Wirtschaft : Die Börse will für mehr Transparenz sorgen

ro

Die Deutsche Börse will mit schärferen Vorschriften für Emissionsprospekte weiteren Skandalen und Flops am Aktienmarkt vorbeugen und das Vertrauen der Anleger zurückgewinnen. Ziel ist, den Emissionsprospekt zum zentralen Informationsmedium für den Anleger zu machen. Damit soll es zugleich, wie Börsen-Vorstandsmitglied Rainer Riess am Mittwoch in Frankfurt sagte, ein einheitliches Informationsniveau für alle Anleger geben und die Transparenz über die Geschäfte des jeweiligen Börsenkandidaten steigen. Die neuen freiwilligen Vorschriften sollen am 1. Juni in Kraft treten. Für den Neuen Markt sind sie verbindlich.

Mit den Vorschriften will die Börse nach den Worten von Riess einer möglichen Richtlinie der EU zuvorkommen. "Börse und Marktteilnehmer wollen nicht so lange warten. Wir müssen schon heute ein Zeichen setzen und die Diskussion vorantreiben." Auch die Flaute bei Neuemissionen sei kein Hinderungsgrund. Man müsse sich jetzt darum bemühen, so Riess, die Qualität der Informationen rund um einen Börsengang zu verbessern und "einen weiteren Schritt Richtung Anlegerschutz" zu gehen. Die am Mittwoch vorgestellten Grundsätze hat die Börse gemeinsam mit Vertretern von Banken, Emittenten, Investoren und IPO-Experten erarbeitet. Sie werden jetzt noch einmal in einer vierwöchigen öffentlichen Anhörung im Internet zur Diskussion gestellt, bevor sie endgültig verabschiedet werden.

Verhaltensregeln für Banken

Nach dem jetzt vorliegenden Konzept gibt es genaue formale und inhaltliche Angaben über die Gestaltung des Prospektes. Inhaltlich soll dezidiert auf Risiken für das jeweilige Unternehmen hingewiesen werden. Aussagen zum künftigen Geschäftsverlauf sollen eindeutig erkennbar sein. Zugleich sollen die Emissionsbanken 14 Tage vor und bis mindestens 30 Tage nach dem Börsengang (IPO) keine Studien über das Unternehmen veröffentlichen (Black-out-Periode).

Der Börsenkandidat selbst soll vier Wochen vor und vier Wochen nach dem Börsengang keine Angaben machen, die nicht im Prospekt stehen, aber für die Beurteilung der Aktie wichtig sind. Offengelegt werden sollen alle Geschäfts- und Rechtsbeziehungen des Börsenkandidaten mit den Mitglieder des Vorstandes oder des Aufsichtsrates. Auch Beteiligungen von mindestens fünf Prozent an anderen Unternehmen müssen genannt werden. Schließlich müssen etwaige Sanktionen gegen Mitglieder des Managements in den letzten zehn Jahren, wie Verurteilungen, Bußgelder oder Berufsverbote angegeben werden. Angaben darüber, wie mögliche Verstöße gegen die neuen Vorschriften bestraft werden sollen, macht die Börse allerdings nicht.

Unternehmensvertreter begrüßten die Vorschriften zum Going Public und werten sie als wichtigen Schritt, wieder neues Vertrauen bei den Anlegern zu schaffen. Erfreulich sei, dass Vertreter von Banken, Emittenten, Investoren und Privatanlegern in die Ausarbeitung des Entwurfs einbezogen worden seien, hieß es etwa bei Lufthansa und Hypo-Vereinsbank. Andere Emissionsbanken sehen allerdings Konfliktpotenzial. "Alles, was im Prospekt steht, ist im Extremfall haftungsrelevant", heißt es in Frankfurt. Die Banken hielten sich deshalb mit Prognosen ohnehin zurück. Zu amerikanischen Verhältnissen werde es in Deutschland wohl nicht kommen. In den USA ist die Veröffentlichung von Unternehmensstudien rund um den Emissionstermin strikt verboten. Experten rechnen mit einem Mittelweg zwischen den Verhältnissen in den USA und der bisherigen Praxis in Deutschland. Problematisch könnten die Vorgaben auch für Wirtschaftsprüfer sein, sagen Experten.

Börsenvorstand Riess kritisierte am Mittwoch erneut das Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt gegen die Regeln zum Ausschluss von Billigaktien am Neuen Markt. Damit würden der Börse beim Bemühen um die Verbesserung des Gesamtmarktes und des Anlegerschutzes "enge Grenzen" gesetzt. Dagegen bewertet Roland Lacher, Vorstandschef der am Neuen Markt notierten Singulus AG, das Urteil als peinliche Schlappe für die Deutsche Börse. Er forderte im Gespräch mit dem Tagesspiegel, am Neuen Markt ein Premiumsegment für die soliden Unternehmen zu schaffen. Es könne nicht sein, dass Qualitäts-Papiere durch die Skandale am Neuen Markt "quasi in Sippenhaft genommen" und mit nach unten gezogen würden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben