Wirtschaft : Die Börse reagiert zu spät

Henrik Mortsiefer

Die Deutsche Börse AG reagiert. Einheitliche Regeln sollen das Geschäft mit Börsengängen transparenter und fairer für alle machen, vor allem für die Anleger. Die Börse reagiert. Aber sie agiert nicht. Nachdem der Ruf des Neuen Marktes endgültig ruiniert scheint, die Aktiensparer sich anderen Anlageformen zuwenden und kaum noch ein Unternehmen den Gang aufs Parkett wagt, bleibt der Börse nichts anderes übrig. Gewiss sind strengere Auflagen für Börsenprospekte, Banken-Studien und Analysten-Empfehlungen längst überfällig. Aber sie werden das ramponierte Vertrauen der Investoren schwerlich wiederherstellen. Schon jetzt erwarten Experten, dass die Praxis ganz anders aussehen wird, als die Theorie des Regelwerks verheißt. Die Entwicklung des Marktes hat den Betreiber des Marktplatzes überrollt.

Das ist der Deutschen Börse AG auch mit ihren Penny-Stocks-Regeln so ergangen, die das Oberlandesgericht Frankfurt verboten hat. Der Versuch, Billig-Aktien von der Börse zu verbannen, kam zu spät, weil der Neue Markt längst am Boden lag. Der Rausschmiss der Nieten rief deshalb nicht die seriösen Unternehmen auf den Plan, sondern die Juristen der Absturzkandidaten. Sie haben gegen den fragwürdigen Aktionismus der Börse geklagt und am Ende vor den Gerichten Erfolg gehabt. Die Börse muss nun - wie so oft - nachgeben.

Pfusch beim Börsengang, Pennystocks und täglich neue Enthüllungen über Bilanztricks verdeutlichen eines: Die Börse hat sich zu lange auf ihren Erfolgen ausgeruht und die Folgen des Aktien-Hypes unterschätzt. Sie trägt daran nicht allein die Schuld, aber als Veranstalter des Handels hätte sie viel früher aktiv werden müssen. Stattdessen ging der Vorstand der Deutschen Börse AG auf Tauchstation und vertraute auf das Funktionieren des Marktes, auch als alle Warnlampen schon brannten.

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