Wirtschaft : Die Berater stehen auf Berlin

Ob Anwalt oder Wirtschaftsprüfer – die Branche verspricht sich gute Geschäfte mit Regierung und Verbänden

Claudia Keller

Antonio Schnieder genießt die Aussicht vom zehnten Stock des neuen Kranzler Eck – auch nach zwei Jahren. So lange leitet er für die Unternehmensberatung Cap Gemini Ernst & Young (CGEY) den Berliner Firmensitz. Eigentlich hatte der distinguierte Herr im schwarzen Anzug nach London gehen wollen. Aber dann verlegte CGEY ihre deutsche Firmenzentrale und machte Schnieder zum Chef in der Hauptstadt. Nun sagt er: „Berlin ist auf bestem Weg, die zentrale europäische Metropole zu werden.“ Er ist selbst verblüfft darüber.

Bevor die Bundesregierung nach Berlin gekommen ist, war die Hauptstadt für die Beraterfirmen uninteressant. „Privatwirtschaftlich sieht es hier immer noch sehr düster aus“, sagt Rémy Redley, der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater. Aber die Regierung hat millionenschwere Aufträge mitgebracht: aus Ministerien, Verwaltungen und Parteien. „Die Umsätze der Berater mit dem öffentlichen Sektor steigen seit Jahren, sagt Redley. Und die wichtigen Auftraggeber wie der Bund und die Wirtschaftsverbände residieren jetzt in Berlin. Sie versprechen nicht nur Geschäfte für Unternehmensberater, sondern auch für Anwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfer. Zahlen darüber gibt es allerdings nicht.

Die Top-Ten der international agierenden Beraterbranche haben in den vergangenen Jahren in Berlin Büros eröffnet – wenn sie nicht schon vor Ort waren. Vom EU-Beitritt osteuropäischer Länder werden weitere Impulse erwartet. CGEY hat zwar auch in Warschau und Krakau eigene Büros. Aber gelenkt werden die Geschäfte aus Berlin, zumal viele polnischen Unternehmen Zweigstellen in Berlin haben. Schnieder fliegt einmal im Monat ins Nachbarland. In der Großkanzlei Clifford Chance werden die Projekte in den neuen Bundesländern zentral vom Berliner Büro abgewickelt.

Clifford Chance hat es – wie zum Beispiel auch die Großkanzleien Wilmer, Cutler&Pickering oder Freshfields Bruckhaus Deringer – schon vor dreizehn Jahren in die neue Hauptstadt gezogen, damals lockten Privatisierungsaufträge der Treuhandanstalt. Der Regierungsumzug vor vier Jahren habe einen enormen Sog bewirkt, sagt Helmut Bergmann, der das Berliner Büro der internationalen Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer leitet. Allein in den vergangenen drei Jahren hat Freshfields die Zahl seiner Anwälte in Berlin um 60 Prozent auf jetzt 70 Anwälte erhöht. Bergmanns Büro berät die Regierung zum Beispiel bei der Einführung der Lkw-Maut und bei Streitigkeiten in Brüssel. Eine andere Kanzlei, Wilmer, Cutler & Pickering, hat in Berlin ein Büro eröffnet, weil sie ihren Mandanten über die üblichen Dienstleistungen hinaus Gesprächspartner in der Regierung vermitteln will.

„Die Hauptstadt ist der Ort politischer Entscheidungen. Da müssen wir dabei sein“, sagt Antonio Schnieder und lehnt sich im feinen Ledersessel zurück, „wir wollen unseren Bereich der Behörden- und Verwaltungsberatung verstärken“. CGEY berät das Innenministerium und die Bundesanstalt für Arbeit, McKinsey berechnet für die CDU die Kosten für die Einführung der Grundrente in Deutschland. Auch Expertisen zur Steuer- und Gesundheitsreform und zu Public-Private-Partnership-Projekten wie die Maut sind einträgliche Geschäfte.

Die Kontakte knüpft nicht der Zufall, sondern man bittet die Politiker zum „Business Breakfast“. Antonio Schnieder lädt im Schlosshotel Grunewald oder im Berliner Bärensaal zum „Kamingespräch“. Neulich sei Finanzminister Hans Eichel da gewesen, nächstes Mal komme Angela Merkel. „Die Minister sind auch froh, wenn sie für eine Stunde bei uns nicht zwei Stunden an- und abreisen müssen“, sagt der Beraterchef. Auch deshalb sei es wichtig, einen Sitz in der Hauptstadt zu haben. Auch die verschuldete Hauptstadt selbst hat Beratungsbedarf. Roland Berger hat die Berliner Verkehrsbetriebe beraten, McKinsey die Berliner Messe.

Helmut Bergmann von der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer fällt noch ein weiterer Pluspunkt für Berlin ein: So viele junge hoch qualifizierte Juristen wie in Berlin gebe es in kaum einer anderen deutschen Stadt. Und außerdem: Seine amerikanischen Mandanten würden auch lieber nach Berlin kommen als zum Beispiel nach Köln, wo Bergmann vorher arbeitete. Viele würden ihren Geschäftsaufenthalt hier mit einem privaten Wochenende verbinden.

Einen großen Nachteil hat Berlin aus Sicht der Beratergilde allerdings doch: die schlechten Flugverbindungen – vor allem ins Ausland. Wenn Berlin wirklich die Drehscheibe nach Osteuropa sein will, müsste es Direktflüge nach Krakau geben und nicht nur einmal am Tag einen nach Warschau und Prag, beklagt Schnieder.

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