Wirtschaft : "Die Börsen liefern ein klares Votum für den Euro"

TAGESSPIEGEL: Die deutschen Aktien klettern unaufhaltsam nach oben.Gerade erst übersprang der Dax die 6000-Punkte-Hürde.Waren Sie überrascht?

THIEME: Ja, und zwar darüber, wie schnell es gegangen ist.Hätte man mir zu Jahresanfang gesagt, wir kommen auf 6000 in diesem Jahr, hätte ich das für übertrieben gehalten.

TAGESSPIEGEL: Ist dieses Wachstum auf Dauer durchzuhalten?

THIEME: Eines muß man feststellen: In dem gleichen gigantischen Tempo können wir nicht weitermachen, das ist unmöglich.Wenn wir jedes halbe Jahr um die 40 Prozent zulegen, kommen wir bis zum Jahr 2010 auf 30 Mill.Punkte beim Dax.Das zeigt schon, daß das nicht geht.Wir müssen wieder auf die Fundamentalanalyse zurückkommen.Und die besagt, daß die Börse im Jahr im Schnitt zehn Prozent einbringt.

TAGESSPIEGEL: Was treibt die Börse zu solchen Spitzenwerten?

THIEME: Das wirtschaftliche Umfeld in Europa und speziell in Deutschland ist äußerst günstig.Die Börse glaubt derzeit an den Euro - und sagt sogar, der Euro wird ein Erfolg werden.Die Börsen, die im Gebiet der Teilnehmer an der Währungsunion liegen, sind in diesem Jahr alle stärker gelaufen als die Nicht-Euro-Länder.Das ist ein klares Votum für den Euro.

TAGESSPIEGEL: Das alleine kann die Hausse nicht ausgelöst haben...

THIEME: Nein, hilfreich ist natürlich die durch den Generationswechsel ausgelöste Liquidität am Markt.Die deutsche Nachkriegsgeneration ist dem Anlageinstrument Aktie sehr positiv gegenüber eingestellt.Die jungen Menschen legen ihr Geld jetzt an, um fürs Alter vorzusorgen.Denn jeder unter 40jährige, der heute noch davon ausgeht, daß seine Pension vom Staat gesichert ist, gibt sich einer gewissen Illusion hin.

TAGESSPIEGEL: Auch das Zinsumfeld scheint ja zu stimmen.Zinserhöhungen jedenfalls scheinen nicht in Sicht.

THIEME: Richtig, denn wir haben ein inflationäres Umfeld, das global bei den Industrienationen kaum einen Anstieg zuläßt.Die Inflation bleibt für mich in den nächsten drei bis fünf Jahren in der westlichen Welt unter drei Prozent.Damit gibt es wenige Gründe für die Zentralbanken, die Zinsen stark zu erhöhen.

TAGESSPIEGEL: Wo sehen Sie den Dax zur Jahrtausendwende?

THIEME: Bei 7000 Punkten.Das wird manchen enttäuschen, denn das hieße ja nur 15 Prozent Zuwachs in 18 Monaten.Aber das paßt in die langjährige Erfahrung.

TAGESSPIEGEL: Sollten Anleger jetzt schon wieder in Asien investieren?

THIEME: Es gibt wenige, die sagen, daß man jetzt in Asien anfangen muß.Doch ich gehöre dazu.Wenn ich heute eine Pensionskasse zu verwalten hätte und Versicherer wäre, würde ich nach Asien schauen und drei bis fünf Prozent dort investieren.

TAGESSPIEGEL: Gilt das auch für Privatanleger?

THIEME: Ich empfehle, 45 Prozent der Gelder in Europa anzulegen, 25 Prozent in den USA, 15 Prozent in Japan, in Lateinamerika fünf Prozent, in Asien außer Japan acht Prozent und in Osteuropa zwei Prozent.Ich gehe davon aus, daß die Börse in Japan in den nächsten zwölf Monaten um 30 bis 40 Prozent steigen kann.Beim Nikkei-Index sind die 20 000 Punkte in diesem Zeitraum machbar.Voraussetzung ist allerdings eine Sanierung der Banken mit einigen hundert Mrd.Dollar und außerdem ein Steuerpaket mit dauernden Steuersenkungen für die Verbraucher.Der Staat muß die am Boden liegende Wirtschaft stimulieren.

TAGESSPIEGEL: Was sind derzeit Ihre Aktienfavoriten?

THIEME: In Deutschland empfehlen wir Siemens-Aktien - weil die sehr stark zurückgeblieben sind - und die Commerzbank.Im internationalen Bereich die Bank of Tokyo.In Rußland würde ich Lukoil kaufen.

TAGESSPIEGEL: Wie bewerten Sie den einzigen Berliner Dax-Wert, die Schering AG?

THIEME: Schering hat heute für mich zwei Vorteile: Erstens ein sehr gutes Management.Zweitens: Schering ist im richtigen Sektor, nämlich in der Biotechnologie und im Pharmabereich.Darüber hinaus hat Schering Übernahmephantasie - und könnte durchaus für einige große internationale Pharmakonzerne ein Übernahmekandidat sein.Dieser Kombination traue ich die Kursrichtung 300 DM bis Ende des Jahrtausends zu.Der Wert paßt in jedes solide Portefeuille.Natürlich ist Schering in seinen Kursmöglichkeiten nicht mit den Titeln im Neuen Markt zu vergleichen.

TAGESSPIEGEL: Der freilich ziemlich umstritten ist...

THIEME: Der Neue Markt ist sehr zu begrüßen, um das Aktiensparen in Deutschland populärer zu machen.Aber zur Zeit ist er eher eine Spielbank denn eine Börse.Hier werden Kurssteigerungen erzielt, die unrealistisch sind.Man muß den Anleger aufklären: Wenn hier eine Neuemission auf den Markt kommt und sie mit einer Prämie von 50 oder 100 Prozent gehandelt wird, sind das Weihnachtsgeschenke.Das passiert hier und da mal, auch an der Wall Street.Doch den Neuen Markt kann man noch nicht als seriös bezeichnen.Er ist wie ein Kleinkind, das aufwächst und jeden erdenklichen Fehler macht.Ich warne die Anleger: Wenn Unternehmen mit einer handvoll Mitarbeitern eine Marktkapitalisierung von mehreren Mrd.DM haben, dann ist das kaum zu rechtfertigen.Da wird es in Zukunft - wenn nicht Pleiten - so doch spektakuläre Kurseinbrüche geben.60 bis 80 Prozent halte ich für durchaus denkbar.Doch das Risiko haben die Anleger ganz alleine zu verantworten.

TAGESSPIEGEL: Die Kurse mancher Neuer Markt-Aktien sind in wenigen Monaten um tausend Prozent gestiegen.Was hat das noch mit dem wahren Unternehmenswert zu tun?

THIEME: Es gibt Unternehmen, wo sehr viel Luft gehandelt wird.Wir können aber nicht per Gesetz verbieten, daß Menschen sehr viel für eine Aktie zahlen.Ich kann nur allen Anlegern empfehlen, ihre Aufträge zu limitieren.

TAGESSPIEGEL: Frankfurt sorgt nicht nur mit dem Neuen Markt für Aufsehen.Mittlerweile bahnen sich Zusammenschlüsse mit London, Paris und sogar der New Yorker Nasdaq an.Haben da regionale Plätze wie Berlin überhaupt noch eine Chance?

THIEME: Regionalbörsen an sich haben ihre Blütezeit hinter sich.Daran gibt es kaum Zweifel.Sie haben dennoch ihre Berechtigung, wenn es darum geht, regionale, ortsgebundene Gesellschaften an den Markt zu bringen.Es gibt Kleinstunternehmen, die einfach nicht an den internationalen Märkten gehandelt werden.Die Regionalbörse ist vergleichbar mit dem Teenager, die Großen sind die Volljährigen.Nur müssen sich die regionalen Plätze auf ihren Lokalcharakter besinnen.Es wäre für mich beispielsweise nicht besonders sinnvoll, eine Volkswagen-Aktie hier in Berlin zu handeln.Ein Berliner Unternehmen dagegen hier mit der nötigen Ortskenntnis vorzustellen, das wäre ein wesentlicher Beitrag zur Börsenlandschaft.Ich glaube auch, daß die Aktien weiter dort die größten Umsätze haben werden, wo sie ansässig und bekannt sind.

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