Wirtschaft : Die Börse wird zur Achterbahn

DANIEL RHEE-PIENING

Das vergangenen Jahr hat die Börsianer - so sie es nicht schon wußten - eines gelehrt: Es geht nicht nur aufwärts an den Aktienmärkten.Jahrelang wurde ihnen dies suggeriert.Man müsse seine Aktien nur lange genug halten und schon habe man ein schönes Kapitalpolster, war das Credo von André Kostolany bis zum Deutschen Aktieninstitut.Sie konnten sich hierbei auf Zahlen der Vergangenheit stützen, und sogar der große Crash vom Ende der achtziger Jahre konnte ihre Beobachtungen nicht widerlegen.Wählt man den Betrachtungszeitraum nur lange genug, trifft ihre These auch nach wie vor zu, doch in jüngster Zeit ist es schwieriger geworden, in die Zukunft zu blicken.Der Deutsche Aktienindex (Dax) befindet sich auf Berg und Talfahrt.Übers Jahr gesehen lag die Schwankungsbreite bei 60 Prozent.

Noch bis zu Jahresmitte ging alles gut.Das Börsenbarometer stieg immer schneller in bisher unbekannte, ja nicht einmal erahnte Höhen.Nach einem Start mit 4315 Punkten am 2.Januar ging es zwar in der zweiten Woche noch bis auf 4087 Zähler abwärts, doch dann gab es kein Halten mehr.Die Performance im Januar erreichte immerhin 4,5 Prozent.Schon am 20.März konnte der Index die Marke von 5000 Punkten durchbrechen.Allen Warnungen zum Trotz erreichte der Index schließlich am 20.Juli mit 6171,43 Punkten zur Kasse seinen bisherigen historischen Höchststand.Im Verlauf dieses Tages hatte er sogar bei 6199 Zählern gelegen.

Die Voraussagen der Wertpapieranalysten, die sich noch zu Jahresbeginn so zurückhaltend geäußert hatten, wurden verlacht.Die Argumente für die Aufwärtsbewegung waren schnell gefunden: die niedrigen Renditen für festverzinsliche Wertpapiere.Die im Anschluß an die Emission der Deutschen Telekom bereits im November 1986 erwachte Neugier der Deutschen auf die Aktien, die riesigen Kapitalmengen, die - als Folge der Krise in Asien - in den USA und in Europa nach Anlagemöglichkeiten suchten, und nicht zuletzt das gute wirtschaftliche Umfeld trieben die Kurse in immer neue Höhen.Der Euro, so war bereits im Frühjahr eine Mehrheit der Anleger überzeugt, werde ein Erfolg und stabil.Den wagemutigsten unter den Anlegern boten sich am Neuen Markt Anlagemöglichkeiten.Neuemissionen waren regelmäßig um ein Vielfaches überzeichnet, Kurssteigerungen um mehrere hundert Prozent keine Ausnahme.

Es fehlte aber nicht an warnenden Stimmen.Im Inland wiesen Beobachter auf das sehr hohe Kurs-Gewinn-Verhältnis hin und warnten vor einer sogenannte Dienstmädchen-Hausse.Ein Auslöser für den Knick nach dem 20.Juli war die Rede von Alan Greenspan, Präsidenten der US-Notenbank.Er hatte erklärt, das Kursniveau sei wohl nur schwer zu halten und wollte eine Zinserhöhung in den USA nicht mehr ausschließen.Plötzlich rückte die Krise von Japan bis Hongkong wieder ins Bewußtsein.Hinzu kam die sich verschärfende Situation in Rußland und last but not least die Fast-Pleite eines der größten Hedge-Fonds.Bereits am 27.Juli notierte der Dax zur Kasse erstmals wieder unter 6000 Punkten.Die Talfahrt beschleunigte sich, als Moskau den Rubelkurs Mitte August praktisch freigab.

Doch von einem Crash kann nicht unbedingt gesprochen werden.Die Kleinanleger in Deutschland erwiesen sich als emanzipiert und bewiesen Haltung.Sie befolgten die Ratschläge der Börsianer und Banker und realisierten keine Verluste.Zu den Verkäufern gehörten zunächst die Asiaten, später auch die Fonds.Das zwischenzeitliche Tief von 3855 Punkten bedeutete einen Verlust von 38 Prozent gegenüber dem Rekordstand im Juli.

Doch mit der Zinssenkung im Oktober begann Mitte Oktober die Wende.Der Dow-Jones-Index verbuchte in diesem Monat seinen höchsten Wochengewinn seit 1982 und kletterte - als wäre fast nichts gewesen - wieder über die Marke von 8400 Punkten.Wer zum Jahresbeginn 100 000 DM angelegt hatte, konnte am 3.November bereits ein Vermögen von 112 069 DM - zumindest auf dem Papier - sein Eigen nennen, so "Finanzen".Somit schlug die Geldanlage in Aktien immer noch alle gängigen Anlageformen.Wer zum Jahresbeginn eingestiegen war, konnte Anfang Dezember schon wieder auf ganz schöne Kursgewinne verweisen, und allein der November brachte ein Plus von über fünf Prozent.Angetrieben wurde die Entwicklung durch eine für deutsche Verhältnisse bisher unbekannte Fusionswelle.DaimlerChrysler, dessen Formierung bereits seit dem Frühsommer ihre Schatten vorauswarf, trieben die Kurse ebenso nach oben wie zuletzt Hoechst/Rhône-Poulenc oder die Übernahme von Bankers Trust durch die Deutsche Bank.Der Coup der Commerzbank in Italien schlug Wellen.Die Fusion von Viag mit Alusuisse beflügelte die Phantasie der Anleger ebenso wie die Gerüchte über einen Großeinkauf der Dresdner Bank.

Doch die Entwicklung im Dezember zeigte noch einmal deutlich, was sich inzwischen geändert hat.Die größte Euphorie ist vorbei, auch wenn Optimisten den Dow Jones schon bald wieder bei 10 000 Zählern sehen.Die Anleger sind sehr viel sensibler geworden.Zwar versuchten die Investmentfonds - wie gewohnt - gegen Ende des Jahres die Kurse in die Höhe zu treiben, um so ihre Bilanzen zu verbessern, doch die privaten Anleger blieben nervös.Bei der geringsten schlechten Nachricht, bei der geringsten Möglichkeit, Gewinne mitzunehmen, hagelte es Verkaufsorders, so daß der Dax bis zum Jahresende wieder etwas abgegeben hatte.

Alles in allem aber können die deutschen Aktionäre auf ein gutes Aktienjahr zurückblicken.Der Dax steht heute bei rund 4800 Punkten und liegt damit immer noch deutlich über der Marke von etwa 4500, die die meisten Beobachter noch zum Jahresbeginn voraussagten.Die Bundestagswahl im September wurde zu keiner Belastung.Selbst der Neue Markt ist etwas ruhiger und von den Anlegern angenommen worden.Insgesamt hat sich das Börsenbarometer im Jahresverlauf um rund 13 Prozent verbessert (Stand 23.Dezember).Verglichen mit festverzinslichen Wertpapieren, bei denen die Durchschnittsrendite inzwischen auf 3,74 Prozent zurückgegangen ist, ein akzeptables Ergebnis.

Doch auch für das neue Jahr sagen alle Beobachter sehr volatile Märkte voraus.Die nach unten revidierten Unternehmensgewinne sind bereits in den Kursen vorweggenommen, aber es bleiben Japan, Rußland und nicht zuletzt Brasilien.Wird die weltweite Krise dort wieder virulent und kommt es gar zu deflationäre Tendenzen, kann es zu neuen schweren Einbrüchen an den weltweiten und natürlich auch an den deutschen Aktienmärkten kommen.

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