Wirtschaft : „Die besten Ideen kamen von den Arbeitnehmern“

Der Gewerkschafter und Opel-Aufsichtsrat Reinhard Kuhlmann über die Solidarität der Arbeitnehmer und Fehler des Managements

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Herr Kuhlmann, die Gewerkschaften rufen heute an allen europäischen Standorten von General Motors zum Aktionstag auf. Was versprechen Sie sich davon? Dadurch verkaufen Opel und Saab doch kein Auto mehr.

Natürlich nicht. Wir wollen aber die Strategie des Managements durchbrechen, in der Krise die Standorte gegeneinander auszuspielen. Wir zeigen, dass wir europaweit handlungsfähig sind und wollen, dass die notwendigen Anpassungen europaweit nach gleichen Grundsätzen verhandelt werden.

In Rüsselsheim wird doch längst über ein Gesamtkonzept verhandelt.

Manchmal führt eben schon die Ankündigung von Ereignissen zu Erfolgen. Dass wir in Gleiwitz genauso wie in Antwerpen, Trollhättan oder Rüsselsheim mobilisieren können, hat offenbar Eindruck gemacht. Darum erkenne ich neue Zwischentöne: 12000 gestrichene Arbeitsplätze sind „kein Dogma“ mehr und von Betriebsstilllegungen ist jetzt erst für die Jahre nach 2006 die Rede. Das macht uns Hoffnung.

In Bochum läuft seit Tagen ein wilder Streik. Offenbar haben die Arbeiter dort das Vertrauen in die Führung von Gewerkschaft und Gesamtbetriebsrat verloren. Wie wollen Sie zu einer gemeinsamen Strategie in Europa kommen, wenn das noch nicht einmal in Deutschland klappt?

Von wildem Streik kann keine Rede sein. Das sind Arbeitsniederlegungen für Informationsveranstaltungen und natürlich gilt, dass Kämpfen und Verhandeln für uns zwei Seiten einer Medaille sind. Wir müssen jetzt schnellstmöglich die Verhandlungen führen. Allerdings wird das einige Wochen dauern.

Sie können doch nicht ernsthaft erwarten, dass das Management mit Ihnen in aller Ruhe verhandelt, während die Bochumer den Betrieb in ganz Europa lahm legen.

Die Begleitung dieser Verhandlungen wird sicher nicht durch Aktionen im rechtsfreien Raum erfolgen.

Also gehen die Bochumer nach dem Aktionstag wieder an die Arbeit?

Ich rechne damit, dass beide Seiten alles tun, damit die Verhandlungen zügig vorangehen.

Neuerdings spricht auch Ihr Kollege Klaus Franz, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, von einem möglichen „großen Streik in Europa“. Das klingt eher nach Machtprobe.

So weit sind wir noch lange nicht. Nur müssen wir zeigen, dass wir Gewerkschafter bei GM europaweit zusammenstehen.

Warum sollten polnische oder britische Arbeiter ihren Job für die Kollegen in Deutschland riskieren, wo die doch ohnehin mehr verdienen?

Weil sie wissen, dass wir uns nur so den nötigen Respekt auf der anderen Seite erwerben. Als 2001 der britische Standort Luton stillgelegt werden sollte, haben gut 40 000 GM-Mitarbeiter in ganz Europa dagegen protestiert – und das mit Erfolg. Der Stellenabbau konnte sozialverträglich ohne Kündigungen organisiert werden. Daran erkennen Sie: Wir sind durchaus in der Lage, nötige Veränderungen aktiv zu begleiten. Wir wollen doch selbst einen wettbewerbsfähigen und ertragreichen GM-Konzern in Europa, allerdings nicht mit Verfügungen nach Gutsherrenart.

Hätten Sie das nicht im Aufsichtsrat lange vorher voranbringen können? Kritiker werfen Ihnen vor, die Gewerkschaften hätten durch Blockade von Entscheidungen den Niedergang von Opel mit herbeigeführt.

Das ist nun wirklich lächerlich. Ich habe in sechs Jahren als Aufsichtsrat bei der Adam Opel AG fünf Vorstandsvorsitzende kommen und gehen sehen, das zeigt schon das Versagen auf der anderen Seite. Wir haben nichts blockiert, wir haben vielmehr angetrieben. Wir haben die Qualitätsoffensive gestartet, wir haben die Initiative ergriffen, aus dem Getto des Massenmarktes für Mittelklassewagen auszubrechen, wir haben dafür gesorgt, dass endlich die verschlafene Strategie ohne den in Europa so erfolgreichen Dieselmotor ein Ende fand. Die Arbeitnehmerbank war wirklich der Hort der Ideen, nur haben wir eben nicht die Mehrheit und konnten längst nicht alles Nötige durchsetzen.

Die GM-Manager erheben die Klage, in Deutschland seien die Lohnkosten einfach zu hoch. Müssen Sie jetzt Lohnverzicht auf breiter Front zulassen, um alle Standorte zu retten?

Unseren hohen Löhnen stand bisher immer unsere höhere Produktivität gegenüber.

Das können die Arbeitnehmer in anderen Ländern inzwischen auch.

Ja, darum kommen wir unter Druck und wir können natürlich keinen Zaun um Deutschland ziehen. Aber wenn wir nur noch mit Lohnsenkungen reagieren, dann führt der Verfall der Binnennachfrage immer weiter in den Sumpf. Sie sehen es doch daran, wie der Automarkt einbricht. Wer immer nach Lohnsenkung ruft, soll bitteschön erklären, für welchen Markt dann eigentlich in Deutschland investiert werden soll. Wir müssen die Balance wahren. Uns bleibt kein anderer Weg, als uns die hohen Löhne durch Innovationen, hohe Qualität und hohe Produktivität immer wieder neu zu verdienen. Es ist nur falsch, mit den nötigen Investitionen bis zur Krise zu warten.

Das Gespräch führte Harald Schumann

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