Wirtschaft : "Die Berliner Börse setzt weiter auf Privatanleger"

Der Berliner Börse hat man schon manches Mal ihr Ende vorausgesagt, doch Totgesagte leben bekanntlich länger.Im Falle der Berliner Börse kann man sogar von quicklebendig sprechen.In ihrer Nische hat sie sich ganz gut eingerichtet und bietet gerade den Anlegern in Berlin und Brandenburg einen nicht unerheblichen Service.Gleichzeitig ermöglicht sie als Kapitalsammelstelle die Entwicklung in der Region.Über das abgelaufene Jahr und die Zukunftsperspektiven sprach Daniel Rhée-Piening mit Jörg Walter, Geschäftsführer der Berliner Wertpapierbörse.

TAGESSPIEGEL: Wie beurteilen Sie das abgelaufene Jahr für die Berliner Börse? Wo lagen ihre Stärken, welche Rückschläge mußte Sie einstecken?

WALTER: 1998 war das mit Abstand erfolgreichste Jahr in der Nachkriegsgeschichte der Berliner Wertpapierbörse.Die Aktienumsätze, die über unsere Systeme abgewickelt werden, haben sich fast verdreifacht und werden zum Jahresende bei rund 121 Mrd.DM liegen.Damit haben wir unter den Regionalbörsen die zweithöchste Steigerungsrate zu verbuchen.Mit rund 5 Mill.an der Berliner Wertpapierbörse im Geschäftsjahr 1998 insgesamt abgeschlossenen Geschäften gelang gegenüber dem Vorjahr ebenfalls eine Verdreifachung des Volumens.Damit können wir sogar das zweitbeste Ergebnis unter allen deutschen Börsen vorweisen.Last but not least haben wir unsere Position als die Osteuropabörse weiter ausbauen können.Deutlich mehr als die Hälfte aller Umsätze in osteuropäischen Wertpapieren werden an der Berliner Wertpapierbörse abgewickelt.Besonders liquide sind hierbei die russischen Blue chips.So sind in diesem Jahr zum Beispiel Lukoil-Aktien im Wert von 3 Mrd.DM an der hiesigen Börse gehandelt worden.

Leider nicht erfüllt haben sich unsere Erwartungen hinsichtlich der unter anderem mit der Frankfurter Börse abgeschlossenen Kooperation.Das Interesse unserer Frankfurter Schwesterbörse ist mehr auf die Zusammenarbeit mit ausländischen Börsen gerichtet als darauf, im Inland die Stärken der kleineren Börsen zu nutzen und eine schlagkräftige Einheit zu bilden.

TAGESSPIEGEL: Wohin wird sich die Berliner Börse im kommenden Jahr orientieren?

WALTER: Wir werden auch im kommenden Jahr die konsequente Ausrichtung auf die Bedürfnisse der privaten Anleger fortsetzen und unsere Anstrengungen intensivieren, dieser Zielgruppe hier ein optimales Dienstleistungsangebot zur Verfügung zu stellen.Dies bedeutet, daß wir die Attraktivität unserer Handelszeiten und das jedermann zugängliche Informationsangebot der Berliner Börse weiter verbessern wollen.Gepaart mit der strikten Einhaltung der die faire Preisfestellung garantierenden Regelungen, die von der Handelsüberwachungsstelle konsequent sichergestellt werden, ergibt sich ein höchst wettbewerbsfähiges Gesamtangebot für den Anleger.

TAGESSPIEGEL: Hat die Einführung des Euro Einfluß auf die Berliner Börse?

WALTER: Zunächst einmal ist festzustellen, daß wir auf die Einführung des Euro vollständig vorbereitet sind und die Preisfeststellung der Berliner Wertpapierbörse mit Wirkung vom 4.Januar 1999 an für alle hier gehandelten Wertpapiere in Euro stattfinden wird.Sicher wird sich der Wettbewerb unter den Börsen in Europa von Beginn des kommenden Jahres an noch weiter verschärfen.Auch eine Spezialitätenbörse wie die in Berlin wird hiervon nicht unberührt bleiben, findet der Aktienhandel an dieser Börse doch zu 75 Prozenht in ausländischen Titeln, insbesondere in solchen des Euro-Raumes statt.Vor allem aber der Anleger wird profitieren, denn die Transparenz der Preisfeststellungen in den Werten, die - in einer Zielzone - an mehreren Börsen gehandelt werden, wird deutlich erhöht.Durch ein hohes Qualitätsniveau bei der Orderausführung kann der Anleger also noch besser als in der Vergangenheit vom Nutzen einer Orderausführung in Berlin überzeugt werden.

TAGESSPIEGEL: Die Berliner Börse hat auf den Neuen Markt reagiert.Die sogenannten IPOs verzeichnen große Umsätze im Freiverkehr.Sind weitere Initiativen geplant?

WALTER: Den inzwischen immerhin zehn kleinen Unternehmen, die sich über den Freiverkehr an der Berliner Wertpapierbörse mit dem notwendigen Eigenkapital versorgt haben (insgesamt bislang fast 120 Mill.DM) werden im nächsten Jahr sicherlich weitere folgen.Nachdem zwischenzeitlich die hierfür kritische Masse nahezu erreicht ist, planen wir, dieses Marktsegment durch die Bildung eines speziellen Index für die Öffentlichkeit besser erkennbar zu machen.Auch wollen wir das Profil dieses Marktes weiter schärfen, indem der institutionelle Rahmen in dem dieser Markt angesiedelt ist, besser erkennbar gemacht wird.Durch seine Existenz und den zwischenzeitlich nachgewiesenen Erfolg bietet sich insbesondere für kleine eigenkapitalsuchende Unternehmen in Deutschland mit unserem IPO-Markt eine zusätzliche Option.

TAGESSPIEGEL: Hat die Berliner Börse eine Zukunft als Präsenzbörse?

WALTER: Die Berliner Börse ist schon heute keine Präsenzbörse im klassischen Sinne mehr.Vielmehr können die an diesem Markt interessierten Handelsteilnehmer und abhängig von ihrem Standort die Dienstleistungen in Anspruch nehmen.Manche Marktteilnehmer nahmen das Angebot, die hiesige Infrastruktur vor Ort nutzen zu können, gerne an, andere ziehen es vor, aus der Distanz am Handel teilzunehmen.Für die Leistungsfähigkeit dieses Börsenplatzes ist ohne Belang, für welche Variante sich ein Handelsteilnehmer entscheidet.Der Erfolg des abgelaufenen Geschäftsjahres belegt, daß die Perspektive eines Börsenplatzes maßgeblich von der eigenen Leistungfähigkeit und Innovationskraft abhängt.Wir sind davon überzeugt, daß es uns auch in Zukunft gelingen wird, interessante Nischen aufzuspüren.Wenn dies geschieht, gibt es keinen Grund an einer Perspektive für die Berliner Börse zu zweifeln.

TAGESSPIEGEL: In Europa, aber auch in Deutschland (Beispiel Hamburg/Hannover), zeichnen sich die Formen der Zusammenarbeit oder gar Allianzen ab.Wie reagieren die Berliner?

WALTER: Auch wir haben zu diesem Thema Ideen entwickelt.Wenig Sinn machen allerdings Allianzen und Kooperationen die keinen erkennbaren Nutzen für die Kunden der Börse erbringen.Von daher werden wir auch sehr genau zu untersuchen haben, ob es überhaupt kooperationswillige Partner gibt und wenn ja, welche von ihnen zur Berliner Wertpapierbörse passen.

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