Wirtschaft : Die Börse jubelt, die Gewerkschaft murrt

Siemens-Aktie gewinnt über acht Prozent / IG Metall beklagt radikalen Bruch in der Siemens-Geschichte / Nokia hat den Hut auf

Rolf Obertreis,Alfons Frese

Frankfurt am Main - Siemens und Nokia legen ihre Netzwerksparten zusammen und bilden damit hinter Alcatel/Lucent und Ericsson/Marconi das weltweit drittgrößte Unternehmen der Branche. Siemens-Chef Klaus Kleinfeld und Nokia-Vorstandschef Olli-Pekka Kallasvuo feierten die Fusion am Montag in Frankfurt als historischen Meilenstein. „Wir schaffen ein neues Powerhouse, dass das Bild der Branche verändern wird.“ Die Börse reagierte sehr positiv, die Siemens-Aktie legte um mehr als sechs Prozent auf knapp 67 Euro zu. Scharfe Kritik gab es von der IG Metall, die der Siemens-Führung Fehler vorwarf und vom „bislang radikalsten Bruch in der Geschichte des Hauses Siemens“ sprach. Wie viele Arbeitsplätze an welchen Standorten im Zuge der Fusion wegfallen, ist offen. Insgesamt werden nach Angaben der Partner bis zu 9000 der insgesamt 60 000 Stellen gestrichen.

Das neue Unternehmen mit dem Namen Nokia Siemens Networks hat einen Wert von rund 25 Milliarden Euro und steht derzeit für einen Umsatz von 15,8 Milliarden Euro. Das Joint Venture soll den Markt für Infrastruktur für mobiles Telefonieren, für die Festnetz-Telefonie und für Infrastruktur-Dienstleistungen für Netzbetreiber und letztlich die Bündelung von Festnetz-Telefonie, Mobilfunk, Internet und Fernsehen mitprägen. Nokia Siemens Network hat seinen Sitz in Helsinki, München soll aber wichtiger Standort der Firma bleiben. Siemens bringt rund 32 000 Mitarbeiter in das Gemeinschaftsunternehmen ein.

Für die ersten beiden Jahre nach dem offiziellen Zusammenschluss zum 1. Januar 2007 rechnen Nokia und Siemens mit Integrationskosten von rund 1,5 Milliarden Euro. Einwände von den Kartellbehörden erwarten Kleinfeld und Kallasvuo nicht. Nach Ansicht der Konzernchefs ist das neue Unternehmen finanziell hervorragend aufgestellt, verfügt über gute Produkte und die besten Forscher und Entwickler.

Nach dem Verkauf der Siemens-Mobiltelefone an die koreanische BenQ ist das Joint Venture ein weiterer Einschnitt für die Siemens Telekommunikationssparte. Abstoßen wird der Konzern vermutlich auch seinen Bereich für firmeninterne Netzwerke, in dem rund 15 000 Mitarbeiter, davon 5000 in Deutschland beschäftigt sind. Man sei in ernsthaften Verhandlungen und werde schon in Kürze einen Abschluss verkünden, sagte Kleinfeld.

Analysten begrüßten das neue Joint Venture als einen Schritt nach vorne. Kleinfeld habe eine Lösung für einen Teil der Kommunikationssparte gefunden, der seit Jahren die Renditeanforderungen des Konzerns von acht bis elf Prozent nicht erfülle. Siemens-Konzernbetriebsratschef Georg Nassauer sagte dazu auf Anfrage, „seit Jahrzehnten hat es Managementfehler gegeben“. Das Thema Mobilfunk sei ebenso „verschlafen“ worden wie die Internettelefonie. Alles in allem sei es bedauerlich, wenn Siemens „die Verantwortung für ein Wachstumsfeld aufgibt“. Das sei auch schlecht für den Standort Deutschland insgesamt. Das neue Unternehmen ist zwar ein 50:50 Joint Venture, doch die dominierende Rolle spielt Nokia. Chef wird der Nokia-Manager Simon Beresford-Wylie. Peter Schönhofer, bislang Siemens-Manager in Österreich, wird Finanzvorstand. Die IG Metall räumte bei aller Kritik immerhin ein, dass es sich bei Nokia „um einen soliden Partner handelt“. Doch die Arbeitnehmerseite halte es „für einen schweren Fehler, dass Kommunikation nicht in die Liste der ,Megatrends’ aufgenommen wurde, die der strategischen Ausrichtung des Unternehmens zu Grunde liegt“. Zu den Megatrends zählt Kleinfeld die Alterung der Gesellschaft, Bevölkerungswachstum sowie Verstädterung und hat daraufhin folgende Geschäftsfelder identifiziert: Gesundheit, Wasser, Energie und Beleuchtung, Mobilität und Sicherheit sowie Kommunikations- und Automatisierungstechnik.

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