Wirtschaft : Die Bewag hat mehr als nur ein paar Kunden verloren

ANTJE SIRLESCHTOV

BERLIN . In Berlin ging am Mittwoch eine Ära zu Ende. Jahrzehntelang hat die Bewag das öffentliche Leben der Stadt beinahe selbstverständlich mitbestimmt, gehörte der Stromversorger im Bewußtsein der Menschen zu den feststehenden Einrichtungen, die wie eine staatliche Macht nicht in Frage zu stellen sind. Nicht nur, daß das Unternehmen bis vor wenigen Jahren als Teil des Landesvermögens von den Interessen des Senats gelenkt wurde und damit quasi ein Teil der Landespolitik war. Auch die Bewag selbst hat sich als großer Arbeitgeber und einzige Stromquelle der Millionenstadt immer wieder in den Machtzentren Berlins etabliert. Bis zuletzt fanden selbst jene Gewerkschafter, die den Westen der Stadt entscheidend geprägt haben, bei der Bewag einen Karriereanschluß. An der Bewag führte in den vergangenen Jahrzehnten kaum ein Weg vorbei.Damit ist nun Schluß - am Mittwoch hat die Bewag ihre alles dominierende Rolle im Berlin Stromgeschäft wahrscheinlich für immer verloren. In einer von Publikum überfüllten öffentlichen Anhörung bescheinigte das Bundeskartellamt dem bisherigen Strommonopolisten in Berlin unmißverständlich, daß nun eine Zeit angebrochen ist, in der auch die Bewag mit vielen anderen Unternehmen um ihre Kunden kämpfen muß.Doch so selbstverständlich, wie sich auch in anderen Branchen, die bislang von öffentlichen Unternehmen beherrscht werden, der Markt Bahn bricht, ist dieser Schritt für die Bewag nicht. Denn am Mittwoch verlor der Berliner Stromversorger nicht nur einige Kunden und die Macht über ein paar Kilowatt. In aller Öffentlichkeit mußte sich gerade die Bewag - mit all ihrem Einfluß und der Tradition in dieser Stadt - in der eigenen Heimat demütigen lassen. Schon wenige Minuten nach dem Beginn der Anhörung stellt der Rechtsvertreter der Bewag, Rainer Bechtold, am Mittwoch morgen ernüchtert fest, daß "diese Veranstaltung wohl einzig als Forum dienen soll, die Bewag öffentlich vorzuführen". Und wirklich: In einem Plädoyer, das keinen Gedanken mehr an Zweifeln aufkommen ließ, strafte der Leiter der Beschlußabteilung des Amtes, Klaus-Peter Schultz, den Berliner Stromversorger schon vor dem Ende des Verfahrens dazu ab, mit sofortiger Wirkung den Strom der Konkurrenten in das Berliner Netz durchzulassen. Selbst die wissenschaftlichen Gutachter, die die Bewag zur Untermauerung ihrer ablehnenden Thesen mitgebracht hatte, schienen mit ihren Vorträgen nicht mehr an das Ohr der Kartellbeamten zu gelangen.Daß die Bewag das laufende Wettbewerbsverfahren zum Schutz ihres Marktes in Berlin verloren hat, daran besteht wohl kein Zweifel mehr. Doch diese Niederlage bedeutet mehr. Ausgerechnet die Berliner Volksvertreter waren es, die der Bewag schon vor Wochen den Stromvertrag gekündigt haben und einem Konkurrenten die Tür öffneten, dessen Namen in dieser Stadt bis dahin noch niemand kannte. Und es war mit Schering gerade eines der einflußreichsten Unternehmen Berlins, das sich kurz darauf ohne viele Worte von der Bewag verabschiedet hat. Und als ob es galt, sich selbst mit einem gewaltigen Befreiungsschlag von der eigenen Vergangenheit zu lösen, rechnete schließlich auch ein Berliner Bürger vor dem Kartellamt mit dem Unternehmen ab, von dem er lange Zeit ganz selbstverständlich seine Stromrechnung erhielt. Seit er die Essener RWE Energie AG mit der Stromversorgung seines Haushaltes beauftragt hat, sagte Kurt Markert, "haben sich hunderte Berliner bei mir gemeldet und wollen es mir gleich tun". Auf einmal schien sich die ganze Stadt gegen ihren Berliner Stromversorger zu stellen und deren Rechtsbeistand Bechthold resümierte: "Um die Aufklärung der Fakten geht es hier doch schon gar nicht mehr".Tatsächlich lehnte es der Kartellrechtler Schultz auch ab, im Detail darüber zu befinden, ob es denn auch wirklich zu einem Totalausfall des Berliner Stromnetzes kommen könnte, wenn, wie die Bewag anführt, das aus Westdeutschland nach Spandau führende Stromkabel mit mehr als 400 Megawatt belastet wird und im Havariefall reißt. Es interessierte auch nicht, daß sich die Bewag dagegen wehrt, einen Teil der Leistung, die sie über das Kabel bezieht, an ihre Konkurrenten abzugeben, weil es ihre eigene Bilanz belasten könnte. Viel größer als solche "übertriebenen Sicherheitsbedenken" sei das Interesse der Kunden zu bewerten, billigeren Strom zu bekommen, bügelte Schultz die Argumente der Bewag ab. Und das könne nur der Wettbewerb garantieren.

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