Wirtschaft : Die Bombe des „lieben Führers“

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il liebt Elizabeth Taylor – und bedroht Amerika mit Atomwaffen

Peter Carlson

Als Kim Jong Il 1942 in einer Holzhütte auf dem heiligen koreanischen Berg Paekdu zur Welt kam, strahlte ein Stern am Firmament auf und es erschien ein zweifacher Regenbogen. Eine Schwalbe schwebte vom Himmel und verkündete die Geburt eines „Generals, der über die Welt herrschen wird“. Ein Soldat sah Stern und Regenbogen und frohlockte: „Oh Korea, ich verkünde die Geburt des Sterns von Paekdu!“

Dies ist die offizielle nordkoreanische Version von der Geburt Kim Jong IIs. Westliche Historiker berichten nüchterner über die Geburt des brutalen Diktators, der die Welt mit Nuklearwaffen bedroht: Kim Jong II wurde in einem sibirischen Armeelager geboren. Dorthin waren sein Vater Kim II Sung und seine kleine Schar kommunistischer Guerrilleros vor den Japanern geflohen. Kim Il Sung, der sich selbst „großer Führer“ nannte, taufte seinen Sohn zum „lieben Führer“.

Es ist schwer, die Wahrheit über Kim Jong II herauszufinden. Ein Dickicht offizieller nordkoreanischer Mythen und wilden, von südkoreanischen Medien verbreiteten Gerüchten rankt um sein Leben. Lässt die Gegenwart des „lieben Führers“ Bäume blühen und Schnee schmelzen? Injiziert er sich Blut von Jungfrauen, um jung zu bleiben? Importiert er blonde Gespielinnen aus Schweden? Wahrscheinlich nicht. Doch das wahre Leben von Kim Jong II ist mindestens so eigenartig wie die Mythen um seine Person.

Der „liebe Führer“ ist ein 160 Zentimeter großer, dicklicher Stalinist. Er trägt Plateauschuhe und dauergewellte Haare, um größer auszusehen. Während in den vergangenen Jahren mehr als eine Million Nordkoreaner verhungerten, gab Kim Jong II Milliarden für gigantische Monumente und teure Spektakel aus. Ihr Zweck: Personenkult um sich und seinen Vater. Und er ist ein Filmproduzent; schon immer habe er Filme drehen wollen, sagt er. Dafür hat er eine südkoreanische Schauspielerin und ihren Mann, einen Regisseur, entführen lassen, damit sie beim Aufbau einer Filmindustrie helfen.

Kim Jong II hat schwer am Erbe seines Vaters zu tragen. Das meint zumindest Jerrold Post, ein Psychiatrie-Professor an der George-Washington-Universität und Ex- CIA-Mitarbeiter. „Es ist schon schwer genug, das Erbe eines erfolgreichen Vaters anzutreten. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn der Vater als eine Art Gott angesehen wird." Der Vater von Kim Jong II war ein ungebildeter Guerrillero, der sich als gottähnlicher Kaiser dargestellt hat. Die sowjetische Armee hat Kim Il Sung nach dem Zweiten Weltkrieg an die Macht gebracht. Fast 50 Jahre hat er das Land diktatorisch regiert.

Der „liebe Führer“ zog seit Anfang der 80er Jahre hinter den Kulissen die Strippen. Als der große Führer im Juli 1994 starb, erwarteten Diplomaten eine Regierungserklärung. Doch die Mitteilung blieb aus. Das Schweigen in der Hauptstadt Pjöngjang löste heftige Spekulationen in den westlichen Medien aus: Kim Jong II sei krank oder von der Macht verdrängt worden. Erst drei Jahre später berichtete die offizielle nordkoreanische Nachrichtenagentur, dass der öffentliche Druck die Partei gezwungen habe, Kim Jong II zum Regenten der Nation zu wählen.

Der „liebe Führer“ regiert ein ruiniertes Land. Die nordkoreanische Volkswirtschaft brach in den 90er Jahren zusammen. Der Grund: Überschwemmungen, jahrzehntelanges Missmanagement und die ausbleibende finanzielle Unterstützung aus der Sowjetunion. Fabriken schlossen, Büros wurden nicht mehr geheizt und der Strom funktionierte nur hin und wieder. Mindestens eine Million der 22 Millionen großen Bevölkerung verhungerte. Kim Jong Il blieb von der Hungersnot nicht unberührt. Er exekutierte seinen Landwirtschaftsminister.

Ist Kim psychisch krank?

Kim Jong Il liebt das Kino. Er hat mehr als 10 000 Videos, vor allem mag er Filme wie „Der Pate“, James-Bond-Streifen und alle Werke mit Elizabeth Taylor. Wie eine Seifenoper mutet auch das Privatleben des Kim Jong Il an. Sein Vater war ein Tyrann, der sich für einen Gott hielt. Seine Mutter starb, als er vier Jahre alt war. Und ein Jahr später musste er mit ansehen, wie sein Bruder in einem Brunnen ertrank.

Sein Vater heiratete wieder und, wenn man den Berichten von Abtrünnigen glaubt, hasste der liebe Führer seine Stiefmutter. Solche Traumata können psychische Störungen auslösen. Und Jerrold Post, der Psychiatrie-Professor und frühere CIA-Mitarbeiter, hält Kim für ernsthaft psychisch krank. In einer kürzlich verfassten Charakterstudie erklärt Post, dass sich die Geistesstörung in übertriebenem Mit-Sich-Selbst-Beschäftigen äußere, in der Unfähigkeit zu Empathie, einem Mangel an Gewissensbissen, Paranoia und „ungezügelter Aggression“.

Das erklärt vielleicht einiges. Zum Beispiel, dass die Armee des „lieben Führers“ 1998 eine Rakete auf Japan abgefeuert hat. Die Rakete flog über Japan und stürzte in den Pazifik. Die Nachbarn Nordkoreas waren bestürzt. Im Januar 2002 prangerte der US-Präsident George W. Bush Nordkorea als Teil der „Achse des Bösen" an. Im Oktober gab die Regierung Nordkoreas zu, sie arbeite an der Herstellung einer Atombombe. Kim drohte mit dem Export oder der „physischen Vorführung" der Waffen. Einige Tage später verkündete Nordkorea zudem, es würde jeden Versuch der Amerikaner, Wirtschaftssanktionen zu verhängen, als „grünes Licht für einen Krieg" betrachten.

Dann gab es plötzlich einen kurzen Hoffnungsschimmer: Am 16. Februar, dem 61. Geburtstag Kim Jong Il, teilte das nordkoreanische Fernsehen mit, ein seltener, weißer Waschbär sei gesichtet worden. Der Fernsehsender wertete das Tier als ein sicheres Zeichen dafür, dass wieder gute Zeiten anbrechen würden.

Aus der Washington Post

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