Wirtschaft : Die Börse ignoriert Greenspans Optimismus

Dax sinkt auf Jahrestief/Ölpreis drückt Stimmung

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Berlin Der Optimismus, den US-Notenbankchef Alan Greenspan am Dienstagabend zu verbreiten versuchte, ist an den Börsen nicht angekommen. Am Mittwoch standen die Aktienkurse an der deutschen und der amerikanischen Börse erneut massiv unter Druck. Der Dax rutschte bis zum Abend um 1,1 Prozent auf ein neues Jahrestief von 3678,91 Punkten. Dow Jones und Nasdaq schlossen in New York ebenfalls mit einem Minus. Noch am Vorabend waren die US-Märkte kurzzeitig gestiegen, nachdem Alan Greenspan die Zinserhöhung in den USA um 0,25 Prozentpunkte auf 1,5 Prozent mit den nach wie vor günstigen Wachstumsaussichten der amerikanischen Wirtschaft begründet hatte.

Davon war am Mittwoch indes an der Börse keine Rede mehr. Nach einem mit Enttäuschung aufgenommenen Ausblick des Netzwerkausrüsters Cisco Systems gaben Technologieaktien stark nach und rissen den gesamten Markt mit nach unten. „Die Verunsicherung scheint den Leuten doch tiefer in den Knochen zu stecken als bislang gedacht“, sagte Marktanalyst Frank Schallenberger von der Landesbank Baden-Württemberg. „Es ist kein gutes Zeichen, wenn jede Erholung gleich wieder zu Verkäufen genutzt wird“, fügte er mit Blick auf den knapp einprozentigen Vortagesgewinn des Dax hinzu.

Wie schon seit Tagen irritierte auch am Mittwoch der anhaltende Ölpreisanstieg die Investoren. Der gegenwärtig hohe Preis steht nach Ansicht der Internationalen Energieagentur (IEA) in keinem Verhältnis zur angebotenen Menge des Rohstoffs. Angesichts eines Ölpreises von 45 Dollar je Barrel (159 Liter) müsse deshalb von einem „irrationalen Überschwang“ am Ölmarkt gesprochen werden, schreibt die Agentur in ihrem am Mittwoch in London veröffentlichten Monatsbericht. Der Preis sei nicht angemessen. Allerdings seien angesichts der weltweit starken Nachfrage die freien Kapazitäten für die Förderung deutlich gesunken. Gegenwärtig sieht die IEA die tägliche Weltölnachfrage für das Jahr 2004 bei 82,2 Millionen Barrel am Tag. Das Angebot an Rohöl sei im Juli auf 83,5 Millionen gestiegen. Ihre Schätzung der weltweiten Nachfrage musste die IEA in der Vergangenheit immer wieder nach oben revidieren. An der Warenterminbörse in New York kostete ein Barrel am Mittwoch 44,55 US-Dollar. Unterdessen erklärte Saudi-Arabien, es könne seine Ölproduktion kurzfristig um 14 Prozent erhöhen. Die Förderung könne um 1,3 Millionen Barrel pro Tag gesteigert werden, hieß es.

Ob sich angesichts der unsicheren Rahmenbedingungen die Aktienkurse kurzfristig wieder erholen können, bezweifeln insbesondere die so genannten Charttechniker. Seitdem große Aktien-Indizes wie Dax oder der Standard&Poor’s 500 wichtige Unterstützungen gebrochen haben, sinken die Kurse – Tendenz weiter fallend. Die Märkte haben ihre „stabile Seitwärtslage“, in der sie seit Jahresanfang gefangen schienen, nach unten verlassen.

„Es geht weiter abwärts“, sagt der Darmstädter Charttechniker Lutz Mathes. Die nächste Unterstützung sieht er für den Dax bei 3500 Punkten. Dort verläuft der langfristige Abwärtstrend, den die Börsen im März 2000 eingeschlagen haben. Das Ende der Seitwärtsbewegung führt nun zu der Diskussion, ob der Aufwärtstrend zwischen März und Dezember 2003 nur ein Intermezzo innerhalb der ausgeprägten Baisse seit März 2000 ist. Historisch betrachtet sind in ausgeprägten Baisse-Phasen Aufwärtsentwicklungen von 30 Prozent nicht ungewöhnlich.

„Das gegenwärtige Chartbild der meisten Indizes ähnelt in Besorgnis erregender Weise dem vom Mai 2002 kurz vor einem mehrwöchigen Kurssturz“, meint Klaus Deppermann von der ING BHF-Bank. „Längerfristig müssen wir uns vermutlich an den alten Tiefs von März 2003 orientieren“, befürchtet er. Gemessen am aktuellen Niveau wäre das im Dax ein Minus von 40 Prozent. Tsp/som (HB)

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