Wirtschaft : Die Börse lässt AWD fallen

Aktie des Finanzvertriebs bricht nach Gewinnwarnung massiv ein – Schleppende Altersvorsorge

Henrik Mortsiefer

Berlin - Der Finanzdienstleister AWD hat am Donnerstag fast ein Fünftel seines Börsenwertes eingebüßt. Nach der Bekanntgabe enttäuschender Geschäftszahlen brach die im M-Dax notierte Aktie zeitweise um mehr als 20 Prozent auf 25,60 Euro ein. Später erholte sich der Kurs etwas. Die Aktie schloss bei 26,05 Euro (minus 18 Prozent). Das Unternehmen hatte seine Geschäftsziele für 2005 überraschend nach unten korrigiert.

Als Grund nannte AWD-Chef Carsten Maschmeyer den schleppenden Verkauf von Altersvorsorge-Produkten. „Wir haben unterschätzt, dass unsere Kunden einen Lernprozess durchlaufen müssen“, sagte er dem Tagesspiegel. Nach dem Auslaufen des Steuervorteils für Kapitallebensversicherungen müssen sich die freien Finanzvertriebe seit Jahresanfang auf den Verkauf anderer Vorsorgeprodukte wie Riester- oder Rürup-Renten umstellen. „Der Aufklärungs- und Informationsbedarf ist immens“, räumte Maschmeyer ein. Hinzu komme die politisch motivierte Unsicherheit vieler Kunden nach dem Ausgang der Bundestagswahl.

Im Gegensatz zu AWD laufen die Geschäfte beim Heidelberger Finanzmakler MLP offenbar besser. Das auf Akademiker spezialisierte Unternehmen bekräftigte am Donnerstag seine Geschäftsziele für 2005. „Der positive Trend des ersten Halbjahres mit steigendem Absatz von Vorsorgeprodukten hat sich in den letzten Wochen und Monaten fortgesetzt“, sagte ein Sprecher. AWD-Finanzvorstand Ralf Brammer wies einen Vergleich der Zahlen zurück. Die Geschäftsmodelle von AWD und MLP ließen sich nur schwer vergleichen.

Die AWD-Gruppe, die bei 1,45 Millionen Kunden fast die Hälfte des Umsatzes im Ausland macht, muss sich anders als MLP wegen des schwachen Deutschlandgeschäfts aber von ihren Jahreszielen verabschieden. „Wir werden nicht wachsen“, sagte Maschmeyer dieser Zeitung. Der Umsatz von „mehr als 600 Millionen Euro“ werde unter dem des Vorjahres liegen (692 Millionen Euro). Der Vorsteuer Gewinn (Ebit) hatte im vergangenen Jahr bei 72 Millionen Euro gelegen, eine Prognose für dieses Jahr gab AWD nicht. Die Dividende werde aber wohl nur rund ein Euro betragen – erwartet worden waren 1,30 Euro. Für das dritte Quartal meldete AWD nach vorläufigen Berechnungen ein Umsatzminus von rund 13 Prozent. In den ersten neun Monaten sei der Umsatz im Vorjahresvergleich um rund fünf Prozent zurückgegangen. Das Ebit soll auf Konzernebene rund eine Million Euro betragen.

Im kommenden Jahr werde das Unternehmen die „Wachstumsdelle“ überwunden haben und werde wieder zweistellig profitabel zulegen, glaubt der AWD-Chef. „Wir werden um mindestens zehn Prozent zulegen, damit suggerieren wir aber noch kein Wachstum von 30 Prozent oder mehr“, erläuterte er. AWD hatte den Anlegern immer wieder zweistellige Wachstumsraten bei Umsatz und Ebit versprochen. Bei Beobachtern wachsen jetzt die Zweifel. „Man muss sich die Frage stellen, ob die langfristigen Wachstumziele nicht zu ambitioniert waren“, sagte Konrad Becker, Finanzanalyst bei Merck Finck, dem Tagesspiegel. Das von Maschmeyer ausgegebene Ziel von 135 Millionen Euro Ebit bei einem Umsatz von einer Milliarde Euro im Jahr 2008 halte er „nicht mehr für realisierbar“. Maschmeyer bekräftigte hingegen, AWD werde diese Marken „ungefähr in dieser mittelfristigen Zeitspanne“ erreichen. Merck Finck rät zum Verkauf der Aktie. Die Deutsche Bank riet hingegen auf dem niedrigeren Niveau zum Einstieg.

Aktuell sieht der AWD-Chef den größten Handlungsbedarf bei der Nachschulung der insgesamt 6200 Berater. „Wir werden gezielt Praxis-Training anbieten und Verkaufsgespräche simulieren“, kündigte Maschmeyer an. Die Investitionen zur Vertriebsoptimierung und ins Marketing sollen noch einmal außerplanmäßig erhöht werden. Um welchen Betrag, wollte Finanzchef Brammer nicht sagen. Man werde zunächst abwarten, wie die schon im dritten Quartal eingeleiteten Maßnahmen wirkten.

Von 250 Beratern, die den Produktivitätszielen des AWD nicht genügten und zu wenige Riester-Produkte verkauft haben, hat sich der AWD bereits getrennt. „Underperformer sollen sich bei uns nicht mehr wohlfühlen“, betonte Maschmeyer.

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