Wirtschaft : Die Börse zeigt bei der Baisse ihr häßliches Gesicht

UDO RETTBERG (HB)

Wer vergeßlich ist, den bestraft die Börse gnadenlos.Für die Yuppies unter den Börsianern stellt sie ein weitgehend unbekanntes Phänomen dar; ältere Anleger können sich dagegen noch sehr gut an sie erinnern.Die Rede ist von der Baisse, von jener durch anhaltend sinkende Kurse charakterisierten Börsentendenz.Dieses Ungetüm versetzt Börsianer in unregelmäßigen Zeitabständen in Angst und Schrecken.Verwöhnt von einer jahrelangen Blütezeit der Börsen hatten zahlreiche Anleger die Erinnerung an den Faktor Baisse offensichtlich verloren.Diese Vergeßlichkeit kam sie in jüngster Zeit an fast allen Weltbörsen sehr teuer zu stehen.

Eine Besonderheit der Baisse liegt darin, daß sie ohne größere Vorwarnung praktisch von einer Stunde zur anderen ihre volle Kraft und Dynamik entfalten kann.Das Tückische an der Baisse ist zudem, daß sie sehr viel weniger Zeit benötigt, jene Kursgewinne aufzuzehren, für die ihr Pendant - die Hausse also - viele Monate oder Jahre benötigt hat.Das Positive an der Baisse ist demgemäß auch, daß sie in der Regel nur ein im Verhältnis zur Hausse recht kurzes Leben hat.

US-Notenbankchef Alan Greenspan wird angesichts der kräftigen Baisse an den Börsen rund um den Globus heute wohl kaum mehr von "irrationalen Üppigkeiten" an den Aktienmärkten oder aber von bestehenden Inflationsrisiken sprechen.Möglicherweise wird dem mächtigsten Geldpolitiker der Welt bei den derzeitigen Finanzmarkt-Turbulenzen gar nicht so wohl sein.Immer mehr Ökonomen und Politiker in den USA fordern die Fed (für Federal Reserve, die amerikanische Notenbank) vor dem Hintergrund der unverkennbaren deflationären Tendenzen inzwischen nämlich ganz offen zu einer Lockerung ihrer Geldpolitik auf.Dabei erinnern sie den Fed-Chef auch an die globale Führungsrolle der USA und die daraus abzuleitende Verantwortung für die Weltwirtschaft.Es wäre allerdings vermessen und sicher auch falsch, die Fed in die Rolle der Welt-Notenbank drängen und auf diese Weise anderen Zentralbanken Eigenverantwortung abnehmen zu wollen.

Nicht nur in den Emerging Markets, sondern auch an den traditionellen Börsen der Welt haben die Bären - die Pessimisten - inzwischen das Sagen.So sind nicht nur die in den ersten Monaten dieses Jahres angefallenen Kursgewinne vielerorts inzwischen vollständig aufgezehrt.In Asien und Osteuropa sind gegenüber Ultimo 1997 sogar Kurseinbrüche von durchschnittlich fast 50 Prozent zu verzeichnen.

Eine detailliertere Analyse der Situation an der US-Börse macht sehr wohl deutlich, daß die Baisse tiefere Spuren hinterlassen hat als dies zum Beispiel der Kursrückgang des 30 führende Industriewerte reflektierenden Dow-Jones-Index aufzeigt.Die "nur" 19prozentige Korrektur des Dow, die als normale Übertreibung einer vorausgegangenen Überhitzungsphase interpretiert werden könnte, ist in diesem Kontext jedoch nur als halbe Wahrheit zu sehen.

Sehr rasch wird bei einem Blick auf die wesentlich marktbreiteren Indizes (z.B.Nasdaq, Russell 2000) deutlich, daß die jüngste Baisse an der Wall Street schon längst nicht mehr nur als eine "Rückkehr zur Normalität" interpretiert werden kann.Im Vergleich zu ihren historischen Höchstständen haben diese beiden Indizes inzwischen rund 23 Prozent bzw.rund 30 Prozent eingebüßt.

Die Gründe für die jüngste Baisse sind vielfältig.Wenn die Finanzkrise Rußlands in aktuellen Kommentaren als Baisse-Katalysator Erwähnung findet, so erscheint eine solche Betrachtung zu oberflächlich.Denn Rußlands Volkswirtschaft weist längst nicht jene Bedeutung in der Welt auf, als daß von hier allein ernste Gefahren für die Globalökonomie ausgehen könnten.

Wenn die Börse ihre Rolle als "ökonomisches Frühwarnsystem" nach wie vor spielt, dann lassen die jüngsten Kurseinbrüche vielmehr eine deutlich dramatischere Deutung zu.In der Vergangenheit hatten sich negative Tendenzen an den Börsen mit einer zeitlichen Verzögerung von rund neun bis zwölf Monaten oftmals auf dem realen Gütersektor wiederholt.Eine solche Deutung würde - auf die derzeitige Situation übertragen -bedeuten, daß sich in der Weltwirtschaft über kurz oder lang rezessive Tendenzen einstellen.Vieles spricht daher dafür, daß auch die zuletzt gegen Rezessionssignale weitgehend immun gebliebenen Volkswirtschaften in Nordamerika und Europa in ein negatives ökonomisches Fahrwasser geraten könnten.

Gerade vor diesem Hintergrund verbietet sich für die Notenbanken in den USA und in Europa eine Verschärfung des geldpolitischen Kurses.In diesem Zusammenhang ist zu erwarten, daß in einer Art konzertierter Aktion zwischen den USA, Europa und Japan in nächster Zeit konkrete Maßnahmen zur Stabilisierung des japanischen Bankenwesens eingeleitet werden.Wie anders wäre sonst die jüngste Schwäche des US-Dollars zu erklären.

US-Staatsanleihen galten während der jüngsten Krise als der "sicherste Hafen" für internationale Fluchtgelder.Der immense Liquiditätszufluß an diesen Markt hat es den großen japanischen Kapitalsammelstellen indes ermöglicht, ihre in US-Treasuries in immenser Größenordnung bestehenden Dollar-Positionen zu liquidieren und damit auf den heimischen Yen-Markt zurückzuholen.

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