Wirtschaft : "Die Berliner müssen noch wach werden"

Sie sind vor drei Jahren nach Berlin umgezogen. F&

Der Unternehmer über die Dienstleistungsmetropole, Green Card und einen möglichen Börsengang seines Unternehmens

Hartwig Piepenbrock (62), geschäftsführender Gesellschafter der Piepenbrock Unternehmensgruppe GmbH & Co. KG, hat den elterlichen Betrieb in Osnabrück zu einem der größten deutschen Reinigungs- und Gebäudemanagementkonzerne ausgeweitet, unter anderem auch durch Zukäufe in Berlin wie die DSW Schutz- und Wachdienst GmbH. Piepenbrock sorgt für "Dienstleistungen rund um die Immobilie". - von der Instandhaltung über den Sicherheitsdienst bis zur Begrünung. Vor drei Jahren zog es den anerkannten Kunstsammler und -förderer - er stiftete den Piepenbrock-Preis für Skulptur - und Vater dreier Kinder samt Familie nach Berlin. Vom Berliner Senat hatte er Anfang der 90er Jahre den früheren Sitz des britischen Stadtkommandanten, die Villa Lemm in Gatow, gekauft und das Anwesen aufwendig restauriert. Heute dient sie ihm als Wohnsitz. Mit dem Unternehmer sprach Margarita Chiari.

Sie sind vor drei Jahren nach Berlin umgezogen. Fühlen Sie sich hier wohl?

Als Unternehmer bin ich schon seit 1977 in Berlin, 1997 bin ich mit meiner Familie komplett hierher gezogen. Ich hätte das mit Sicherheit nicht getan, wenn es mir als Unternehmer hier nicht Spaß machen würde. Ich erwarte aber von Berlin in Zukunft deutlich mehr als in der Vergangenheit. Mit dem Umzug der Regierung ist einiges in Bewegung geraten, mit dem Zuzug von Unternehmen oder deren Repräsentanzen wird sich auch ein Aufschwung im wirtschaftlichen Bereich vollziehen - das kann dieser Stadt nur gut tun.

Spüren Sie denn schon eine Belebung im eigenen Geschäft?

Werfen Sie einen Blick auf die Bauten, die in den letzten Jahren entstanden sind. Die müssen sauber gehalten, bewacht werden, benötigen ein Gebäudemanagement - das bedeutet Arbeit für uns. Und es kommen neue hinzu.

Nicht alle beurteilen die Perspektiven so euphorisch. Viele klagen über Bürokratie.

Für Produktionsbetriebe mag das eher der Fall sein. Als Dienstleister bin ich von Bürokratie nicht so betroffen. Aber es stimmt vielleicht, dass öffentliche Aufträge hier noch etwas zögerlich vergeben werden, dass an der Eigenleistung festgehalten wird.

Ihr Vorschlag, die Polizei von Aufgaben - etwa bei der Aufnahme von Verkehrsunfällen - zu entlasten, ist beim Innensenator nicht auf große Resonanz gestoßen. Hat Sie das verärgert?

Nein, ich habe das erwartet. Man muss ein bisschen an den Türen rütteln, damit die Leute wach werden. Irgendwann werden sie merken, dass man Leistungen, die heute noch als absolut hoheitlich empfunden werden, auch an Private übertragen kann.

Gibt es andere Bereiche, die Sie vom öffentlichen Dienst übernehmen wollen?

Tätigkeiten sind genügend da. Ein Blick auf den personellen Haushalt des Landes Berlin reicht aus, um zu sehen, dass vieles verändert werden kann. Aber ich verkenne nicht, dass da auch die Personalräte ein Wort mitzureden haben. Das muss ein politisch gewollter Akt sein.

Von der Dienstleistungsmetropole ist Berlin also noch weit entfernt?

Kommunale Aufträge sind nicht alles. Wir benötigen auch industrielle Auftraggeber. Berlin muss ein industrieller Standort bleiben, und als solcher wahrgenommen werden. Da geschieht noch zuwenig. Wenn Staatsoberhäupter hier landen, werden sie in der Regel von Polizisten auf BMW-Motorrädern eskortiert. Doch die wenigsten wissen, dass diese Motorräder in Berlin gebaut werden. Diese Stadt braucht ein besseres Marketing als Industriestandort.

Ihr Wettbewerber Claus Bosse klagt, dass man in Berlin kaum Geld verdienen kann. Nirgendwo sei der Preiskampf so hart wie hier.

Natürlich hat sich der Wettbewerb in Berlin verschärft. Aber es gibt auch mehr zu verteilen. Etwas Optimismus ist in dem Geschäft schon nötig. Auch in anderen Städten ist der Wettbewerb hart.

Lohndumping, illegale Beschäftigung und Schwarzarbeit - macht Ihnen das zu schaffen?

Die großen Betriebe, die in Berlin tätig sind, beachten die gesetzlichen Vorschriften und halten sich an die Tarifverträge. Natürlich gibt es Kleinbetriebe mit Taschen-Buchführung, die es mit den steuerlichen und tariflichen Vorschriften nicht so genau nehmen. Die gibt es in anderen Branchen auch. Der Lohnvorteil ist nicht das allein Entscheidende.

Trotzdem haben Sie die Neuregelung der 630-Mark-Jobs als Katastrophe bezeichnet. Sie haben damals 5000 Mitarbeiter verloren.

Wenn ich bei der Neuregelung der 630-Mark-Jobs etwas beklagt habe, dann ist es die Schnelligkeit, in der sie eingeführt wurde: am 19. März beschlossen, am 1. April eingeführt. An sich ist es eine in Teilen vernünftige Regelung. Es ist nicht einzusehen, warum jemand für Überstunden im Hauptjob weniger bekommen soll, als jemand, der abends noch in einem Zweitjob arbeitet. Was mich aber stört, ist der Bürokratismus mit den Freistellungserklärungen für echte 630-Mark-Jobs. Das ist eine große Belastung für die Betriebe.

Haben Sie die 5000 Stellen wieder besetzt?

Unter dem Strich ja. Aber die Zahl der versicherungsfreien Beschäftigungsverhältnisse ist deutlich zurück gegangen, und damit auch die Zahl der Beschäftigten. Es gibt jetzt mehr Teilzeitbeschäftigung.

Haben Sie Probleme, Mitarbeiter zu finden?

Es zeigt sich etwas Sonderbares. Je höher die Arbeitslosigkeit in einer Region, desto mehr Probleme haben wir, Mitarbeiter zu finden. Das ist nicht einzusehen. Die Gesellschaft muss einen stärkeren Zwang auf Arbeitslose ausüben, die soziale Leistungen in Anspruch nehmen, aber nicht bereit sind, Arbeit anzunehmen. Da muss es Pönalen geben.

Könnten Sie deutlich mehr Mitarbeiter einstellen?

Wir haben in allen Hierachie-Ebenen offene Stellen, und große Schwierigkeiten, diese zu besetzen. Das gilt für gut bezahlte Managementposten ebenso wie für den gewerblichen Bereich, der eher im Niedriglohnsektor anzusiedeln ist.

Über Einwanderung und die Einführung einer Green Card wird inzwischen ja diskutiert. Kommt Ihnen das gelegen?

Ja. Wenn jetzt darüber diskutiert wird, wieviele Leute im Bereich der Informationstechnologien fehlen, ist das nur ein Hinweis darauf, was sich tatsächlich abspielt. Wir können nicht jeden Job mit deutschen Arbeitskräften besetzen. Wir müssen Menschen, die eine entsprechende Qualifikation mitbringen, signalisieren, dass sie in Deutschland willkommen sind. Nur so können wir unser Niveau im Bereich der Forschung aufrecht erhalten. Wir brauchen diese Leute einfach. Und natürlich würde uns auch eine stärkere Einwanderung im Niedriglohnbereich, vor allem hier, im Randbereich zu den osteuropäischen Staaten, sehr gut tun.

Ließen sich - bei einer technischen Aufrüstung und entsprechend besseren Lohnkonditionen - nicht auch deutsche Arbeitskräfte für diese Jobs finden?

Die Technisierung ist unserer Branche schon weitgehend ausgereizt. Als ich anfing, benötigte ein Mitarbeiter etwa eine Stunde für die Reinigung von 30 Quadratmetern. Zehn Jahre später waren 80 Quadratmeter normal. Heute sind wir bei 300 bis 400 Quadratmetern. Das lässt sich nicht mehr beliebig steigern, der Mitarbeiter kann nicht viel schneller laufen.

Auch in der Reinigungsbranche grassiert inzwischen das Fusionsfieber. In Berlin haben sich gerade Ihre Wettbewerber Gegenbauer und Bosse zusammengeschlossen, im Ausland entstehen riesige Konzerne. Müssen Sie nicht zukaufen?

Wir haben in der Vergangenheit zugekauft und werden das auch weiter tun. Es gibt auch die Möglichkeit strategischer Partnerschaften, mit denen sich Synergien erreichen lassen. Ich halte den Zusammenschluss von Gegenbauer und Bosse für vernünftig. Für uns heißt das ein Wettbewerber weniger in Berlin.

Werden auch Sie in Berlin zukaufen?

Wenn sich eine Gelegenheit bietet, stehen wir bereit. Unsere Kasse ist gut gefüllt.

Ihre Gelassenheit verwundert. Unter den zehn größten Reinigungskonzernen weltweit ist kein einziges deutsches Unternehmen vertreten. Müssen Sie nicht schneller wachsen?

Die deutschen Unternehmen sind in der Regel inhabergeführte Personengesellschaften, keine Kapitalgesellschaften, deren Aktien frei handelbar sind. Das hat Vorteile. Größe ist außerdem nicht alles. Wir machen unseren Umsatz mit Menschen, nicht mit Waren. Mitarbeiterführung ist in unserer Branche sehr wichtig, und da haben inhabergeführte Betriebe Vorteile. Der Nachteil ist natürlich, dass wir bei der Finanzierung größerer Zukäufe einen geringeren Spielraum haben als Kapitalgesellschaften.

Planen Sie einen Börsengang?

Die größeren Unternehmen in der Branche denken alle darüber nach, an die Börse zu gehen. Unser Haus ist da keine Ausnahme, zumal die bevorstehende Steuerreform die Umfirmierung in eine Kapitalgesellschaft nahelegt.

Und wann könnte es soweit sein?

Sie können keine Aktiengesellschaft von heute auf morgen aufbauen, auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Wir haben im Haus schon einiges in diese Richtung umgestellt. Aber ein Börsengang, wenn er denn erfolgt, braucht Zeit.

Wird es eine Piepenbrock AG mit Sitz in Berlin geben?

Die Holding ist in Berlin. Es würde sich möglicherweise anbieten, einen Börsengang über Berlin zu vollziehen. Da müssen die Banken beraten. Die Verwaltung aber befindet sich weiterhin in Osnabrück, und das wird auch so bleiben.

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