher, Tischler – und Polsterer wie der Meister Sascha S., der seinen vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, weil er in Sorge ist, das Gefangene zu viel über ihn herausfinden könnten.

Sascha S. bildet Menschen aus, die eigentlich nicht mehr zur Gesellschaft gehören – zum „Polsterer im Handwerk“ von der Handwerkskammer. Wer hier eine Ausbildung anfängt, hat noch mindestens eine Reststrafe von drei Jahren vor sich. Ihm gefällt seine Aufgabe, einige von ihnen „auf den rechten Weg zurückzubringen“. Er zeigt ihnen, „dass man sich mit seinen Händen draußen ernähren kann. Einige lachen darüber, aber andere haben de Schnauze voll von ihrer kriminellen Vergangenheit.“ Es werde ganz genau gesiebt, wer die Ausbildung machen darf. Aber bei denen, die sie beginnen, liege die Erfolgsquote bei hundert Prozent. Sieben hat er bereits fertig ausgebildet. Sie haben nach ihrer Entlassung tatsächlich Jobs gefunden oder sich selbständig gemacht.

Viele Gefangene arbeiten zwar in den Werkstätten, machen aber keine Ausbildung. Da liege die Herausforderung darin, Ungelernten bestimmte Arbeitsschritte zu erklären. Polstermeister Sascha S. war auch vorher schon als Ausbilder tätig. Er arbeitete in leitender Stellung in einem großen Unternehmen.

Aber dann las er jenen Zeitungsartikel über die Gefängniswerkstätten und begann sich dafür zu interessieren: „Ich hab einfach angerufen und bin gleich eingeladen worden, mir das mal anzugucken“. Er schlief eine Nacht drüber und schickte schließlich eine Bewerbung ab. Der Grund für den Wechsel: „Hier lässt man mir in der Ausbildung alle Freiheiten. Ich kann das volle Programm fahren und habe Zeit für die Auszubildenden.“

Und wie sieht es mit der Qualifizierung aus? „Für den sozialen Aspekt hat man mehr oder weniger eine Ader“, sagt Sascha S. Zudem sei er durch die Prüfung zum Ausbilder qualifiziert, Menschen anzuleiten. Dennoch fehlte ihm einiges Wissen, das man für die Arbeit in einer Justizvollzugsanstalt braucht. Ein halbes Jahr nachdem er in Tegel angefangen hatte, begann er mit einer internen Weiterbildung, die ein halbes Jahr dauerte. „Mit den nötigen Verwaltungsvorschriften kannte ich mich ja noch nicht aus.“ Außerdem wurde er auf den professionellen Umgang mit Inhaftierten vorbereitet: So hat er Unvoreingenommenheit gelernt, an Fallbeispielen.

Zu seinen Ausbildern gehörten Psychologen, Leute aus dem Vollzug, aus der Verwaltung und Staatsanwälte. Außerdem musste er in dieser Zeit im „allgemeinen Vollzugsdienst“ mitarbeiten und reguläre Früh- Spät und Nachtschichten mitmachen. Damit er einen Einblick bekam, wie ein Inhaftierter lebt und so mit ihm über seine Probleme sprechen kann. Und es gehe auch darum, ein Gespür für Drogen und ähnliche Geschichten zu bekommen. Die Weiterbildung, die jeder neue Mitarbeiter mitmachen muss, findet in Vollzeit statt.

In Steffen Becks Berufsalltag hingegen ist keine Vollzeitfortbildung vorgesehen. Trotzdem will er sich weiterqualifizieren. Zu seinem Alltag gehören sowohl das Sägen, Schleifen und Hobeln – aber auch Biologie, Chemie und Physik. Der 43-Jährige gelernte Tischler arbeitet an der Produktionsschule Mitte, einem Projekt des Jugendhilfeträgers Zukunftsbau GmbH. Dort werden Jugendliche unterrichtet, die an der Hauptschule gescheitert sind und sonst ohne Abschluss ins Leben gehen würden.

Beck unterrichtet die Jugendlichen, obwohl er keine pädagogische Ausbildung hat. Schon vorher hat er in einem Werkstattprojekt mit schwierigen Jugendlichen in Brandenburg gearbeitet. 2010 wechselte er an die Berliner Schule. Jetzt lehrt er neben der Holzwerkstatt dort eben auch die naturwissenschaftlichen Fächer. Die Arbeit gefällt ihm gut: „Bei der reinen Holzbearbeitung war die Luft etwas raus. Der pädagogische Bereich ist interessanter.“, sagt Beck. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, erinnert er sich. Zum Glück habe er „ so ein Feeling dafür“.

Vieles hat er im Selbststudium erarbeitet, das war nicht immer leicht. Aber jetzt sei der Unterricht organisiert und geplant – es laufe richtig gut. Am liebsten arbeitet er mit den Schülern praktisch, ein Experiment ist ihm lieber als theoretische Aufgaben. Trotz seines Erfolgs sieht er noch Verbesserungspotential in seinem Lehrstil, er will noch methodischer werden. Demnächst will er sich am Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre der TU Berlin informieren, welche Möglichkeiten es für ihn gibt. Dort ist etwa die „Fachdidaktik Bautechnik und Landschaftsgestaltung“ angesiedelt.

Auch Robert Reisgies von der Behindertenwerkstatt Ulmenhof hat noch einiges vor. Die Beschäftigten sollen etwa Theaterdekorationen bauen. Denn ihre Arbeit soll künstlerischer werden. Bislang geht es im Arbeitsalltag nämlich meist nicht um große Filmhaie, die aufgearbeitet werden, sondern um kleine Fische wie Renovierungsarbeiten.

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