Wirtschaft : "Die Bewag will der Hecht im Karpfenteich sein"

IM INTERVIEW - Vorstandsvorsitzender Dietmar Winje im Tagesspiegel-Interview / Große Pläne mit der Gasag / Vorwürfe von Ruhrgas zurückgewiesen

Für das Energieunternehmen Berliner Kraft- und Licht AG (Bewag) beginnt eine neue Ära.Nachdem sich das Land Berlin letztes Jahr aus der Bewag zurückgezogen hatte, übernahm der amerikanische Energiekonzern Southern Company, Atlanta, die unternehmerische Führung.Weitere Großaktionäre sind die deutschen Mischkonzerne Viag und Veba.Vorstandsvorsitzender Dietmar Winje stellt die neue Bewag vor. TAGESSPIEGEL: Die Bewag hat einen tiefgreifenden Umstrukturierungsprozeß hinter sich.Wie geht es jetzt weiter? WINJE: Die Bewag hat in den letzten Jahren versucht, die Nachteile des jahrzehntelangen Inseldaseins zu überwinden.Sie hat es geschafft, Ost und West zu integrieren.Gleichzeitig, und das war die dritte Herausforderung, hat sie sich auf den Wettbewerb vorbereitet.Dies alles hat zu sehr einschneidenden Veränderungen geführt, die maßgeblich zur Effizienzsteigerung im Kerngeschäft beigetragen haben.Wir haben beim Strom inzwischen wettbewerbsfähige Preise.Wir sind bei den Industriestrompreisen sogar unterhalb des bundesdeutschen Durchschnitts angelangt. TAGESSPIEGEL: Und was hat sich für die Privatkunden geändert? WINJE: Bei den Privatkunden liegen wir günstiger als große Ballungsräume wie München, Hamburg, Stuttgart und Frankfurt.Unsere Fernwärmepreise liegen auf dem Niveau anderer vergleichbarer Ballungsräume.Jetzt halten wir nach neuen Wachstumsmöglichkeiten Ausschau. TAGESSPIEGEL: Hängt das mit der bevorstehenden Liberalisierung des Marktes und generell der Globalisierung zusammen? WINJE: Ja.Auch Strom ist nicht mehr ein regionales, sondern ein internationales Geschäft.Und da in Deutschland der Strommarkt kaum noch wächst, müssen wir uns überlegen, wohin wir gehen können.Die grundsätzliche Überlegung ist die, daß wir nahe am Kerngeschäft wachsen wollen - also im Energiegeschäft.Das ist die erste Ebene.Die zweite Ebene ist die, daß wir mit Infrastruktur-Dienstleistungen wachsen wollen.Drittens wollen wir zu einer sogenannten Multi-Utility werden.Wir wollen den gesammten Energiemarkt abdecken. TAGESSPIEGEL: Erklärt das ihr großes Interesse an der Übernahme der Gasag, wo Sie gemeinsam mit Gaz de France um die Übernahme der 51,2-Prozent-Beteiligung des Landes Berlin kämpfen? WINJE: In der Tat hätten wir nicht nur auf der Kostenseite in beiden Unternehmen Synergieeffekte, sondern könnten auch umfangreiche Energiedienstleistungen anbieten.Auch in anderen Bereichen ist die Zusammenarbeit mit einem Gasversorgungsunternehmen vernünftig. TAGESSPIEGEL: Ist der Preis dafür nicht zu hoch? WINJE: Der hohe Gasag-Preis rechnet sich nur, wenn die Gasag eine Wachstumsplattform wird.Der Vorwurf, wir würden diesen hohen Preis zahlen, nur um unser Gebiet zu schützen, ist absurd.Nein, wir wollen die Gasag weiterentwickeln.Ein Kaufpreis von gut einer Milliarde für 50 Prozent der Aktien ist allein schon von den Kapitalkosten her immens.Es wäre gegen jede ökonomische Logik, daß man ein Unternehmen zu diesem Preis kauft, nur um dessen Entwicklung zu bremsen. TAGESSPIEGEL: Mit RWE und dem US-Konzern Houston Industries will die Ruhrgas ebenfalls die Gasag übernehmen.Ruhrgas wirft Ihnen vor, mit der Gasag lediglich die Konkurrenz zur Bewag-Fernwärme aufkaufen zu wollen. WINJE: Auch das ist falsch.Die Konkurrenz in Berlin findet nicht zwischen Erdgas und Fernwärme statt.Das Netz und die Anlagen von Häusern sind so kapitalintensiv, daß vernünftigerweise nicht mehr zu Gas gewechselt werden kann.Das heißt, kein wirtschaftlich denkendes Erdgas-Unternehmen tritt in den Fernwärme-Gebieten an. TAGESSPIEGEL: Und die Gasag versucht das auch nicht? WINJE: Die Gasag macht das nach ihren eigenen Analysen auch nicht.Sie tritt dort an, wo Einzelheizungen ersetzt werden, also bei bisherigen Heizöl- und Kohle-Kunden.Direkten Wettbewerb um Fernwärmekunden gibt es nicht.Wir haben im Bestand also so gut wie keine wettbewerblichen Berührungspunkte mit dem Erdgas.Unsere Analysen zeigen, daß wir uns mit der Gasag auf weniger als einem Prozent des gesamten Wärmemarktes im Wege stehen. TAGESSPIEGEL: Aber Sie konkurrieren mit der Gasag um die bisherigen Heizöl- und Kohlekunden. WINJE: Nein, wir bauen die Kraftwärme-Kopplung ja nicht weiter aus.Das sehen Sie schon daran, daß wir bereits Kraftwerke schließen.Wir haben also gar nicht die Erzeugungsbasis, um weiter zu wachsen.Den bisherigen Marktanteil von 30 Prozent werden wir nicht ausbauen. TAGESSPIEGEL: Wie sehen ihre Pläne mit der Gasag aus? WINJE: Gas ist ein Wachstumsmarkt.Wir wollen die Gasag in Berlin zu einem schlagkräftigen Unternehmen ausbauen.Und da gibt es auch eine Reihe von Synergieeffekten, die wir nutzen können, zum Beispiel bei der Leitungsverlegung.Noch einmal: Für uns rechnet sich die Investition in Gasag nur, wenn die Gasag sehr profitabel ist. TAGESSPIEGEL: Welche Chancen rechnen Sie sich im Gasag-Poker aus? WINJE: Wir glauben, daß wir gute Chancen haben.Es geht nicht nur um den Preis, sondern auch darum, was für die wirtschaftliche Entwicklung Berlins getan werden soll.Wir haben Erfahrung, was die sozialverträgliche Umstrukturierung angeht.Das haben wir bei der Bewag bewiesen.Wir haben auch vor, die Gasag als eigenständiges Unternehmen zu entwickeln und nicht zur Betriebsstelle irgendeines Unternehmens zu machen. TAGESSPIEGEL: Was kann Gaz de France der Gasag bringen? WINJE: Gaz de France ist ein international operierendes Unternehmen, das die Gasag als Chance zur Entwicklung in Osteuropa sieht.Zudem leistet Gaz de France unglaublich viel in Sachen Forschung und Entwicklung.Ich halte Gaz de France für eines der am besten qualifizierten Gasversorgungsunternehmen der Welt. TAGESSPIEGEL: Wie erklären Sie sich, daß drei Konsortien mit unterschiedlichen ausländischen Partnern ein derart großes Interesse an der Gasag haben? WINJE: Dies ist der Anfang des Wettbewerbs im Energiesektor.Bei der Gasag geht es um nicht weniger als die Besetzung einer Schlüsselposition im Vorfeld der Liberalisierung.Die Gasag wird der größte kommunale Gasversorger Europas.Uns sie hat in Berlin an der Schnittstelle zu Osteuropa eine strategische Bedeutung. TAGESSPIEGEL: Falls es doch nicht so läuft, wie Sie wünschen und jemand anderes erhält den Zuschlag: Was machen sie dann mit ihrem jetzigen Anteil an der Gasag? Bleiben Sie Aktionär? WINJE: Ja. TAGESSPIEGEL: Was machen Sie dann mit Ihrer "Kriegskasse" von rund zwei Milliarden DM? WINJE: Wir beobachten beispielsweise die Privatisierung der Stadtwerke Leipzig.Aber über ein Angebot kann man jetzt noch nichts sagen.Wir wollen uns aber nicht nur auf die Region oder den deutschen Markt beschränken.Die Bewag soll später auch in nordöstlicher Richtung, etwa in Polen, wachsen.Wir beobachten auch die Märkte in den baltischen Ländern sehr genau. TAGESSPIEGEL: Wie sehen Sie die neue Rolle der Bewag? WINJE: Wir standen schon bei der Privatisierung vor der Frage: Werden wir Follower oder Leader? Und wir haben uns dafür entschieden: Wir wollen Leader sein.Das sind unserer Vorstellungen für die Zukunft: Wir werden unsere Renditen erhöhen müssen, wenn wir wachsen wollen.Das Kapital geht dorthin, wo die Renditen hoch sind.Wir streben eine Eigenkapitalrendite von zehn bis 15 Prozent an. TAGESSPIEGEL: Sie wollen Leader sein, hinken aber bisher in vielerlei Hinsicht hinterher... WINJE: Das sehe ich anders.Man wird uns allerdings nicht an der Größe messen können.Wir wollen lieber so etwas sein wie der Hecht im Karpfenteich.So daß wir schneller, flexibler als die anderen agieren können.Und das müssen wir natürlich auch intern durchsetzen, etwa durch die Schaffung von Center-Strukturen, deren Einführung wir zum 1.Januar 1999 planen.Das heißt aber nicht, daß wir dann auch schon die Holding-Struktur haben, über die wir zur Zeit nachdenken. TAGESSPIEGEL: Wann werden Sie die branchenübliche Dividende von 1,30 DM pro 5 DM-Aktie erreicht haben? WINJE: Wir sind jetzt bei 1 DM.Ich denke schon, daß wir den Branchenschnitt bald erreichen können. TAGESSPIEGEL: Was erwarten Sie vom neuen Jahr? WINJE: Man kann noch nicht viel sagen.Aber wir erkennen in der Stadt einen leichten Aufschwung: Der Stromabsatz steigt ganz leicht an in den vergangenen fünf Monaten.Zu Umsatz- und Gewinnerwartung wollen wir uns erst Mitte Februar äußern.Aber es läuft so weiter wie geplant.In den letzten vier Jahren hat sich der Aktienkurs verfünffacht.Die Dividende hat sich verdoppelt.Industriestrompreise sind um 30 Prozent runtergegangen.Die Stromtarife haben wir seit 1989 nicht mehr erhöht.Eine Konzessionsabgabe an das Land Berlin in Höhe von 200 Millionen DM wurde intern aufgefangen.Und wir sind eines der innovativsten Unternehmen, was die gesamte Technik angeht.Das sind die Merkmale des Hechtes im Karpfenteich.Wenn wir nicht die Größten sein können, wollen wir zumindest die smartesten sein.

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